Strittige Szenen am 27. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Dresden, Halle, Bielefeld, Aue und Köln, die verwehrten Treffer von Dresden und Münster, die Strafstöße für Dortmund II und Halle sowie Foulspiele von Westermeier, Sessa und Engelhardt. Am 27. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 16 strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 53-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Tom Zimmerschied (Dresden) dringt in den Strafraum ein und geht gegen Mustafa Kourouma (Essen) zu Fall. Einen Elfmeter gibt es nicht, stattdessen entscheidet Schiedsrichter Lukas Benen auf Schwalbe und zeigt dem Dresdner Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Zimmerschied legt sich den Ball vor und will in den Strafraum eindringen. Dabei nimmt Kourouma das Bein heraus und Zimmerschied geht zu Fall. Unten am Fuß gibt es überhaupt keinen Kontakt. Oben im Knie-/Beinbereich ist ein Kontakt bzw. ein mögliches Foulspiel ebenfalls nicht auszumachen. Eher scheint es so, dass der Angreifer ausweichen will und deshalb zu Fall kommt. Vielleicht will er aber auch den Schiedsrichter täuschen, sodass die Entscheidung, auf Schwalbe zu entscheiden, zumindest nachvollziehbar ist.

Im Hinblick auf den möglichen Einwand, der Angreifer sei doch durch und würde sich nicht fallen lassen, sei zu erwähnen, dass Spieler manchmal in einem Moment kurz zuvor eine Entscheidung treffen, in diesem Fall den Kontakt suchen, und deshalb urplötzlich zu Fall kommen. Unabhängig davon, dass sie eigentlich eine aussichtsreiche Chance hätten. Sie wissen vorher nicht um diese Tatsache, deshalb erscheint das Zufallkommen für einen Moment die bessere Lösung und schlussendlich als Vorteil. Es könnte ja auch sein, dass der Verteidiger doch früher an den Ball kommt. Ein Vorgang, der mir von Spielern selbst berichtet wird. Hinweis: Bei einem möglichen Kontakt wäre in beiden Fällen, Fuß und Knie-/Hüftbereich, dieser außerhalb des Strafraumes, sodass es maximal einen Freistoß hätte geben können.

Szene 2: Nach einer Flanke von Claudio Kammerknecht bringt Tom Zimmerschied (Dresen) den Ball zum 2:1 im Tor unter, jedoch entscheidet Benen auf Stürmerfoul von Stefan Kutschke (Dresden) an Andreas Wiegel (Essen) und verwehrt dem Treffer die Anerkennung. [TV-Bilder – ab Minute 2:00]

Babak Rafati: Nach einer Flanke von Kammerknecht in den Strafraum bearbeiten sich Kutschke und Wiegel gegenseitig, wobei der Angreifer in der besseren Position zum Ball ist. Zudem fängt Wiegel mit dem Bearbeiten an, sodass Kutschke sich nur lösen will, aber hierbei kein Schlag erfolgt. Beide arbeiten im Rahmen des Erlaubten, sodass kein Foulspiel vorliegt. Eine Fehlentscheidung, den anschließenden Treffer von Zimmerschied nicht anzuerkennen.

Dass sich ein Verteidiger bei einem verlorenen Zweikampf anschließend ins Gesicht fasst, um nach außen und insbesondere beim Schiedsrichter ein Foulspiel für sich zu beanspruchen, ist branchenüblich und nicht immer maßgeblich für eine Bewertung, ob ein Foulspiel vorgelegen hat oder nicht.

Szene 3: Im Strafraum geht Dennis Borkowski (Dresden) gegen Andreas Wiegel (Essen) zu Fall, einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:40]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell begeht Borkowski kein Foulspiel, sondern setzt seinen Körper regelgerecht ein, auch wenn Wiegel zu Fall kommt. Das ist ein korrekter Zweikampf. Anschließend kommt Borkowski zu Fall, wobei auch in dieser Szene kein Foulspiel vorliegt, weil der Stürmer den Angreifer bearbeitet – wenn auch fair. Durch dieses Bearbeiten entsteht eine Szene, wofür der Verteidiger nichts kann. Dieses Zufallkommen ist unglücklich und nicht einem Foulspiel geschuldet. Eine richtige Entscheidung, keinen Elfmeter zu pfeifen, aber eine Fehlentscheidung, auf Stürmerfoul zu entscheiden.

 

Szene 4: Im Strafraum geht Rodney Elongo-Yombo (Dortmund II) gegen Manuel Stiefler (Unterhaching) zu Fall, Schiedsrichter Marc Philip Eckermann gibt Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 2:35]

Babak Rafati: Elongo-Yombo wird im Strafraum mit dem Rücken zum Tor angespielt. Als er sich dreht und am Gegenspieler Stiefler vorbeilaufen will, der hinter ihm steht und selbstverschuldet zu Fall kommt, fällt der Angreifer über das ausgestreckte Bein des Verteidigers, das er dabei etwas anhebt, um den Angreifer daran zu hindern, weiterlaufen zu können, was ein Foulspiel darstellt. Eine richtige Entscheidung, auf Elfmeter zu entscheiden.

Szene 5: Für ein Foul von Maximilian Welzmüller (Unterhaching) an Ole Pohlmann (Dortmund II) gibt Eckermann Elfmeter. Haching reklamiert, dass der Kontakt außerhalb des Strafraums war. [TV-Bilder – ab Minute 3:35]

Babak Rafati: Dieser Tritt von Welzmüller an Gegenspieler Pohlmann ist unumstritten ein Foulspiel. Bei der Tatortfeststellung sieht man sehr gut, dass zum Zeitpunkt des Fußtreffers der Fuß des Angreifers auf der Höhe der Strafraumlinie ist. Diese Linie gehört zum Strafraum, sodass die Entscheidung des Schiedsrichters, auf Elfmeter zu entscheiden, richtig ist. Auch wenn der Schiedsrichter zum Zeitpunkt des Pfiffs noch nicht genau weiß, ob das Vergehen innerhalb oder außerhalb des Strafraums passiert. Das ist an seiner Reaktion gut zu sehen. Er macht das aber gut, indem er erst pfeift, sich den Tatort gedanklich einfriert und dort hingeht und dann zweifelsfrei erkennt, dass das Vergehen nicht außerhalb des Strafraumes passiert und sich dann endgültig festlegt. Clever!

Szene 6: Ben Westermeier (Unterhaching) rennt Julian Hettwer (Dortmund II) aus vollem Lauf um, kommt aber mit Gelb davon. [TV-Bilder – ab Minute 45:25]

Babak Rafati: Dieses Foulspiel, extrem übertriebener Körpereinsatz und das Bein vor den Körper des Gegenspielers setzen, von Westermeier gegen Hettwer passiert in einer Dynamik, die bei dieser Art des Zufallbringens die Gesundheitsgefährdung des Gegenspielers billigend in Kauf nimmt. Somit wäre die rote Karte zwingend notwendig. Die Reaktion der Spieler spricht auch für sich, selbst die des foulenden Spielers.

Eine Fehlentscheidung, nur eine gelbe Karte zu zeigen. Womöglich wollte der Schiedsrichter zu diesem Zeitpunkt (28. Spielminute) noch keine rote Karte aussprechen, wobei die Zeit bei einer roten Karte keine Rolle spielen darf. Die Schwere und Dynamik des Vergehens ist übrigens im normalen Ablauf realer als in der Zeitlupe, die das Tempo immer ein wenig verharmlost. Somit ist die Realgeschwindigkeit relevanter für die Beurteilung dieser Szene.

 

Szene 7: Im Strafraum hat Aaron Herzog (Lübeck) das Bein gegen Tunay Deniz (Halle) zu hoch, Schiedsrichter Timo Gansloweit gibt Elfmeter für den HFC. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Im Strafraum ist Deniz mit dem Kopf früher am Ball und spielt diesen. Dabei kommt Herzog, der ebenso den Ball spielen will, etwas zu spät und trifft Deniz im Gesicht. Das ist ein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, einen Elfmeter zu geben.

Szene 8: Auf dem Weg Richtung Tor wird Dominic Baumann (Halle) von Jannik Löhden (Lübeck) gehalten und geht zu Boden. Kein Elfmeter, entscheidet Gansloweit. [TV-Bilder – ab Minute 1:30]

Babak Rafati: Nach einer langen Flanke in den Strafraum kommt es zu einem Zweikampf, bei dem Baumann in der besseren Position mit Zug zum Tor ist, als sein Gegenspieler Löhden, der hinter ihm postiert ist. Der Verteidiger kann sich nur mit einem Foulspiel behelfen, indem er den Angreifer am Arm herunterreißt und zu Fall bringt. Das ist ein Foulspiel, für das es einen Elfmeter hätte geben müssen. Zudem wäre eine gelbe Karte fällig gewesen. Rot nicht, da eines der Kriterien für eine Torverhinderung, nämlich Ballbesitz, nicht erfüllt ist. Der Ball hätte bei Nicht-Foul noch aufspringen können. Das hätte dem nächsten Verteidiger ermöglicht, noch einzugreifen, sodass keine glasklare Torchance vorliegt. Dennoch eine Fehlentscheidung, keinen Elfmeter zu pfeifen.

Szene 9: Im Strafraum bekommt Timur Gayret (Halle) den Ellenbogen von Marius Hauptmann (Lübeck) ins Gesicht, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 3:35]

Babak Rafati: Gayret und Hauptmann springen im Strafraum zum Kopfball hoch, dabei verschafft sich Hauptmann einen Vorteil, indem er regelwidrig den Ellenbogen ins Gesicht von Gayret führt und ihn aus dem Spiel nimmt. Man sieht auch sehr gut den Moment des Treffers, indem Gayret plötzlich mit dem Kopf nach hinten schwingt. Das ist ein Foulspiel, es hätte somit einen Elfmeter geben müssen. Da kein Schlag vorliegt, vielmehr der Ellenbogen als Werkzeug eingesetzt wird, wäre zudem eine gelbe Karte vorgeschrieben. Eine Fehlentscheidung, erneut keinen Elfmeter zu geben.

 

Szene 10: Bei einem Duell mit Marcel Gaus (Saarbrücken) geht Nassim Boujellab (Bielefeld) im Strafraum zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Dr. Robin Braun. [TV-Bilder – ab Minute 0:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf ist kein Foulspiel von Gaus an Boujellab auszumachen. Womöglich holt der Angreifer zur Schussbewegung aus, und durch die Ausholbewegung kommt es zu einem Kontakt, sodass Boujellab spektakulär zu Fall kommt. Der Verteidiger bleibt auch geschickt weg, um kein Foul zu verursachen. In Luft kann er sich auch nicht auflösen, sodass ein möglicher Kontakt, der aber kein Foulspiel darstellt, nicht vermeidbar ist. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen.

Szene 11: Nach einem langen Einwurf bekommt Manuel Zeitz (Saarbrücken) den Ball im Strafraum an den Arm, einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:36:45]

Babak Rafati: Zeitz will den Ball mit dem Oberschenkel annehmen und hat dabei den Arm am Körper angelegt. Der Ball prallt vom Oberschenkel aber an den Arm, sodass er den Arm nur noch reflexartig wegziehen kann. Dieses Handspiel ist nicht strafbar, weil keine Absicht vorliegt und zudem der Arm nicht vorher zur Vergrößerung der Körperfläche eingesetzt wurde. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 12: Elias Huth (Jahn Regensburg) geht im Strafraum bei einem Duell mit Erik Majetschak (Aue) zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Felix Weller. [TV-Bilder – ab Minute 2:30]

Babak Rafati: Beim Laufduell zwischen Huth und Majetschak liegt kein Foulspiel vor, da beide ihren Körper einsetzen und kein regelwidriges Verhalten erkennbar ist. Huth geht selbst nach unten. Als sein Bein durch das eigene Verschulden am Boden ist, wird er in der normalen Bewegung von Majetschak hinten in die Beine getroffen. Das ist aber kein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen. Der Kontakt wird vom Angreifer initiiert.

 

Szene 13: Torben Deters trifft nach Vorlage von Joel Grodowski zum 1:0 für Münster, soll dabei aber im Abseits gestanden haben, sodass Schiedsrichter Dr. Robert Kampka den Treffer nicht gibt. [TV-Bilder – ab Minute 41:55]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Abspiels von Grodowski auf Deters steht dieser ganz klar nicht im Abseits, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, diesen Treffer nicht anzuerkennen. Vom Schiedsrichter aus steht ein Verteidiger auf der linken Seite im Strafraum mit seinem Torhüter näher zur eigenen Torlinie als der anschließende Torschütze. Man sieht das sehr gut daran, dass die Distanz des Angreifers näher zur Strafraumlinie als die des Verteidigers ist. Zudem wird durch die Körperhaltungen – der Verteidiger hat mit dem Rücken zum Tor die rechte Hacke nach hinten positioniert und der Verteidiger steht seitlich zum Tor, sodass Hacke, Hinterteil oder welcher Körperteil auch immer nicht Einfluss nehmen – die Nicht-Abseitsposition noch deutlicher.

 

Szene 14: Nicolas Sessa (Verl) räumt Jesper Verlaat (1860) ab, sieht von Schiedsrichter Cristian Ballweg aber nur Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 43:15]

Babak Rafati: Sessa kommt zwar mit dem ausgestreckten Bein und offener Sohle angelaufen und grätscht, trifft aber nicht mit diesem Bein Gegenspieler Verlaat, sondern mit dem Nachziehbein, sodass natürlich ein Foulspiel vorliegt, aber durch den Treffer mit dem anderen Bein, das Foul harmloser wird und nur noch rücksichtslos ist, sodass die gelbe Karte eine richtige Entscheidung ist. Hätte Sessa Gegenspieler Verlaat mit dem linken Bein – dem ausgestreckten Bein – getroffen, würde dieser Vorgang die Gesundheitsgefährdung des Gegenspielers billigend in Kauf nehmen, sodass dann eine rote Karte richtig gewesen wäre.

 

Szene 15: André Becker ist auf dem Weg zum Tor, wird dabei aber von Edvinas Girdvainis (Sandhausen) abgegrätscht. Schiedsrichter Alexander Sather entscheidet auf Ball gespielt und gibt keinen Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 1:00]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf ist die Grätsche von Girdvainis gegen Becker zwar sehr riskant, aber schlussendlich spielt er klar den Ball, sodass die Aktion in der Ausführung nur ballorientiert ist und somit kein Foulspiel an Becker vorliegt. Dabei ist es unerheblich, dass es anschließend auch zu einem Kontakt kommt, weil dieser im normalen Bewegungsablauf geschieht und somit regelgerecht ist. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 16: Für ein taktisches Foul an Markus Pink (Sandhausen) sieht der bereits verwarnte Florian Engelhardt (Köln) nicht Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:45]

Babak Rafati: Engelhardt verliert den Ball an Gegenspieler Pink. Dieser hält ihn danach in einer aussichtsreichen Position fest und hindert ihn am Weiterlaufen. Das ist ein taktisches Foulspiel, und dafür ist die gelbe Karte zwingend vorgeschrieben, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, den bereits gelb-verwarnten Engelhardt nicht per Ampelkarte vom Platz zu stellen.

 

Weiterlesen: Wer bislang am häufigsten benachteiligt wurde

   

Das könnte Sie auch interessieren

Auch interessant

Back to top button