Strittige Szenen am 30. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Der Platzverweis gegen Lauterns Redondo, der nicht gegebene Treffer für Meppen, die verwehrten Elfmeter für Meppen und Lübeck, Foulspiele von Verls Hader und Uerdingens Pusch, eine Abseitsposition von Wiesbaden, ein nicht gegebener Freistoß für Unterhaching und die Tätlichkeit von Kölns Thiele. Am 30. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de neun Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Weil er sich bei Schiedsrichter Michael Bacher über einen nicht gegeben Freistoß beschwert, sieht der bereits gelb-verwarnte Kenny Prince Redondo (Kaiserslautern) Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Die gelb-rote Karte ist regeltechnisch in Ordnung, denn Prince Redondo wird dem Schiedsrichter abseits des Spielgeschehens etwas gesagt haben, was diesem nicht gefallen hat. Man muss solch eine Szene aber differenziert betrachten: Auf der einen Seite stellt sich die Frage, ob der Schiedsrichter das nicht besser lösen kann. Es wäre nämlich besser gewesen, den Angriff über links laufen zu lassen und Prince Redondo in der nächsten Spielunterbrechung klar und deutlich zu ermahnen, sodass es jeder sieht. Damit kann ein Schiedsrichter Entscheidungen sehr gut vorbereiten. Wenn danach immer noch gemeckert wird, kann jeder die Entscheidung, die zu einer gelb-roten Karte führt, nachvollziehen. Es wird eine transparente Außenwirkung erreicht, die zu weitaus höherer Akzeptanz führt. So aber, jenseits des Geschehens und aus dem Nichts heraus, kann man den Trainer verstehen, dass er dem Schiri fehlendes Fingerspitzengefühl vorwirft, weil nicht erkennbar ist, was genau vorgefallen ist.

Auf der anderen Seite darf ein Spieler, der bereits verwarnt ist, einfach nicht meckern. Den Vereinen ist zudem zu empfehlen, sich vorher mit der Schiedsrichter-Ansetzung für den jeweiligen Spieltag zu beschäftigen, denn jeder hat eine andere Persönlichkeit. Es ist sehr gut bekannt, wer sich nichts sagen lässt, zum Beispiel dieser Schiedsrichter, was aber nicht negativ gemeint ist, sondern nur eine Tatsache darstellt. Oder wer viel laufen lässt, zum Beispiel Manuel Gräfe. Es gibt zig Varianten, die man berücksichtigen könnte. Auch das sollte in eine moderne Spieltaktik der Trainer integriert werden. Es kann sicherlich nicht schaden, sich dadurch einen psychologischen Vorteil zu verschaffen.

 

Szene 2: Nach einem Freistoß von Hasan Amin (Meppen) bringt Steffen Puttkammer den Ball zum 1:0 für Meppen im Tor unter, Schiedsrichter Wolfgang Haslberger entscheidet jedoch auf Abseits und gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati: Nach den vorliegenden TV-Bildern ist nicht zweifelsfrei aufzulösen, ob Puttkammer zum Zeitpunkt der Freistoßhereingabe von Amin im Abseits steht oder nicht.

Szene 3: Im Strafraum von Türkgücü bekommen Sebastian Maier und Alexander Sorge einen Schuss von Florian Egerer (Meppen) an die Hand, einen Elfmeter gibt Haslberger nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati: Maier bekommt den Ball nach einem Schuss von Egerer aus kurzer Entfernung an den Arm. Dadurch, dass der Arm angelegt und nicht vorher ausgespreizt ist, liegt kein absichtliches Handspiel vor. Nach diesem unabsichtlichen Handspiel springt der Ball in Billardmanier an die Hand von Mitspieler Sorge, der ebenso den Ball aus sehr kurzer Entfernung an die Hand bekommt und den Arm in natürlicher Haltung hat. Auch hier liegt keine Absicht vor, sodass es eine richtige Entscheidung ist, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 4: Für ein Foul an Moritz Stoppelkamp (Duisburg) sieht Matthias Haeder (Verl) von Schiedsrichter Konrad Oldhafer Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:58:55]

Babak Rafati: An der Seitenlinie legt sich Haeder den Ball etwas zu weit vor, springt danach unkontrolliert mit voller Dynamik, ausgestrecktem Bein und offener Sohle nach dem Ball, der in diesem Moment von Stoppelkamp geblockt wird, und bringt den Duisburger zu Fall. Haeder kann mit diesem Einsatz gerade noch den Ball wegspitzeln und trifft Stoppelkamp nicht mit der offenen Sohle. Natürlich wäre auch eine rote Karte möglich gewesen, da die Gesundheit des Gegenspielers schon billigend in Kauf genommen wird. Aber aufgrund des minimalen Treffers mit der offenen Sohle ist das noch im Rahmen, sodass die gelbe Karte noch vertretbar ist.

 

Szene 5: Kolja Pusch (Uerdingen) tritt Richard Neudecker (1860) von hinten in die Fersen, Schiedsrichter Lukas Benen belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 46:10]

Babak Rafati: Pusch will im Mittelfeld zwar zum Ball, trifft aber Neudecker auf dessen Fuß und Knöchel-/Sprunggelenkbereich, sodass hier kein bisschen der Ball gespielt wird. Vielmehr zieht das Foulspiel eine weitaus größere Verletzungsgefahr für den Spieler nach sich. Auch wenn eine Verletzung nicht maßgeblich für eine Kartenfarbe ist, so ist aber die Härte bei diesem Foulspiel derartig intensiv, dass folglich eine Verletzung eintritt. Das ist ein rüder Einsatz und dafür kann es nur die rote Karte geben. Eine Fehlentscheidung, diese nicht auszusprechen. Der Schiedsrichter hat den gesamten Vorgang gar nicht gesehen und pfeift erst Sekunden später, als er den verletzten Spieler am Boden liegen sieht. Nach der langen Behandlungspause entschließt er sich dann für eine gelbe Karte. Das ist meiner Einschätzung nach eine Alibientscheidung und muss anders gelöst werden.

 

Szene 6: Nach einem Pass von Philipp Tietz (Wiesbaden) ist Maurice Malone frei durch, wird von Schiedsrichter Sven Waschitzki aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition jedoch zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 21:50]

Babak Rafati: Das ist unumstritten keine Abseitsposition von Malone, da zum Zeitpunkt des Zuspiels von Mitspieler Tietz ein Verteidiger und der Torhüter näher zur gegnerischen Torlinie stehen als Malone. Das erkennt man sehr gut an den Rasenmarkierungen. Das Problem hierbei ist, dass sich Assistenten manchmal den Moment des Abspiels nicht fotografisch im Gedächtnis "einfrieren" und einen Moment abwarten,bis sie entscheiden. Aber bis dahin vergehen 1-2 Sekunden, sodass während dieser Zeit ein Angreifer nach vorne läuft und dadurch ein ganz anderes "Bild" entsteht. Erst dann wird die Fahne nachgezogen. Nun ist der Angreifer natürlich klar im Abseits, aber leider ist dieser verzögerte Moment dann nicht mehr relevant. Es geht um Konzentration, Fokussierung und Erfahrung. Eine Fehlentscheidung, in dieser Szene auf Abseits zu entscheiden.

 

Szene 7: Jamie Lawrence (Bayern II) setzt im Strafraum gegen Sven Mende (Lübeck) den Arm ein und bringt ihn zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Patrick Kessel. [TV-Bilder – ab Minute 2:30]

Babak Rafati: Im Strafraum von Bayern II haken sich zunächst Lawrence und sein Gegenspieler, der seitlich/hinter ihm ist, ein wenig ein. Hierbei ist alles noch im grünen Bereich, auch wenn der Gegenspieler leicht schiebt. Andersherum (Verteidiger gegen Angreifer) wäre das auch nicht ausreichend für einen Strafstoß gewesen. Anschließend geht Lawrence in der Vorwärtsbewegung mit dem Arm klar in Richtung von Mende (Lübeck), stößt ihm entscheidend an die Brust und lässt ihm somit keine Chance, zum Kopfball hochzusteigen und bringt ihn zu Fall. Das ist ein klares Foulspiel, sodass es einen Strafstoß für Lübeck hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen nicht zu geben.

 

Szene 8: Timmy Thiele (Köln) wischt Felix Göttlicher (Unterhaching) nach einem Zweikampf durchs Gesicht, Schiedsrichter Robin Braun belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 0:45]

Babak Rafati: Nach einem Kopfballduell schlägt Thiele klar und deutlich gezielt mit der linken Hand nach hinten und trifft Göttlicher im Gesicht. Das ist eine klare Tätlichkeit, was eine rote Karte zur Folge haben muss. Eine gelbe Karte zu zeigen, ist eine klare Fehlentscheidung.

Szene 9: Stephan Hain (Unterhaching) läuft alleine auf das Tor zu, wird aber von Simon Handle (Köln) zu Fall gebracht. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]

Babak Rafati: Hain läuft in den Strafraum von Köln, dabei kommt sein Gegenspieler Handle hinzu und setzt seinen Körper robust aber fair ein und trennt den Stürmer sauber vom Ball. Eine richtige Entscheidung weiterspielen zu lassen, auch wenn der Angreifer zu Fall kommt. Da spielen auch die Bodenverhältnisse (bei Schnee rutschiger Boden) eine Rolle, dass Hain die Balance verliert und anschließend fällt.

Weiterlesen: Wer bisher am häufigsten benachteiligt wurde

 

   
  • PeterPlys

    Sicher wäre eine rote Karte gegen Thiele berechtigt gewesen (die gelb-rote später war es nicht), aber was Göttlicher da mit Thiele machen wollte ist auch zu hinterfragen…

  • Nikita

    Bei Dresden – Hansa war Schiedsrichter Ittrich einer der Besten auf dem Platz in einem ziemlich nickligen Spiel. Muss man auch mal erwähnen.

    • Sark

      Das stimmt. Hier könnte ich sehen, dass sich Ittrich die letzten Jahre sehr weiterentwickelt hat.

      Mir graut es immer noch vor seiner Leistung damals im September 2017, als er ein großartiges Spiel zwischen Paderborn und Rostock in der Schlussphase völlig kaputt gepfiffen hat.

      Dagegen war das am Sonntag ein riesiger Klassenunterschied.

    • sven

      Das stimmt!! Wenn ich nur dran denke, wieviele Usere gemeckert haben im Hansa Forum "Hansacommunity1965.de" , dass der angeblich wohl IMMER pro Gegner sein soll!?!!!

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