8. Mai 2017 um 15:21 Uhr

Strittige Szenen am 36. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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© imago/Sportsword

Der Elfmeter für Kiel, die nicht gegebenen Strafstöße für Rostock und Duisburg (2), ein Rückpass von Frankfurt-Verteidiger Schäfer, das 3:1 für Regensburg und ein nicht anerkannte Treffer für Bremen II. Am 36. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de sieben strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: 25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Seit Februar 2015 hat er eine neue Aufgabe: Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab.

Szene 1: Matthias Henn (Hansa Rostock) stellt sich in den Lauf von Marvin Ducksch (Holstein Kiel), der dadurch zu Fall kommt. Schiedsrichter Marco Fritz zeigt auf den Punkt. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Ducksch legt sich den Ball im Strafraum an Henn vorbei und will an ihm vorbeilaufen. Henn stellt dabei seinen Körper in den Weg – ohne dabei zurückzuziehen oder die Möglichkeit zu haben, den Ball spielen zu können, und bringt dadurch den Kieler Angreifer zu Fall. Eine richtige Entscheidung, auf Strafstoß für Kiel zu entscheiden.

Szene 2: Timo Gebhart (Hansa Rostock) kommt im Strafraum an den Ball und wird von Rafael Czichos (Holstein Kiel) zu Fall gebracht – Fritz lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 3:40]

Babak Rafati: Gebhart läuft in den Strafraum von Kiel. Als er bemerkt, dass sich Czichos nähert, zieht er seinen rechten Fuß über den Rasen nach und kommt zu Fall. Der Verteidiger zieht sogar sehr clever zurück und macht überhaupt keine Anstalten in den Zweikampf zu gehen, um eben keinen Strafstoß zu verursachen. Der Kontakt kommt erst durch das Zufallkommen vom Angreifer zustande. Der Schiedsrichter wird diesen kompletten Vorgang sicherlich so genau nicht gesehen haben, aber der Bewegungsablauf lässt diesen Sachverhalt für ihn erahnen, der durch die TV Bilder bestätigt wird. Hier nicht auf Strafstoß zu entscheiden, ist eine richtige Entscheidung. Optimal wäre es allerdings gewesen, Gebhart zudem wegen Schwalbe die gelbe Karte zu zeigen und das Spiel mit einem indirekten Freistoß für Kiel fortzusetzen.

 

Szene 3: Tugrul Erat (MSV Duisburg) wird im Strafraum zu Fall gebracht, einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Tobias Fritsch jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:37:30]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter hat freie Sicht und kann das Geschehen sehr gut beobachten. Natürlich bearbeitet der Verteidiger ein wenig seinen Gegenspieler, jedoch ist dieser Zweikampf im Bereich des Erlaubten. Der Angreifer dreht sich auch ein wenig um sich selbst und verliert dadurch die Orientierung. In dieser Szene weiterspielen zu lassen, ist eine richtige Entscheidung. Es ist ohnehin branchenüblich und legitim, dass solche Szenen bei knappen Ergebnissen kurz vor Spielende zunehmen.

Szene 4: Nachdem Kingsley Onuegbu (MSV Duisburg) im Strafraum an den Ball kommt, wird er von Philipp Steinhart (Sportfreunde Lotte) geblockt und zu Fall gebracht – das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:38:40]

Babak Rafati: Auch hier steht der Schiedsrichter optimal und kann den Zweikampf im Strafraum gut sehen und richtig bewerten. Beide Spieler, Onuegbu und Steinhart, springen im Strafraum von Lotte zum Kopfball hoch. Dabei kommt es zu einem fußballtypischen Kontakt, sodass kein Foulspiel vorliegt –  auch wenn Onuegbu anschließend zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 5: Frankfurt-Keeper Sören Pirson nimmt einen Rückpass von Steffen Schäfer auf, Schiedsrichter Alexander Sather lässt die Partie weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 1:22:30]

Babak Rafati: In dieser Szene stellt sich die entscheidende Frage, ob Schäfer im Sinne der Rückpassregel seinem Torhüter den Ball zuspielt oder nicht. Man kann sehr gut beobachten, dass Schäfer im Lauf ist und den Ball beim Abwehrversuch klärt und diesen nicht kontrolliert in Richtung des eigenen Torhüters spielt. Daher eine richtige Entscheidung, das Spiel nicht zu unterbrechen und weiterspielen zu lassen. Gut auch, dass der Schiedsrichter durch seine Körpersprache unmissverständlich anzeigt, den Vorgang gesehen, aber als nicht regelwidrig bewertet zu haben. Diese Außenwirkung sorgt für Klarheit und Akzeptanz.

 

Szene 6: Sebastian Tyrala (Rot-Weiß Erfurt) führt einen Freistoß aus, trifft dabei jedoch den Rücken von Marco Grüttner (Jahn Regensburg), der den Ball aufnimmt und frei auf das Tor zu rennt. Beim anschließenden Duell mit RWE-Keeper Klewin foult er diesen, danach fällt das 3:1 für Regensburg. Schiedsrichter Justus Zorn gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Grüttner hält nicht den erforderlichen 9,15-Meter-Abstand zum Freistoßort ein. Tyrala moniert diese Nichteinhaltung des Abstandes auch offensichtlich beim Schiedsrichter, dieser lässt sich aber darauf nicht ein. Dabei hätte der Schiedsrichter den erforderlichen Abstand herstellen müssen. Besonders der Assistent auf der entsprechenden Seite hätte diesen Vorgang sehr gut einschätzen und folglich den Schiedsrichter darauf aufmerksam machen können. Die Nichteinhaltung des Mauerabstandes in diesem Fall zieht eine gelbe Karte nach sich. Es hätte also eigentlich eine Wiederholung des Freistoßes sowie eine gelbe Karte gegen Grüttner ausgesprochen werden müssen.

Anschließend läuft der Torwart aus seinem Tor heraus und will den abprallenden Ball spielen respektive ins Seitenaus befördern – hier springt Grüttner mit gestecktem Fuß zum Ball. Auch wenn er den Torwart nicht trifft, hätte auch hier ein Pfiff erfolgen und das Spiel wegen Foulspiels mit Freistoß für den Torwart fortgesetzt werden müssen. Eine gelbe Karte wäre für dieses Foulspiel nicht erforderlich gewesen, denn es liegt ein gefährliches und kein rohes oder gewaltsames Spiel vor. Auch diesen Vorgang, fast vor seiner Nase, hätte der Assistent durch seine Unterstützung vermeiden können. Somit liegen gleich zwei aufeinanderfolgende Fehlentscheidungen vor, die sicherlich im Schiedsrichter-Team besprochen werden.

 

Szene 7: Nach einer Flanke von Justin Eilers trifft Torben Rehfeldt zum 2:1 für Bremen, Schiedsrichter Asmir Osmanagic gibt den Treffer aufgrund eines vermeintlichen Foulspiels jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 3:35]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter schaut von hinten auf diesen Zweikampf, sodass das Sichtfeld nicht optimal ist. Der Verteidiger verschätzt ein wenig sich bei der Hereingabe und begeht einen Stellungsfehler. Aus der Position des Schiedsrichters kann man kein Foulspiel erkennen, höchstens erahnen. Auch in der Zeitlupe ist von der seitlichen Perspektive keine entscheidende Behinderung auszumachen. Der Assistent wiederum kann dieses vermeintliche Foulspiel nicht angezeigt haben, denn ein Signal wäre in diesem Bereich nur dann angebracht, wenn ein klares, zweifelsfreies Foulspiel für jedermann ersichtlich vorliegen würde. Von einer vertretbaren Entscheidung kann hier nicht mehr die Rede sein, somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

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