Strittige Szenen am 26. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Dresden, Meppen, Mannheim, Bayern II und Verl, ein verwehrter Freistoß für Kaiserslautern, ein abgepfiffener Angriff von Mannheim, der Strafstoß für Bayern II, ein Foulspiel von Lorch an Verhoek, das 2:1 von Rostock und der Treffer von Wiesbaden: Am 26. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 13 Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Im Anschluss an einen Freistoß geht Tim Knipping (Dresden) bei einem Duell mit Tobias Schöck (Ingolstadt) zu Fall. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Nicolas Winter. [TV-Bilder – ab Minute 38:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf zwischen Knipping und Schöck im Strafraum von Ingolstadt haben beide den Arm am Gegenspieler, sodass sich beide Spieler gegenseitig etwas stören. Es liegt jedoch nichts Ahndungswürdiges vor, um einzuschreiten. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 2: Pascal Sohm (Dresden) will im Strafraum einen Ball erlaufen, wird dabei jedoch von FCI-Keeper Fabijan Buntic getroffen und geht zu Fall. Auf den Punkt zeigt Winter nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:43:45]

Babak Rafati: Sohm hebt den Ball über Ingolstadts Keeper Buntic, der sein Tor verlassen hat und den Ball klären will. Das gelingt ihm auch, allerdings kommt er etwas zu spät, trifft Sohm nur in die Beine und bringt ihn dadurch klar zu Fall. Auch wenn der Keeper sicherlich den Ball spielen will, ist das ein Foulspiel, denn die Aktion ist nicht mehr ballorientiert, sondern nur gegen Sohm gerichtet. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und den fälligen Strafstoß für Dresden nicht zu geben.

 

Szene 3: René Guder (Meppen) wird an der Strafraumgrenze von Hendrick Zuck (Kaiserslautern) zu Fall gebracht, Schiedsrichter Eric Müller pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 3:30]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell an der Strafraumgrenze von Kaiserslautern will Guder an seinem Gegenspieler vorbeilaufen, wird dabei von Zuck jedoch klar und deutlich mit dem linken Fuß in die Füße getroffen und zu Fall gebracht. Das ist ein lupenreines Foulspiel, es hätte somit einen Strafstoß für Meppen geben müssen. Die Szene ist so klar, dass man so etwas nicht übersehen darf. Auch der Assistent, der freie Sicht auf den Zweikampf hat, hätte hier sehr gut helfen können. Eine Fehlentscheidung, diesen Strafstoß für Meppen nicht zu geben.

Szene 4: Nach einem Pass von Hendrick Zuck will Marlon Ritter (Kaiserslautern) zum Ball, wird dabei aber von Willi Evseev (Meppen) kurz vor dem Strafraum zu Fall gebracht. Müller ahndet die Szene nicht. [TV-Bilder – ab Minute 3:50]

Babak Rafati: Von der linken Außenbahn spielt Zuck den Ball zu Ritter, der kurz vor der Strafraumszene in sehr guter Position zum Ball läuft. Evseev kommt hinzu und kann Ritter nur noch durch ein klares Beinstellen zu Fall bringen. Das ist ein klares Foulspiel, es hätte einen Freistoß für Kaiserslautern sowie die gelbe Karte gegen Evseev geben müssen. Auch in dieser Szene wie zuvor nicht zu pfeifen, ist einfach unerklärlich. Bei beiden Szenen gibt es keine zwei Meinungen. Selbst mit englischen Schiedsrichtergenen würde man so etwas pfeifen. Erneut eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 5: Bei einem Duell mit Jan-Hendrick Marx (Mannheim) geht Len Jastremski (Bayern II) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Florian Exner gibt Elfmeter für Bayern II. [TV-Bilder – ab Minute 1:15]

Babak Rafati: Im Strafraum von Mannheim kommt es zum Zweikampf zwischen Marx und Jastremski. Dabei gibt es sicherlich einen leichten Kontakt, aber sowohl im Oberkörperbereich als auch im Fußbereich liegt keine Berührung vor, die ursächlich für ein Zufallkommen sein könnte. Das ist schlicht und einfach eine Schwalbe, sodass es statt Strafstoß für Bayern II einen indirekten Freistoß für Mannheim sowie die gelbe Karte gegen den Angreifer für diese Unsportlichkeit hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen Strafstoß zu pfeifen.

Szene 6: Dennis Jastrzembski (Mannheim) dringt in den Strafraum ein und kommt gegen Nicolas Feldhahn (Bayern II) zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:35:25]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von Bayern II führt Jastrzembski den Ball am Fuß und läuft Richtung Torlinie. Sein Gegenspieler Feldhahn läuft hinter ihm her und will ihn stören. Der Mannheimer Angreifer bleibt stehen, sodass der Verteidiger auf ihn aufläuft. Daraufhin lässt sich der Angreifer fallen. Das ist natürlich kein Foulspiel, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen.

Szene 7: Bayern-Keeper Schneller faustet einen Freistoß weg, räumt dabei allerdings Marcel Seegert (Mannheim), der benommen zu Boden geht und ausgewechselt werden muss. Einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:44:50]

Babak Rafati: Nach einem Freistoß in den Strafraum von Mannheim läuft Bayern-Keeper Schneller aus seinem Tor heraus und faustet den Ball vor dem Mannheimer Seegert weg. Dabei kommt Seegert zu Fall und verletzt sich anschließend. Die Aktion vom Keeper ist nur ballorientiert, es liegt kein Vergehen vor. Dass Seegert sich dabei verletzt, ist dem Zustand geschuldet, dass er nach der Faustabwehr des Keepers unglücklich mit dem Gesicht auf dem Boden aufprallt. Eine Verletzung ist allerdings kein Maßstab für eine Spielstrafe. In dieser fußballtypischen Szene weiterspielen zu lassen, ist absolut richtig.

Szene 8: Nach einem langen Ball ist Marcel Gottschling (Mannheim) frei durch, wird aber aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 3:40]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Zuspiels steht Gottschling nicht im Abseits, denn mindestens 2-3 Verteidiger zuzüglich Torwart sind näher zur eigenen Torlinie postiert als der Angreifer. Dadurch, dass der Angreifer räumlich näher zum Assistenten steht als die anderen Verteidiger, wird der Assistent den Angreifer eher wahrgenommen und daher auf Abseits entschieden haben. In solchen Szenen müssen sich die Assistenten sehr konzentrieren und brauchen zudem Erfahrung, denn in Hundertstel von Sekunden kann es zu Positionsverschiebungen (Angreifer laufen rein und Verteidiger laufen raus) kommen. Eine Fehlentscheidung, den Mannheimer Angriff zu unterbinden und auf Abseits zu entscheiden.

Szene 9: Eine Flanke von Rémy Vita (Bayern II) in den Strafraum wehrt Jesper Verlaat (Mannheim) mit dem Oberkörper/dem Arm ab. Kein Elfmeter, sagt Exner. [TV-Bilder – ab Minute 2:06:15]

Babak Rafati: Ob Verlaat in dieser Szene mit dem Arm oder der Brust zum Ball geht, kann ein Schiedsrichter aus seiner Position nicht zweifelsfrei erkennen. Selbst als TV-Zuschauer braucht man Zeitlupen und kommt erst dann zum Ergebnis, dass der Ball am Oberkörper war. In solchen Szenen muss sich ein Schiedsrichter auf seinen Instinkt verlassen und sollte zudem nur etwas pfeifen, wenn er es auch tatsächlich sieht. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Jeremias Lorch (Köln) geht mit gestrecktem Bein in einen Zweikampf mit John Verhoek (Rostock). Schiedsrichter Tobias Fritsch belässt es bei Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 24:20]

Babak Rafati: Lorch verschätzt sich ein wenig und wählt ein schlechtes Stellungsspiel, sodass er sich nach einem Einwurf nur noch mit einem gestreckten Bein und offener Sohle voraus zu helfen weiß und dabei Verhoek am Knie/Schienbein trifft. Das ist ein brutales Spiel. Mit solch einem Zweikampfverhalten wird die Gesundheit des Gegenspielers auf Spiel gesetzt, sodass es hierfür die rote Karte gegen Lorch hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, es nur bei einer gelben Karte zu belassen.

Szene 11: Jeremias Lorch (Köln) verliert gegen Aaron Herzog (Rostock) den Ball und reklamiert Foulspiel. Die Partie läuft weiter, aus dem Angriff fällt das 2:1 für Rostock. [TV-Bilder – ab Minute 2:00]

Babak Rafati: Lorch hat den Ball in der eigenen Hälfte, ist überrascht, dass er plötzlich von seinem Gegenspieler gestört wird und kommt eher freiwillig zu Fall. Herzog trifft Lorch nicht am Fuß, und auch im Oberkörperbereich ist alles im grünen Bereich. Der Schiedsrichter hat auch einen guten Blick auf den Zweikampf und lässt vollkommen richtig weiterspielen. Leider pfeifen wir Schiedsrichter solche Aktionen eher ab, obwohl kein Vergehen vorliegt. Dahinter steckt, dass mit einem einfachen Pfiff für die Verteidiger der Vorgang erledigt ist und somit keine großartigen Reklamationen aufkommen. Bei der Entscheidung weiterspielen zu lassen, gibt es weitaus mehr Proteste, weil die Konsequenz mehr als nur ein Pfiff ist – in diesem Fall ein Gegentor. Mutig und richtig, dass der Schiedsrichter weiterspielen lässt. Das ist Fußball.

 

Szene 12: Jakov Medic (Wiesbaden) bringt einen Abpraller vom Pfosten aus abseitsverdächtiger Position mit dem Kopf im Tor unter. Schiedsrichter Michael Bacher gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:55]

Babak Rafati: Bei dieser Szene ist zunächst einmal nicht die Flanke für den Moment der Abseitsbeurteilung maßgeblich, sondern erst der Kopfball, der an den Pfosten geht. Zum Zeitpunkt des Kopfballs erkennt man sehr gut, dass der köpfende Spieler näher zur Torraumlinie (Fünfer) steht als sein Mitspieler Medic. Dieser steht nämlich hinter dem Ball, sodass dadurch die Abseitsposition aufgehoben wird. Eine richtige Entscheidung des Assistenten, das Tor anzuerkennen. Es ist gar nicht so einfach, in solch einer Szene ein "fotografisches Gedächtnis" anzuwenden und den Moment des Kopfballs "einzufrieren", um bei der folgenden Szene, die sich dann entwickelt, die richtige Entscheidung zu treffen. Riesenkompliment an den Assistenten!

Szene 13: Einen Torschuss von Lars Ritzka (Verl) bekommt Manuel Zeitz (Saarbrücken) im Strafraum an den Arm, das Spiel läuft weiter. Anschließend bringt Sven Köhler (Verl) den Ball im Tor unter, der Schiedsrichter entscheidet aber auf Abseits und gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:00]

Babak Rafati: Nach dem Torschuss von Ritzka fälscht ein Verteidiger zunächst den Ball ab, von wo aus dieser Zeitz an den angelegten Arm springt. Danach gelangt der Ball dann schließlich zu Köhler, der ins Tor schießt. Zunächst einmal stellt sich die Frage, ob das Handspiel absichtlich ist. Aus der kurzen Entfernung und nach einem abgefälschten Ball kann Zeitz gar nicht so schnell reagieren, sodass keine Absicht vorliegt. Danach gelangt der Ball zum Angreifer, der sich in Abseitsposition befindet. In diesem Fall gilt der Moment der Ballabgabe, also der Torschuss, sodass die Abseitsposition nicht aufgehoben wird (gleiche Spielsituation) und am Ende eine richtige Entscheidung vorliegt, diesen Treffer nicht anzuerkennen.

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  • Michael Vogel

    Also bei Waldhof gegen die kleinen Bayern liegt Rafati bei der Szene mit Seegert völlig falsch, das war glatt rot und Elfmeter. Der Torwart hat erst brutal Seegert aus dem Weg geräumt und dann den Ball erwischt. Aber das ist halt der typische Bayern-Bonus.

    • weihnachtsmann

      Fast identische Szene beim Spiel 1860 gegen Halle, vorletzte Saison. Da gab es Gelb für den Keeper und Strafstoss für 1860…

      • Phillip

        Für mich damals ebenfalls kein Elfer. Entscheidender Grund soll ja damals das angezogene Knie von Eisele gewesen sein. Jeder Torhüter springt so Richtung Ball, weil es eine ganz natürlich Bewgung ist.

    • DM von 1907

      Ich habe auch zuerst gedacht "Rot", aber in der Zeitlupe sieht man, dass Schneller zum Ball geht und dabei (also gleichzeitig) Seegert erwischt – also kein Rot.

      Trotzdem kann man in diesem Spiel einen Bayern-Bonus erkennen. Waldhof war gegen Schluss ziemlich platt, Bayern II nicht. Und dann sieben Minuten Nachspielzeit! Wofür denn bitte? Drei bis vier wären ok gewesen. Und als Gottschling dann in Min. 97 durch war und frei auf das Tor zulief, pfiff Exner wegen Abseits ab – eine krasse Fehlentscheidung und eine Spielsituation, die so eindeutig war, dass man dafür auch keine Zeitlupe brauchte. Hoffentlich Note 5 für Exner!

    • Phillip

      Der Bayern-Bubi war klar zuerst am Ball und trifft dann Seegert. Selbst wenn, wofür sollte es denn bitte Rot geben?

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