Strittige Szenen am 22. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die Platzverweise gegen Lorch und Schwarz, das 1:1 für Großaspach, die nicht gegebenen Elfmeter für Rostock und Münster und der nicht anerkannte Treffer für Frankfurt. Am 22. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de sechs strittige Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: 25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Seit Februar 2015 hat er eine neue Aufgabe: Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab. [/box]

Szene 1: Jeremias Lorch (Sonnenhof Großaspach) bringt Christopher Quiring (Hansa Rostock) in einem Laufduell zu Fall und sieht dafür von Schiedsrichter Sven Waschitzki glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Quiring ist in vollem Lauf auf dem Weg zum gegnerischen Tor und hat eine sehr aussichtsreiche Position, unmittelbar ein Tor zu erzielen. Lorch läuft hinterher und bringt diesen durch den leichten Kontakt im Oberkörperbereich aus dem Rhythmus, sodass der Angreifer zu Fall kommt. Bei der Geschwindigkeit reicht dieser leichte Kontakt schon aus, um den Angreifer am Weiterlaufen zu hindern. Da der Verteidiger letzter Mann ist und der Angreifer zudem Ballkontrolle hat, bleibt dem Schiedsrichter keine andere Wahl, als Lorch die rote Karte zu zeigen und ihn somit des Feldes zu verweisen. Eine richtige Entscheidung.

Szene 2: Nach einem Pass von Kai Gehring trifft Lucas Röser zum 1:1 für Großaspach. Die Hansa-Spieler reklamieren Abseits, Waschitzki gibt den Treffer dennoch. [TV-Bilder – ab Minute 3:05]

Babak Rafati: Anhand der vorliegenden TV-Bilder lässt sich die Szene nicht hundertprozentig auflösen. Die Flanke kommt von links in den Strafraum. Dabei sieht man, wie sich ein Verteidiger in die Nähe der eigenen Torlinie begibt. Dass der Schiedsrichter unmittelbar nach Torerzielung in diese Richtung zeigt, wo sich dieser Verteidiger vermutlich postiert, lässt vermuten, dass außer dem Torwart noch zusätzlich dieser Verteidiger bei der Flanke von links näher zur eigenen Torlinie steht als der Angreifer. Daher muss man die Entscheidung des Schiedsrichters mit dieser Kameraperspektive akzeptieren.

Szene 3: Nachdem Michael Maria (Sonnenhof Großaspach) in Stephan Andrist (Hansa Rostock) hineinspringt, geht dieser im Strafraum zu Boden. Einen Elfmeter gibt es allerdings nicht. [TV-Bilder – ab Minute 4:00]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter hat gute Sicht auf den Zweikampf im Strafraum. Die Schwierigkeit ist jedoch, dass wenn ein Verteidiger ein Foul begeht, dieses oftmals im Oberkörperbereich passiert. Der Schiedsrichter scheint sich in dieser Szene daher auf ein Vergehen im Oberkörperbereich zu fokussieren, sodass er den Kontakt im unteren Bereich nicht sieht und somit auch nicht ahndet. Anhang der TV-Bilder sieht man aber klar, dass Maria seinen Gegenspieler Andrist kurz und ansatzlos im unteren Bereich trifft, ihn somit aus dem Gleichgewicht bringt und dieser in der Folge zu Fall kommt. Es hätte einen Strafstoß für Rostock geben müssen, daher liegt eine Fehlentscheidung vor.

[box type="info"]Hinweis: Der Grund für den "Platzverweis" gegen Hansa-Trainer Christian Brand konnte aufgrund fehlender TV-Bilder zu dieser Szene nicht analysiert werden.[/box]

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Szene 4: Sinan Tekerci (Preußen Münster) wird von Dustin Bomheuer (MSV Duisburg) im Strafraum zu Fall gebracht, Schiedsrichter Tim Skorczyk gibt jedoch keinen Elfmeter, sondern entscheidet auf Stürmerfoul. [TV-Bilder – ab Minute 1:41:00]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter hat freie Sicht zum Zweikampf im Strafraum. Beide Spieler wollen zum Ball, aber Tekerci ist einen Moment schneller und spielt kurz den Ball. Bomheuer kommt etwas zu spät, holt aus und tritt in die Beine seines Gegenspielers. Dabei räumt er diesen förmlich ab und kommt selbst auch zu Fall. Der Schiedsrichter entscheidet auf Stürmerfoul und Freistoß für Duisburg. Es hätte jedoch Strafstoß für Münster und eine gelbe Karte gegen den Verteidiger geben müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 5: Nach einer Flanke von Tim Albutat (MSV Duisburg) kommt Benjamin Schwarz (Preußen Münster) zu spät und bringt den Duisburger zu Fall. Schwarz sieht Gelb-Rot, zudem gibt Skorczyk einen Freistoß für den MSV. [TV-Bilder – ab Minute 1:41:50]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter pfeift etwas verzögert, weil er das Signal seines Assistenten bekommt, der Skorczyk somit hervorragend unterstützt. Da Schwarz sowohl mit seinem Nachziehbein als auch mit seinem anderen Bein mit den Stollen voraus in die Beine von Albutat grätscht und ihn dabei trifft, ist die Freistoß-Entscheidung vollkommen richtig. Auch eine gelbe Karte für dieses Vergehen ist berechtigt, was in der Folge zu einer gelb-roten Karte führt. Eine sehr gute Teamarbeit des Schiedsrichterteams in dieser Szene mit einer richtigen Entscheidung. 

[box type="info"]Hinweis: Ob der Ball unmittelbar vor dem 3:2 für den MSV Duisburg im Seitenaus war, kann anhand der TV-Bilder nicht eindeutig geklärt werden. Daher konnte diese Szene auch nicht analysiert werden.[/box]

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Szene 6: Fabian Graudenz trifft zum 1:1 für den FSV Frankfurt, Schiedsrichter Thorben Siewer gibt den Treffer aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition jedoch nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Ob beim ersten Abspiel aus dem Mittelfeld eine Abseitsposition vorliegt, kann man anhand der TV-Bilder nicht erkennen. Ob der Ball nach dem Zuspiel aus dem Mittelfeld weitergeleitet wird und erst danach Abseits entschieden wird, kann man auch nicht erkennen und bewerten. Warum die Abseitsentscheidung so spät getroffen wird, obwohl eine Kommunikation durch das Headset möglich ist, ist auch nicht zu erklären. Diese Szene kann man daher nicht fallabschließend bewerten, sondern nur spekulieren. Hier wird aber auch eines wieder deutlich: Alle Beteiligten stehen unter Stress und Druck und reden durcheinander und aufeinander ein – dadurch entsteht keine sachliche Kommunikation.

   
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