Strittige Szenen am 33. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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© imago/deFodi

Das Tor für Kaiserslautern, die nicht gegebenen Elfmeter für 1860, Münster, Braunschweig, Meppen, Halle und Aalen, das 1:0 für Osnabrück, die Foulspiele von Dadashov, Engel und Sané, das Tor für Zwickau und die nicht gegebene gelb-rote Karte für Schau: Am 33. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 13 Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Einen Abstoß von FCK-Torhüter Lennart Grill klärt José-Junior Matuwila (Energie Cottbus) in Richtung der Mittellinie. Dort kommt Luke Hemmerich aus der Hälfte des 1. FC Kaiserslautern an den Ball und greift damit ins Spielgeschehen ein. Schiedsrichter Tobias Reichel entscheidet auf Abseits und gibt Freistoß für den FCK. Der Ball wird um einige Meter weiter nach vorne verlegt, danach fällt das Tor für Kaiserslautern. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]

Babak Rafati: Bis Mai 2016 war die Regelung noch so, dass der Freistoßort in der Spielfeldhälfte der Verteidiger liegt, da eine strafbare Abseitsposition auch nur in dieser Spielfeldhälfte vorliegen konnte. Jetzt wird der Freistoß dort ausgeführt, wo der Angreifer in das Spiel eingreift. Daher ist die Entscheidung des Ausführungsortes richtig, nämlich dort wo Hemmerich eingreift und das war in der gegnerischen Hälfte aus Sicht von Hemmerich.

 

Szene 2: Daniel Wein (1860 München) blockt einen Schuss von Rufat Dadashov (Preußen Münster) im Strafraum mit der Hand. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Gudio Winkmann nicht. [TV-Bilder – ab Minute 42:05]

Babak Rafati: Dadashov lupft den Ball aus kurzer Entfernung an die Hand von Wein. Dabei geht der Ball an die Hand und nicht anders herum – zudem ist der Arm in natürlicher Haltung. Das ist kein absichtliches Handspiel und somit ist die Entscheidung, weiterspielen zu lassen, richtig. Das sind genau die Szenen, die passieren würden, wenn man die Handspielregel vereinfachen würde und jedes Handspiel strafbar wäre. Eine derartige Änderung wäre daher nicht sinnvoll.

Szene 3: Nach einer Ecke für 1860 München kommt der Ball auf den kurzen Pfosten, wo Sandrino Braun (Preußen Münster) die Arme nach oben reißt und den Ball damit blockt. Kein Elfmeter, sagt Winkmann. [TV-Bilder – ab Minute 1:50]

Babak Rafati: Braun wird von seinem eigenen Torhüter etwas weggeschubst, reißt vielleicht deshalb seinen Arm in Torwartmanier hoch und blockt den Ball klar und deutlich absichtlich mit dem Arm. Hier hätte es einen Strafstoß für 1860 München und eine gelbe Karte gegen Braun geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 4: Bei einem Luftzweikampf bekommt Simon Lorenz (1860 München) den Ellenbogen von Rufat Dadashov (Preußen Münster) ins Gesicht. Der Preußen-Stürmer sieht Gelb, 1860 fordert Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:53:45]

Babak Rafati: Dadashov springt zum Kopfball hoch, holt dabei voll mit dem Ellenbogen aus, schlägt mit diesem nach hinten und trifft dabei Lorenz heftig im Gesicht. Das ist eine brutale Spielweise, zudem wird der Ellenbogen nur eingesetzt, um den Gegner vom Ball fernzuhalten. Ein sogenanntes "Modefoul". Es wird oft argumentiert, dass der Ellenbogen zum Schwungholen beim Kopfball eingesetzt wird. Man sollte jedoch mal genau hingucken, denn fast immer wird der Ellenbogen nur einseitig, also auf der Seite, an der der Gegenspieler steht, herausgenommen. Das ist eine brutale Spielweise und muss somit mit einer roten Karte geahndet werden. Eine Fehlentscheidung, nur Gelb zu zeigen.

 

Szene 5: Timo Röttger (Sonnenhof Großaspach) geht mit gestreckten Beinen in einen Zweikampf und bringt Niko Kijewski (Eintracht Braunschweig) im Strafraum zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Manuel Gräfe. [TV-Bilder – ab Minute 1:35:00]

Babak Rafati: Röttger kommt im eigenen Strafraum angelaufen und rutscht seinem Gegenspieler in die Beine, um die Flanke zu blocken. Dabei trifft er Kijewski klar mit seinem linken Fuß und bringt ihn dadurch zu Fall. Auch wenn Kijewski den Ball bereits abgespielt hatte, ist das ein Foulspiel und somit hätte es einen Strafstoß für Braunschweig geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen. Vielleicht hat der Schiedsrichter den Blick zu früh vom Zweikampf abgewendet und somit das Foulspiel nicht mehr sehen können.

 

Szene 6: Bei einem Angriff des VfL Osnabrück über Luca Pfeiffer (VfL Osnabrück) geht Assani Lukimya (KFC Uerdingen) mit gestrecktem Bein zum Ball und bringt Pfeiffer dadurch zu Fall. Schiedsrichter Timo Gerach gibt Freistoß für Osnabrück, aus dem das 1:0 fällt. [TV-Bilder – ab Minute 21:45]

Babak Rafati: Lukimya will vor dem eigenen Strafraum gegen Pfeiffer klären und trifft diesen im Hüftbereich – wenn auch unbeabsichtigt. Dennoch liegt ein Foulspiel vor und hätte sogar eine gelbe Karte nach sich ziehen müssen. Die Freistoßentscheidung für Osnabrück ist richtig, was zumindest Lukimya auch selbst weiß. Das sieht man sehr gut daran, indem er seinem Mitspieler beim Protestieren einen Klaps gibt, nach dem Motto: "Passt schon."

Szene 7: Ein Foul von Konstantin Engel (VfL Osnabrück) an Maximilian Beister (KFC Uerdingen) wertet Gerach als Tätlichkeit und zeigt dem Osnabrücker glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:50]

Babak Rafati: Nach einem Zweikampf am Rande des Erlaubten gehen Engel und Beister zu Boden. Engel würde gerne einen Freistoß bekommen, erhält ihn aber nicht, sodass er ein wenig gegen Beister hakelt, aber keineswegs nachtritt. Das ist somit keine Tätlichkeit, auch wenn Beister große Schmerzen signalisiert. Eine gelbe Karte wäre hier möglich, aber eine rote Karte eine Fehlentscheidung.

 

Szene 8: Nach einer Flanke des SV Meppen kommt Marvin Ajani (Hallescher FC) im Strafraum mit der Hand an den Ball. Schiedsrichter Wolfgang Haslberger lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 1:05:35]

Babak Rafati: Nach einer langen Flanke springt der Ball nach einem Kopfball vom gegnerischen Angreifer an den Oberschenkel von Ajani und unmittelbar danach in Billard-Manier an seine Hand. Da der Arm in natürlicher Haltung war und er vorher die Körperfläche nicht vergrößert hatte, ist das kein strafbares Handspiel und somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen und das Spiel mit einem Eckstoß für Meppen fortzusetzen.

Szene 9: Kilian Pagliuca (Hallescher FC) geht im Strafraum bei einem Zweikampf mit Steffen Puttkammer (SV Meppen) zu Fall. Einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:43:25]

Babak Rafati: Puttkammer sieht Pagliuca im eigenen Strafraum zunächst nicht angelaufen kommen. Als Pagliuca von hinten herangeeilt kommt und zum Ball will, spitzelt Puttkammer das Spielgerät weg und berührt auch Pagliuca ein wenig an der Hacke. Das ist aber nicht ausreichend für ein Foulspiel – auch wenn der Angreifer zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, in dieser Situation weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Nach einer Ecke berührt Gerrit Wegkamp (VfR Aalen) den Ball im Strafraum mit der Hand, Schiedsrichter Mitja Stegemann lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 34:15]

Babak Rafati: Nach der Ecke versucht Wegkamp den Ball im eigenen Strafraum zu klären, bekommt ihn dabei erst auf den Oberschenkel und von da aus prallt der Ball aus kurzer Distanz an den eigenen Arm. Die entscheidende Frage ist hierbei, ob der Arm in natürlicher Haltung ist. Nach aktueller Regelanwendung beim DFB ist das ein strafbares Handspiel, da der Arm zur Vergrößerung der Körperfläche eingesetzt wird. Eine Fehlentscheidung, keinen Strafstoß für Aalen zu pfeifen.

 

Szene 11: Davy Frick (FSV Zwickau) bringt Luca Hufnagel (SpVgg Unterhaching) in der eigenen Hälfte zu Fall, Schiedsrichterin Katrin Rafalski lässt das Spiel weiterlaufen. Aus dem Konter der Gäste fällt das 1:0 für Zwickau. [TV-Bilder – ab Minute 1:45]

Babak Rafati: Frick trifft Hufnagel im Zweikampf am rechten Bein und bringt ihn dadurch zu Fall. Hier hätte es einen Freistoß für Unterhaching geben müssen, sodass es erst gar nicht zum Gegenangriff mit Torfolge für Zwickau gekommen wäre. Eine Fehlentscheidung, das Spiel nicht zuvor zu unterbrechen.

 

Szene 12: Der bereits gelbverwarnte Justin Schau (Carl Zeiss Jena) schlägt einen Abstoß von Jo Coppens ins Aus direkt zurück ins Feld. Schiedsrichter Henry Müller hat die gelbe Karte bereits in der Hand, lässt dann aber Gnade vor Recht ergehen. [TV-Bilder – ab Minute 1:57:10]

Babak Rafati: Schau hat nur eine Absicht, nämlich die Spielfortsetzung des Einwurfs für Rostock zu verhindern bis er selbst in Position läuft und sich in der Abwehr formieren kann. Deshalb schießt er den Ball wieder ins Feld zurück. Das ist eine Unsportlichkeit und somit eine vorgeschriebene gelbe Karte, ohne Wenn und Aber.

Der Schiedsrichter weiß das und will diese Aktion auch mit der gelben Karte ahnden. Vermutlich sieht er dann, dass der Spieler bereits Gelb gesehen hat und entscheidet sich dann dagegen. Warum, das bleibt sein Geheimnis. Somit eine Fehlentscheidung. Dadurch bringt sich der Schiedsrichter selbsterklärend in Not, da in diesem Fall ein Rostocker Spieler sich ebenfalls unsportlich verhalten könnte mit der Erwartungshaltung, dass der Schiedsrichter auch bei ihm die Karte stecken lässt.

 

Szene 13: Simon Skarlatidis (Würzburger Kickers) wird von Saliou Sané (Karlsruher SC) kurz vor dem Strafraum abgeräumt, Schiedsrichter Markus Wollenweber pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:03:55]

Babak Rafati: Sané hat nur die Absicht, Skarlatidis die letzte Chance in der Nachspielzeit zu nehmen und springt mit voller Dynamik und aller Kraft in ihn hinein und trifft ihn auf Knöchelhöhe klar. Dabei knickt sogar der Fuß von Skarlatidis weg. Mit dieser Spielweise gefährdet Sané die Gesundheit des Gegenspielers. Vielleicht steht der Schiedsrichter etwas zu nah am Geschehen und übersieht deshalb dieses böse Foulspiel. Hier hätte es einen Freistoß für Würzburg und eine rote Karte gegen Sané geben müssen. Eine klare Fehlentscheidung, überhaupt nicht zu pfeifen.

 

   
  • Frank Mann

    Es wurde in einem Artikel berichtet, dass Jena seinen Willen durchgesetzt hat und der Schiedsrichter getauscht wurde. Henry Müller war nicht in Rostock, sondern ein Schiedsrichter, der Jena angenehm war. Und siehe da, eine gelb-rote Karte konnte somit vermieden werden. Nachdem ihnen schon der Sieg durch Spielmanipulation vom Schiedsrichter (unberechtigter Elfmeter in Minute 78 als Kompensation für ein angebliches Tor in der 37.Minute) gegen Cottbus geschenkt wurde.

  • Alvar Fågel

    Damit ist Hansa nun Spitzenreiter vor Münster bei den Benachteiligungen. Gemessen daran ist der 5. Tabellenplatz ja sogar noch recht passabel :D.

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