Strittige Szenen am 32. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für 1860, Mannheim und Magdeburg, das Tor von Saarbrücken, der Platzverweis gegen Nkansah, der verwehrte Treffer von Wiesbaden sowie Foulspiele von Dominik Becker und Manuel Zeitz (beide Saarbrücken). Am 32. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de zehn strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Einen Kopfball von Stefan Lex (1860) bekommt Lukas Boeder (Saarbrücken) im Strafraum an die Hand. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Sven Jablonski. Kurz danach wird Yannick Deichmann (1860) an der Strafraumkante von Julian Günther-Schmidt (Saarbrücken) gefoult, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 36:55]

Babak Rafati: Nachdem Lex den Ball köpft, hat Boeder den Arm zunächst am Körper, geht dann aber reaktionsschnell und aktiv mit der Hand zum Ball und blockt somit das Spielgerät. Das ist ein absichtliches Handspiel, sodass es einen Elfmeter für München hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen, auch wenn es für den Schiedsrichter schwer zu sehen war.

Beim anschließenden Zweikampf knapp außerhalb des Strafraumes legt sich Deichmann den Ball vor und wird dann vom Gegenspieler Günther-Schmidt, der einen Moment zu spät kommt, durch Beinstellen zu Fall gebracht. Das ist ein klares Foulspiel und hätte mit einem Freistoß für München geahndet werden müssen. Auch hier liegt eine Fehlentscheidung vor, weiterspielen zu lassen. Bei dieser Szene hätte allerdings der Assistent aus einer sehr guten Position helfen können – anders als in der vorherigen Szene.

Szene 2: Stefan Lex (1860) kommt im Strafraum an den Ball, geht gegen Lukas Boeder (Saarbrücken) zu Fall und fordert Elfmeter. Erneut lässt Jablonski weiterspielen. [TV-Bilder – ab Minute 51:40]

Babak Rafati: Lex ist im Strafraum schneller am Ball und tickt das Spielgerät an. Im gleichen Moment läuft Boeder von der Seite zum Zweikampf und will den Ball ebenfalls spielen, verfehlt ihn jedoch knapp, stellt dadurch sein Bein in den Laufweg von Lex und bringt ihn somit entscheidend zu Fall. Auch wenn Lex beim Hinfallen etwas nachhilft, liegt ein Foulspiel vor. Dieser Vorgang ist am besten von der Hintertorkamera zu bewerten, die dem Schiedsrichter zugegebenermaßen nicht zur Verfügung steht. Aber auch von hinten, aus der Position des Schiedsrichters, kann man es erkennen, wenn auch nicht so deutlich. Es hätte somit einen Elfmeter für München geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

Man kann bei Szene 1 (Foulspiel vor dem Strafraum) wie auch in dieser Szene (Elfmeter nicht gegeben) nicht von einer einheitlichen Linie sprechen und deshalb weiterspielen lassen. Auch das Argument, dass ein Bundesliga-Schiedsrichter pfeift und die Spieler wissen müssten, dass es "großzügiger" zur Sache geht, kann in diesen zwei Szenen keine Anwendung finden. Das sind Foulspiele, bei Szene 1 liegt sogar ein klares Foulspiel vor, sodass diese geahndet werden müssen – sowohl in der Bundesliga als auch in der 3. Liga.

Szene 3: Erik Tallig (1860) wird kurz vor dem Strafraum von Dominik Becker (Saarbrücken) zu Fall gebracht, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 59:40]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf ist kein regelwidriges Verhalten respektive Foulspiel von Becker auszumachen. Tallig legt sich den Ball vor und kommt ohne einen entscheidenden Impuls vom Gegenspieler zu Fall, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen.

Szene 4: Für ein Foul an Marcel Bär (1860) kommt Manuel Zeitz (Saarbrücken) ohne Karte davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:04:35]

Babak Rafati: Bei diesem Foulspiel von Zeitz an Bär, das unumstritten vorliegt, scheint der Schiedsrichter dieses deshalb zu übersehen, da er komplett auf den ballführenden Spieler fokussiert ist. Man könnte annehmen, dass der Schiri Vorteil gewährt, da München in Ballbesitz bleibt. Aber an der Reaktion und Körpersprache des Schiris erkennt man sehr deutlich, dass das definitiv nicht der Fall ist. Ideal wäre es gewesen, diesen Vorteil laufen zu lassen, wie geschehen, und anschließend Zeitz für das zuvor begangene Foul die gelbe Karte zu zeigen. Eine Fehlentscheidung, die gelbe Karte nicht zu zeigen.

Szene 5: Im Anschluss an eine Ecke trifft Sebastian Jacob zum 1:1 für Saarbrücken. 1860 reklamiert, dass Fabian Greilinger (1860) von Vorlagengeber Minos Gouras (Saarbrücken) geschubst wird. Der Treffer zählt. Zuvor war auch Dominik Becker (Saarbrücken) leicht von Quirin Moll (1860) im Strafraum geschubst worden. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf liegt kein Foulspiel vor, weil Gouras die Arme oder Sonstiges nicht regelwidrig einsetzt, sondern Greilinger selbst einen kleinen Schritt nach hinten machen will, um an den Ball zu kommen. Als er den kleinen Schritt macht, läuft er mit dem Rücken gegen den Angreifer, kommt anschließend zu Fall und kann dadurch das Spielgerät nicht mehr erreichen. Sicherlich hilft der Angreifer auch ein wenig nach und stellt den Körper in den Weg, aber das ist regelkonform und reicht bei weitem nicht für ein Foulspiel aus. Die Torerzielung ist somit korrekt, es liegt eine richtige Entscheidung vor. Der leichte Schubser zuvor von Moll gegen Becker ist handelsüblich und kann vernachlässigt werden.

 

Szene 6: Eine Hereingabe in den Strafraum bringt Marc Schnatterer (Mannheim) auf das Tor, wird dabei aber von Steffen Nkansah (Zwickau) am Fuß getroffen und geht zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Robin Braun. [TV-Bilder – ab Minute 36:00]

Babak Rafati: Schnatterer bringt den Ball im gegnerischen Strafraum auf das Tor, unmittelbar danach trifft Nkansah ihn in den Knöchel-/Bänderbereich. Das ist nicht nur schmerzhaft für Schnatterer, sondern gleichzeitig ein Foulspiel, auch wenn der Ball bereits gespielt war. Es hätte einen Elfmeter für Mannheim geben müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, weiterspielen zu lassen.

Szene 7: Marcel Costly (Mannheim) dringt in den Strafraum ein und wird von Davy Frick (Zwickau) zu Fall gebracht. Die Pfeife von Braun bleibt erneut stumm. [TV-Bilder – ab Minute 1:45]

Babak Rafati: In dieser Szene ist es ähnlich wie in der vorherigen Situation. Nachdem Costly in den Strafraum läuft, passt er den Ball in die Mitte zu einem Mitspieler, der auf das Tor schießt. Der Torwart kann zur Ecke abwehren. Nachdem Costly aber zuvor den Ball gespielt hatte, wurde er von Frick abgeräumt und zu Fall gebracht. Erneut ein Foulspiel nachdem der Ball gespielt wurde. Es hätte wieder einen Elfmeter für Mannheim geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen. Optimal wäre es, zunächst einmal weiterspielen zu lassen, um den Vorteil abzuwarten, und als der Torwart den Ball abwehrt, zurückzupfeifen und den fälligen Elfmeter zu verhängen.

Szene 8: Einen Schuss von Marcel Seegert (Mannheim) bekommt Steffen Nkansah (Zwickau) in den Unterleib. Der Schiedsrichter entscheidet jedoch auf Handspiel, Elfmeter und Rot. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Bei diesem Abwehrversuch spielt Nkansah den Ball nicht mit dem Arm, sondern bekommt das Spielgerät in den Unterleib. Der Schiedsrichter steht gut und will offensichtlich auch weiterspielen lassen, da er kein ahndungswürdiges Vergehen erkennt. Er muss dann womöglich vom Assistenten darauf aufmerksam gemacht worden sein, dass ein Handspiel vorlag, da er nach außen guckt und erst anschließend auf Elfmeter und Torverhinderung mit der Folge einer roten Karte gegen Nkansah entscheidet. Das ist aber eine Fehlentscheidung.

Nachtrag der Redaktion: Im Nachgang hat Braun in dieser Szene einen Wahrnehmungsfehler eingeräumt, sodass Nkansah trotz der roten Karte nicht gesperrt wird.

 

Szene 9: Luca Schuler (Magdeburg) dringt in den Strafraum ein und geht gegen Patrick Kapp (Berlin) zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Richard Hempel. [TV-Bilder – ab Minute 1:53:20]

Babak Rafati: Schuler wird im gegnerischen Strafraum angespielt, tickt den Ball kurz an, legt sich das Spielgerät vor und kommt plötzlich im Zweikampf mit Kapp zu Fall. Ein Foulspiel ist nicht auszumachen, sodass sich Kapp regelgerecht verhält. Der Faller könnte womöglich daher kommen, dass sich der Stürmer den Ball zu weit vorlegt und sieht, dass er nicht mehr an den Ball kommt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen. Zudem hätte sich Schuler nicht hätte beschweren dürfen, wenn er eine gelbe Karte wegen einer Schwalbe bekommen hätte. Aber dafür muss der Schiedsrichter den Vorgang genau gesehen haben, um es entsprechend einordnen zu können.

 

Szene 10: Nach einem Pass von Mehmet Kurt trifft John Iredale zum 4:0 für Wiesbaden, wird aber wegen einer vermeintlichen Abseitsposition zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 1:56:10]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Schusses von Kurt steht Iredale nicht in Abseitsposition, da Meppens Janik Jesgarzewski diese aufhebt. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor, diesem Treffer die Anerkennung zu verweigern. Womöglich lässt sich der Assistent von einem weiteren Angreifer in seiner Nähe, der gerade noch am Bildrand zu sehen ist und zuvor die Flanke in den Strafraum geschlagen hat, ein wenig irritieren. Dieser greift natürlich nicht ins Spielgeschehen ein, sodass er für eine mögliche Abseitsposition nicht maßgeblich sein kann.

Weiterlesen: Wer bisher am häufigsten benachteiligt wurde

   

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