Strittige Szenen am 34. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Ingolstadt, Halle und Wiesbaden, ein Foulspiel von Frick an Butler, der Strafstoß für Ingolstadt, das 2:0 und 3:2 von Rostock, das 1:2 von Meppen, das 1:0 von Halle und das 1:0 von Köln. Am 34. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de zehn Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Bei einer Ecke für den FC Ingolstadt wird Justin Butler (Ingolstadt) im Strafraum von Jozo Stanic (Zwickau) am Trikot gehalten und zu Fall gebracht. Schiedsrichter Markus Schmidt lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]

Babak Rafati: Bei einer Ecke für Ingolstadt will sich Butler in Position bringen und läuft einen Schritt Richtung Fünfer. Dabei hat Gegenspieler Stanic ein schlechtes Stellungsspiel und weiß sich nur noch zu helfen, indem er Butler mit dem Arm umklammert und zu Boden reißt. Das ist ein klares Foulspiel, und das Zufallkommen ist die Folge des vorangegangenen Vergehens von Stanic. Hier hätte es einen Elfmeter für Ingolstadt, sowie die gelbe Karte gegen Stanic für das Festhalten geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Solche Aktionen nach Eckstößen werden oft von Schiedsrichtern übersehen. Das liegt daran, dass der Schiri nicht alle Spielerpärchen im Auge behalten kann. Das sieht man in dieser Szene auch sehr gut daran, dass der Schiedsrichter nach dem Vergehen etwas zusammenzuckt, aber nur noch nachträglich feststellen kann, dass da womöglich etwas gewesen sein könnte. Das kann er aber nicht nachträglich ahnden, weil er es einfach nicht gesehen hat.

Szene 2: Justin Butler (Ingolstadt) erläuft sich bei einem Konter den Ball und wird von Davy Frick (Zwickau) im Laufduell zu Fall gebracht. Frick kommt mit Gelb davon. [TV-Bilder – ab Minute 2:15]

Babak Rafati: Das ist unumstritten ein Foulspiel von Frick. Bei der Bewertung der Kartenfarbe sind zwei Faktoren von Bedeutung. Erstens: Zum Zeitpunkt des Foulspiels ist zwar ein weiterer Verteidiger mitgelaufen, jedoch hätte er nicht mehr eingreifen können. Butler ist kurz vor dem gegnerischen Strafraum in vollem Lauf, also etwa 18 Meter vom Tor entfernt und der zweite, mitgelaufene Verteidiger etwa 2-3 Meter von ihm entfernt. Das reicht aus, dass der Verteidiger nicht mehr eingreifen kann und somit durch das ursprüngliche Foul eine glasklare Torchance verhindert wurde. Zweitens: Auch wenn der Angreifer nicht zentral auf das Tor zuläuft, sondern von der linken Strafraumseite kommt, würde der Verteidiger nicht mehr eingreifen können. Das hat zur Folge, dass aufgrund der sogenannten "Notbremse" die rote Karte fällig wäre. ​​​​​Für den Schiedsrichter ist das alles schwer zu sehen, weil er von hinten auf die Szene schaut und nicht die seitliche Perspektive hat. Somit kann er final nicht zweifelsfrei bewerten, welche Auswirkung das Foulspiel tatsächlich hat. Hier hätte der Assistent, der eben in dieser günstig seitlichen Position ist und sehr gut die Szene abschätzen kann, sehr wohl helfen können. Eine Fehlentscheidung, nur Gelb zu zeigen. Dieser gleiche Vorgang wäre natürlich bei einer weiteren Entfernung vom Tor weg anders gewesen und dann mit der gelben Karte angemessen sanktioniert worden.

Szene 3: Bastian Strietzel (Zwickau) blockt eine Flanke von Dennis Eckert-Ayensa (Ingolstadt) im Strafraum mit dem Oberschenkel ab. Schmidt entscheidet auf Handspiel und gibt Elfmeter für Ingolstadt. [TV-Bilder – ab Minute 3:15]

Babak Rafati: Nach einer Flanke von Eckert-Ayensa von der rechten Seite in den gegnerischen Strafraum bekommt Strietzel den Ball gegen den Oberschenkel und wehrt ihn zur Ecke ab. Allerdings entscheidet der Schiedsrichter auf Elfmeter. Eine Szene zu übersehen, ist für alle beteiligten nachvollziehbarer, als eine Entscheidung zu treffen, die in der Form schlicht und einfach falsch ist. Es kommt völlig berechtigt die Frage auf, was der Schiedsrichter in dieser Szene gesehen hat. Eine klare Fehlentscheidung, diesen Elfmeter für Ingolstadt zu pfeifen.

In dieser Szene hätte der Assistent, der einen hervorragenden Blick von der Seite hat, helfen und dem Schiedsrichter den tatsächlichen Ablauf beschreiben können, damit diese Fehleinschätzung korrigiert wird. Sollte ein Kontakt per Headset geschehen sein, war der Nachdruck vom Assistenten offenbar nicht groß genug. Das darf einfach nicht passieren.

 

Szene 4: Für ein Wegblocken von Christoph Hemlein (Meppen) gegen Pascal Breier (Rostock) gibt Schiedsrichter Konrad Oldhafer Freistoß für Rostock, aus dem das 2:0 fällt. [TV-Bilder – ab Minute 57:05]

Babak Rafati: Hemleins Blick ist nur auf Breier gerichtet, und als dieser sich kurz vor dem gegnerischen Strafraum dem Ball nähert und mit dem Blick nur den Ball folgt, checkt ihn Hemlein einfach zu Boden und lässt sich dann auch fallen. Das ist ein Foulspiel von Hemlein, da Spielobjekt nur der Gegner ist. Eine richtige Entscheidung, auf Freistoß für Rostock zu entscheiden.

Szene 5: Bei einem Luftzweikampf prallen René Guder (Meppen) und Damian Roßbach (Rostock) mit dem Köpfen zusammen und müssen nach einer Behandlung ausgewechselt werden. Der Schiedsrichter entscheidet auf Freistoß für Meppen, aus dem das 1:2 fällt. [TV-Bilder – ab Minute 1:25:10]

Babak Rafati: Bei diesem Luftkampf wollen Guder und Roßbach zum Ball. Allerdings ist Guder schneller am Ball und spielt diesen, was man (vor allem in der Zeitlupe) an der Flugbahn des Balles sehr gut erkennen kann. Roßbach kommt etwas zu spät und trifft mit dem Kopf Guder an dessen Kopf. Beide verletzen sich und müssen anschließend nach einer langen Behandlungspause ausgewechselt werden. Da Guder den Ball spielte und Roßbach nur einen Kopftreffer erzielte – wenn auch unglücklich – begeht Roßbach das Foulspiel. Wären beide mit den Köpfen zusammengeprallt – wie geschehen – und hätte keiner von beiden den Ball erreicht, wäre das Spiel mit einem Schiedsrichter-Ball fortgesetzt worden. Hier war es aber anders, daher eine richtige Entscheidung, Meppen einen Freistoß zuzusprechen.

Szene 6: Nach einem Zweikampf zwischen Jan Löhmannsröben (Rostock) und Tom Boere (Meppen) gibt der Schiedsrichter Freistoß für Rostock, aus dem das 3:2 für Hansa fällt. [TV-Bilder – ab Minute 2:30]

Babak Rafati: Löhmannsröben dreht sich auf der linken Angriffsseite einmal um die eigene Achse und will mit dem Ball am Fuß an seinem Gegenspieler Boere vorbeilaufen. Dabei kommt es sicherlich zu einem leichten Kontakt, aber dieser ist nicht ursächlich für den Faller von Löhmannsröben. Diesen Freistoß will der Angreifer und lässt sich daher nach diesem leichten Kontakt dankend fallen. Das ist allerdings kein Foulspiel, sondern ein ganz normaler Zweikampf mit Kontakt. Fußball ist nun einmal ein Kontaktsport und nicht jeder Kontakt ist ein Foulspiel, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, in dieser Szene auf Freistoß für Rostock zu entscheiden.

 

Szene 7: Antonios Papadopoulos (Halle) springt im Strafraum in einen Ball und geht im Duell mit Kevin Ehlers (Dresden) zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Max Burda. [TV-Bilder – ab Minute 40:45]

Babak Rafati: Papadopoulos wird im gegnerischen Strafraum von seinem Mitspieler angespielt und springt mit dem gestreckten Bein zum Ball. Hierbei setzt Gegenspieler Ehlers sein Bein halbhoch ein und kann dadurch das Spielgerät blocken und verhindern, dass der Ball auf das Tor kommt. Somit ist der Einsatz von Ehlers absolut regelkonform, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen. Es wäre sogar möglich gewesen, auf Freistoß für Dresden zu entscheiden, da Papadopoulos mit gestrecktem Bein in den Zweikampf geht.

Szene 8: Eine flache Hereingabe von Braydon Manu (Halle) kann Dynamo-Keeper Kevin Broll nur prallen lassen. Der Ball kommt zu Antonios Papadopoulos, der aus spitzem Winkel zum 1:0 trifft. Dynamo reklamiert Abseits, der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 0:45]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Torschusses von Manu steht Mitspieler Papadopoulos in Abseitsposition, greift aber noch nicht ins Spielgeschehen ein. Somit ist er nicht im strafbaren Abseits. Nach der Abwehr von Keeper Broll kommt der Ball nun zu Papadopoulos, der das Spielgerät ins gegnerische Tor schießt. Auch wenn der Ball vom Keeper kam und dadurch zuletzt von einem Gegenspieler abgewehrt wurde, liegt eine strafbare Abseitsposition vor. Da der Torhüter den Ball nicht absichtlich (!) zum Gegenspieler abwehrt, sondern eine Abwehraktion vorliegt, bei welcher der Torhüter einen Ball, der sehr nah ans Tor geht, abwehrt, handelt es sich um die gleiche und nicht um eine neue Spielsituation. Eine Fehlentscheidung, diesen Treffer für Halle zu geben.

Anders wäre es, wie es beim DFB-Pokal-Achtelfinale Borussia Dortmund gegen den SC Paderborn (3:2 n.V.) zu sehen war, wenn, nachdem ein Spieler den Ball zum Mitspieler spielt und dieser in Abseitsposition steht, ein Verteidiger zum Ball grätscht und das Spielgerät berührt und dieses trotzdem zum im zuvor Abseits stehenden Spieler gelangt. Dann wird die Abseitsposition aufgehoben und es entsteht eine neue Spielsituation. Dieses Grätschen zum Ball wird als absichtliche Aktion gewertet. Eine Regel, die sogar bei Experten und einigen aktuellen Bundesliga-Schiedsrichtern nicht immer bekannt ist. Das hat eine andere Szene am Folgetag beim anderen DFB-Pokal-Achtelfinale zwischen Jahn Regensburg und dem 1.FC Köln gezeigt, als das 2:0 für Köln wegen einer vermeintlichen Abseitsposition annulliert wurde und Regensburg am Ende mit 4:3 gewann. Am Ende stellte sich heraus, dass diese Regelauslegung eine Fehlentscheidung war.

 

Szene 9: Paterson Chato (Wiesbaden) kommt im Strafraum an den Ball und geht im Duell mit Lukas Scepanik (Duisburg) zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Patrick Hanslbauer. [TV-Bilder – ab Minute 0:50]

Babak Rafati: Chato will im gegnerischen Strafraum seinen Gegenspieler Scepanik ausspielen. Dabei trifft Scepanik zwar nicht den Ball, er trifft aber auch nicht Chato entscheidend im Zweikampf, sodass man nicht von einem Foulspiel sprechen kann. Selbst wenn es einen möglichen Kontakt gegeben haben sollte, wäre dieser nicht ausreichend für einen Elfmeter. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Nach einem Freistoß für Köln kommt der Ball über Mike Wunderlich und Kai Klefisch zu Michael Schultz, der zum 1:0 trifft. Verl reklamiert Abseits, Schiedsrichter Nicolas Winter gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Nach einem Kopfball von Klefisch von der linken Angriffsseite ist sehr gut erkennbar, dass zu diesem Zeitpunkt Mitspieler Schultz, der anschließend per Kopf einen Treffer erzielt, im strafbaren Abseits steht. Das kann man sehr gut an den Markierungen am Fünfmeterraum erkennen. Daher hätte aufgrund dieser Abseitsposition der Treffer für Köln nicht zählen dürfen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt.

Weiterlesen: Wer bisher am häufigsten benachteiligt wurde

   
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