Strittige Szenen am 35. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für 1860, Bayern II, Magdeburg und Zwickau, zwei Foulspiele von Kaiserslautern, die gelbe Karte gegen Kolke, das Foulspiel von Verhoek an Schröck, der Strafstoß für Bayern II, der nicht gegebene Treffer für Uerdingen und das Foulspiel von Turtschan an Costly. Am 35. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Nach einer Hereingabe will Stephan Salger (1860) im Strafraum an den Ball, wird aber von Adam Hlousek (Kaiserslautern) am Trikot gehalten und zu Fall gebracht. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Christof Günsch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Nach einer Hereingabe von der linken Angriffsseite in den Strafraum will Salger zum Ball, wird dabei jedoch von Hlousek klar am Trikot gehalten und nach hinten gezogen. Dabei kommt Salger aus dem Gleichgewicht, kann nicht mehr den Ball spielen und fällt final zu Boden. Das Trikotziehen ist ursächlich für das Zufallkommen, sodass es in dieser Szene einen Elfmeter für 1860 München hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen. Bei einem besseren Stellungsspiel – etwas nach links rückend – hätte sich der Schiedsrichter eine bessere beziehungsweise freiere Sicht "erarbeiten" und das Vergehen entsprechend ahnden können.

Szene 2: Im Laufduell mit Fabian Greilinger (1860) fährt Adam Hlousek (Kaiserslautern) den Ellenbogen aus, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:25]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell bemerkt Hlousek, dass Greilinger hinter ihm ist und an ihm vorbeilaufen und an den Ball kommen könnte. Daher nimmt er aktiv den Arm ein wenig zur Hilfe, um den Weg zu versperren. Dabei trifft er Greilinger im Gesicht. Von einem Schlag kann hier nicht die Rede sein, dennoch ist das ein Foulspiel, das mit einer gelben Karte geahndet werden müsste. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 3: Auch Richard Neudecker (1860) bekommt im Laufduell mit Marvin Senger (Kaiserslautern) den Ellenbogen ins Gesicht, erneut wird weitergespielt. [TV-Bilder – ab Minute 1:35:30]

Babak Rafati: Erneut kommt es bei einem Laufduell zu einem Gesichtstreffer. Diesmal zwischen Senger und Neudecker, wobei in dieser Szene keine aktive Bewegung von Senger ausgeht, vielmehr bekommt Neudecker den Ellenbogen im normalen Bewegungsablauf ins Gesicht. Somit liegt kein Foulspiel vor. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 4: Nach einem weiten Ball kommt Hansa-Keeper Kolke aus dem Tor, faustet den Ball weg und geht anschließend mit gestrecktem Bein in einen Zweikampf mit Robin Krauße (Ingolstadt), was von Schiedsrichter Sven Waschitzki die gelbe Karte zur Folge hat. [TV-Bilder – ab Minute 39:10]

Babak Rafati: Hansa-Keeper Kolke läuft aus seinem Tor heraus und will einen langen Ball an der Strafraumgrenze vor Kutschke wegfausten. Den Ball trifft er jedoch nicht, touchiert stattdessen allerdings Kutschke leicht am Nacken, nachdem dieser den Ball nach hinten geköpft hat. Der Ball prallt somit zurück zu Kutschkes Mitspieler Krauße. Kolke läuft anschließend mit gestrecktem Bein auf Krauße zu, um ihn zu attackieren. Kurz vorher zieht er aber wieder zurück und trifft ihn dadurch nicht mit diesem ausgestrecktem Bein, sondern lediglich leicht mit dem Knie. Das alles sieht sehr kurios aus.

Für die Einordnung eines möglichen Vergehens des Hansa-Keepers sowie einer Kartenfarbe, kann man erst einmal festhalten, dass dieser Glück hat, den Ball nicht zu treffen. Das wäre nämlich ein Handspiel außerhalb des Strafraumes, was Rot zur Folge hätte. Zudem hat Kolke Glück, dass er Kutschke nicht am Kopf trifft, denn auch dieses Vergehen wäre rotwürdig. Stattdessen ist das gestreckte Bein zu ahnden. Da er seinen Gegenspieler nicht voll trifft beziehungsweise keine glasklare Torchance vereitelt, reicht die gelbe Karte vollkommen aus, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, es bei einer gelben Karte zu belassen. Kompliment, in dieser Szene den Überblick zu behalten.

Szene 5: John Verhoek (Rostock) geht mit gestrecktem Bein in einen Zweikampf mit Tobias Schröck (Ingolstadt) und trifft ihn an der Wade/am Knie. Waschitzki belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 51:15]

Babak Rafati: Verhoek legt sich den Ball etwas zu weit vor, grätscht anschließend mit offener Sohle Richtung Schröck und trifft ihn dabei sehr brutal. Das ausgestreckte Bein bleibt hierbei auch nicht am Boden, also zum Ball gerichtet, sondern geht über den Boden in Richtung Knie und Wade von Schröck. Das ist eine brutale Aktion, bei der die Gesundheit des Gegenspielers gefährdet wird, sodass für diese Spielweise die rote Karte angebracht wäre. Eine Fehlentscheidung, es bei der gelben Karte zu belassen.

 

Szene 6: Im Strafraum geht Nicolas Kühn (Bayern II) im Duell mit Lukas Scepanik (Duisburg) zu Fall und fordert einen Elfmeter, den Schiedsrichter Steven Greif aber nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von Duisburg hat Scepanik zwar die Hand an der Schulter von Kühn, allerdings reicht das bei weitem nicht aus, um auf Foulspiel zu entscheiden, was einen Elfmeter für Bayern II zur Folge hätte. Das ist ein ganz normaler Zweikampf. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 7: Dennis Waidner (Bayern II) geht im Strafraum gegen Lukas Scepanik (Duisburg) zu Boden, es gibt Elfmeter für Bayern II. [TV-Bilder – ab Minute 3:20]

Babak Rafati: Waidner geht mit dem Ball in den Strafraum von Bayern II. Dabei grätscht Scepanik zum Ball und spielt auch nur das Spielgerät, sodass ein sauberes Tackling vorliegt und überhaupt nicht von einem Foulspiel die Rede sein kann. Obwohl der Schiedsrichter beste Sicht auf die Szene hat, entscheidet er auf Elfmeter für Bayern II. Das ist eine klare Fehlentscheidung.

 

Szene 8: Einen Schuss von Kai Brünker (Magdeburg) berührt Manuel Zeitz (Saarbrücken) im Strafraum am Boden liegend mit der Hand, Schiedsrichter Tobias Schultes lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 0:50]

Babak Rafati: Bei dieser Aktion grätscht Zeitz im eigenen Strafraum zum Ball und stützt sich mit dem Arm am Boden ab, sodass die Armhaltung natürlich ist und kein absichtliches Handspiel vorliegt. Somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 9: Auf Vorlage von Hans Anapak trifft Muhammed Kiprit zum 2:1 für Uerdingen. Schiedsrichter Dr. Robert Kampka entscheidet jedoch auf Abseits und gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:30:00]

Babak Rafati: Der Assistent kann aus seiner Position aus nicht erkennen, ob der Ball nach dem Zuspiel von einem der beiden Spieler (Mitspieler oder Gegenspieler) berührt wird oder der Ball unberührt auf direktem Weg zu Kiprit auf der linken Außenbahn gelangt. Er wird eine Berührung nicht gesehen und daher auf Abseits entschieden haben, was richtig wäre. Allerdings wird der Ball nicht direkt auf Kiprit durchgespielt, sondern vorher von einem gegnerischen Verteidiger zuerst berührt und gelangt erst dann zum anschließenden Torschützen. Da der Verteidiger bewusst zum Ball geht, das Spielgerät berührt und regeltechnisch eine neue Spielsituation entsteht, wird durch diesen Vorgang die Abseitsposition aufgehoben. Das Tor hätte somit zählen müssen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, diesen Treffer nicht zu geben. Der Assistent kann nur eine mögliche Abseitsposition erkennen und aus seiner seitlichen Position bewerten. Der Schiedsrichter hat wiederum durch die Spielnähe die Möglichkeit, die Berührung des Balles zu erkennen und den Assistenten nach Rücksprache zu überstimmen. Hier hat einfach die Kommunikation nicht gestimmt.

 

Szene 10: Im Strafraum geht Manfred Starke (Zwickau) im Duell mit Jeron Al-Hazaimeh (Meppen) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Patrick Kessel. [TV-Bilder – ab Minute 1:15]

Babak Rafati: Im Strafraum kommt es zu einem Zweikampf zwischen Starke und Al-Hazaimeh. Dabei kommt es zu einem minimalen Körperkontakt, den der Angreifer dankend annimmt und zu Fall kommt. Das ist natürlich kein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 11: Jannis Turtschan (Unterhaching) geht mit gestrecktem Bein in einen Zweikampf mit Marcel Costly (Mannheim) und räumt ihn rustikal ab. Schiedsrichter Tobias Fritsch belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 53:10]

Babak Rafati: Turtschan kommt mit voller Dynamik angelaufen, springt unkontrolliert hoch, setzt zu einer total übermotivierten Grätsche an und trifft alles außer den Ball. Er trifft Costly mit offener Sohle in die Füße/Bänder und räumt ihn zudem mit dem Nachziehbein ab. Durch diese brutale Spielweise wird die Gesundheit des Gegenspielers gefährdet, sodass eine (dunkel)rote Karte fällig wäre. Eine Fehlentscheidung, nur eine gelbe Karte zu zeigen.

Weiterlesen: Wer bisher am häufigsten benachteiligt wurde

   
  • MSchm

    Auch die ganze Anzahl an Elfmetergeschenken rettet Rot II nicht vor dem Abstieg in die RL

    • Zebra47053

      Hoffentlich….

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