Strittige Szenen am 30. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Das 1:0 für Zwickau, der verfrühte Abpfiff in Zwickau, die gelbe Karte für Gelios, der Elfmeter für 1860, die nicht gegebenen Strafstöße für Halle, Aalen und Würzburg, das 1:0 für Köln, der Platzverweis für Nkansah und die gelbe Karte für Rodriquez: Am 30. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de zehn Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).[/box]

Szene 1: Nach einer Ecke setzt sich Toni Wachsmuth (FSV Zwickau) im Luft-Zweikampf gegen Energie-Keeper Kevin Rauhut durch und bringt den Ball im Tor unter. Rauhut reklamiert Foulspiel, Schiedsrichter Justus Zorn gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 55:20]

Babak Rafati: Das ist ein normaler Zweikampf. Wachsmuth springt sauber zum Ball hoch und begeht dabei kein Foulspiel. Zwar kommt es zum Kontakt mit Rauhaut, es ist aber alles im Bereich des Erlaubten. Eine richtige Entscheidung, das Tor anzuerkennen.

Szene 2: Zorn zeigt drei Minuten Nachspielzeit an, pfeift dann aber drei Sekunden vor Ende ab, obwohl er zuvor noch einen Einwurf für Cottbus ausführen ließ. [TV-Bilder – ab Minute 2:11:20]

Babak Rafati: In der Regel heißt es, dass der Schiedsrichter die Nachspielzeit erhöhen, jedoch nicht verkürzen darf. Das hat er in diesem Fall getan, was gegen die Regel verstößt. Es waren allerdings nur noch drei Sekunden zu spielen, zudem war der Ball noch in der Cottbuser Hälfte, sodass bezüglich des Spielergebnisses nicht mehr viel hätte passieren können. Dennoch kann man festhalten, dass es insbesondere taktisch unklug ist, vorher abzupfeifen, gerade wenn die Stimmung vorher nicht die Beste ist. Zudem sieht auch die Regel etwas anderes vor. Also auch ein Regelverstoß.

 

Szene 3: Nach einem langen Ball ist Marvin Pourié (Karlsruher SC) frei durch, rennt auf das Tor zu und geht kurz vor dem Strafraum im Duell mit Hansa-Keeper Gelios zu Fall. Es gibt Freistoß für Karlsruhe, zudem sieht Gelios von Schiedsrichter Lasse Koslowski Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Pourié hebt bereits kurz vor dem Strafraum ab, ohne dass er auch nur ansatzweise von Gelios berührt wurde. Das ist natürlich eine klare Schwalbe. Es hätte einen Freistoß für Rostock und eine gelbe Karte wegen Unsportlichkeit gegen Pourié geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung.

Der Schiedsrichter zögert beim Angriff etwas mit dem Loslaufen, weil er wegen einer möglichen Abseitsposition von Pourié zum Assistenten heraus guckt und irritiert ist, dass kein Fahnenzeichen kommt. Nur so lässt sich das zögerliche Laufen des Schiedsrichters bei diesem Angriff erklären. Das nimmt ihm die Konzentration, um schneller zum Tatort zu laufen, um dadurch eine bessere Position zum Vorgang zu haben. Aus einer besseren Position hätte er die Schwalbe sicherlich erkannt und wäre zu einer richtigen Entscheidung gekommen.

 

Szene 4: Im Duell mit David Vrzogic (SV Meppen) geht Stefan Lex (1860 München) im Strafraum zu Boden, Schiedsrichter Jonas Weickenmeier zeigt auf den Punkt. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Im Laufduell zwischen Vrzogic und Lex läuft der Meppener Verteidiger im normalen Bewegungsablauf hinter Lex hinterher. Ob er ihn beim Kreuzen tatsächlich berührt, ist selbst in der Zeitlupe nicht zu erkennen. Bei solchen undurchsichtigen Szenen ist es immer, besser laufen zu lassen, weil gerade im Strafraum die Aktionen klar sein sollten. Auch der Schiedsrichter selbst zögert ein wenig, ehe er sich festlegt und pfeift. Eine Fehlentscheidung, bei einer 50:50-Situation trotzdem einen Strafstoß zu pfeifen.

 

Szene 5: Braydon Manu (Hallescher FC) dringt in den Strafraum ein und geht im Duell mit Sebastian Mrowca (Wehen Wiesbaden) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Florian Heft. [TV-Bilder – ab Minute 1:40:05]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von Wiesbaden wird Manu fair vom Ball getrennt, in dem Mrowca nur den Ball spielt und ihn zur Ecke abwehrt – auch, wenn Manu dabei spektakulär zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, das Spiel mit einem Eckball für Halle fortzusetzen.

 

Szene 6: Nach einem Freistoß-Pfiff wischt Roberto Rodriguez (KFC Uerdingen) den Freistoß-Schaum weg. Schiedsrichter Asmir Osmanagic ermahnt ihn und zieht mit dem Spray erneut einen Halbkreis. Wieder wischt Rodriguez den Schaum weg und sieht Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:24:40]

Babak Rafati: Natürlich passiert effektiv nichts, denn Rodriguez will den Freistoßort ja nicht nach vorne verlegen, sondern ihn von der gleichen Stelle ausführen. Dennoch ist das eine Unsportlichkeit, den Schaum einfach wegzuwischen. Die Regel sieht so etwas nun mal vor, daher ist es eine richtige Entscheidung, den Spieler wegen dieser wiederholten Aktion zu verwarnen. Man stelle sich vor, dass bei jedem Freistoß so etwas geduldet werden würde. Dann hätte der Schiedsrichter nicht mehr die optische Kontrolle aus seiner Position und das Chaos wäre angerichtet.

 

Szene 7: Jaroslaw Lindner (Sportfreunde Lotte) erläuft sich den Ball und wird von Steffen Nkansah (Eintracht Braunschweig) kurz vor dem Strafraum zu Fall gebracht. Schiedsrichter Steffen Brütting entscheidet auf Notbremse und zeigt Nkansah glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:45]

Babak Rafati: Nkansah foult Lindner knapp vor dem eigenen Strafraum und bringt ihn dadurch zu Fall. Der Schiedsrichter pfeift zunächst einmal richtigerweise ab. Schaut dann, weil er durch den langen Ball etwas weit vom Geschehen ist, heraus zu seinem Assistenten, der die optimale Position zum Bewerten hat, ob das Vergehen innerhalb oder außerhalb war. Der Assistent verhält sich vorbildlich und gemäß der Anweisung, indem er sich von der Höhe des Strafraumes entfernt und Richtung Mittellinie geht. Damit signalisiert er dem Schiedsrichter, wie es intern geregelt ist, dass das Vergehen außerhalb des Strafraumes stattgefunden hat. Damit ist die Spielfortsetzung geklärt. Die rote Karte ist vollkommen richtig, weil Lindner eine glasklare Torchance hatte und der mitgelaufene Braunschweiger Verteidiger nicht mehr hätte eingreifen können. Perfekt gelöst und vorbildlich vom ganzen Ablauf – zumindest abstrakt in dieser Strafraumszene.

Denn zuvor hätte es im Mittelfeld einen Freistoß für Braunschweig geben müssen, da Lottes Toni Jovic den Ball aktiv mit dem Oberarm mitgenommen hat. Eine Fehlentscheidung, dieses Handspiel durchgehen zu lassen und nicht zu ahnden.

 

Szene 8: Nach einem Zweikampf zwischen Clemens Schoppenhauer (VfR Aalen) und Hamdi Dahmani (Fortuna Köln) entscheidet Schiedsrichter Patrick Hanslbauer auf Freistoß, aus dem das 1:0 für Köln fällt. [TV-Bilder – ab Minute 1:38:00]

Babak Rafati: Schoppenhauer spielt kurz vor dem eigenen Strafraum klar und deutlich den Ball – auch, wenn Dahmani anschließend zu Fall kommt. Eine mögliche Minimalberührung darf im Fußball keine Rolle spielen, sonst kann man ja jeden Zweikampf abpfeifen. Hier hätte es weitergehen müssen, zumal der Schiedsrichter durch seine gute Position die Aktion eigentlich hätte sehen und richtig beurteilen müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 9: Einen Eckball berührt Hamdi Dahmani (Fortuna Köln) mit der Hand, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Nach einer Ecke in den eigenen Strafraum verschätzt sich Dahmani etwas und will den Ball eigentlich mit dem Kopf klären. Jedoch nimmt er plötzlich reflexartig den Arm zu Hilfe und berührt den Ball mit diesem. Das ist ein absichtliches Handspiel, sodass es hier einen Strafstoß für Aalen hätte geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Ibrahim Hajtic (Würzburger Kickers) bringt einen Ball aufs Tor und reklamiert Handspiel des am Boden liegenden Jamil Dem (Sonnenhof Großaspach). Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 19:20]

Babak Rafati: Dem fällt beim Abwehrversuch im eigenen Strafraum auf den Boden und berührt vielleicht auch den Ball mit der Hand. Jedoch ist keine aktive Bewegung zum Ball erkennbar, zumal er auch noch mit dem Rücken zum Ball postiert ist und diesen gar nicht sehen kann. Außerdem setzt er seine Arme nicht zur Körpervergrößerung ein, um sich einen möglichen Vorteil zu verschaffen. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen, da – wenn überhaupt ein Handspiel vorliegen sollte -, keine Absicht im Spiel ist.

 

[box type="info"]Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde[/box]

   

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