Strittige Szenen am 20. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Das 1:1 von Dresden, die nicht gegebenen Elfmeter für Kaiserslautern und Türkgücü, das 1:0 von 1860 und der Platzverweis gegen Günther-Schmidt. Am 20. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de fünf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Nach einer Flanke von Philipp Hosiner (Dresden) geht Christoph Daferner (Dresden) mit viel Körpereinsatz in einen Zweikampf mit Philipp Hercher (Kaiserslautern), bringt ihn dabei zu Fall und trifft. Schiedsrichter Christof Günsch gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 1:15]

Babak Rafati: Nach einer Flanke in den Strafraum von Kaiserslautern springen Daferner und Hercher zum Kopfball hoch. Dabei ist der Dresdner in einer besseren Position zum Ball, während sich der Lautrer Verteidiger ein wenig verschätzt. Natürlich hat der Angreifer den Arm am Verteidiger und es kommt zum Kontakt, aber das ist ein absolut regelgerechter Einsatz und keinesfalls ein Foulspiel – auch wenn Hercher aus dem Gleichgewicht und anschließend zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, diesen Treffer für Dresden anzuerkennen.

Szene 2: Im Strafraum behauptet Marvin Pourié (Kaiserslautern) den Ball, geht dann aber im Duell mit dem bereits gelb-verwarnten Tim Knipping (Dresden) zu Boden. Kein Elfmeter, entscheidet Günsch. [TV-Bilder – ab Minute 1:50:05]

Babak Rafati: Im Strafraum von Dresden kommt es zu einem Zusammenprall zwischen Pourié und Knipping, bei dem keiner etwas dafür kann. Anschließend kommt der Dresdner Verteidiger aus dem Gleichgewicht und versucht noch, den Ball zu treffen. Allerdings trifft er dabei Pourié an der Ferse und bringt ihn dadurch in einer sehr aussichtsreichen Position zu Fall. Das ist ein klares Foulspiel, sodass es einen Strafstoß hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und keinen Strafstoß für Kaiserslautern zu pfeifen. Zudem hätte es die gelb-rote Karte gegen Knipping geben müssen, weil das Foulspiel im Kampf um den Ball erfolgt. Hätte Knipping keine Chance mehr gehabt, den Ball zu spielen, und nur die Absicht den Gegner am Torschuss zu hindern, hätte man regeltechnisch von einer Torverhinderung oder Notbremse gesprochen, was eine rote Karte nach sich gezogen hätte.

 

Szene 3: Semi Belkahia (1860 München) fälscht einen Freistoß von Richard Neudecker zum 1:0 ins Tor ab. Meppen reklamiert Abseits, Schiedsrichter Asmir Osmanagic gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:10]

Babak Rafati: Bei einem Freistoß für 1860 München, kurz vor dem gegnerischen Strafraum, schießt Neudecker den Ball scharf in den Strafraum hinein. Danach bekommt sein Mitspieler den Ball an den Fuß, von da aus prallt der Ball zu Belkahia, der schließlich den Ball ins Tor lenkt. Maßgeblich für die Bewertung einer möglichen Abseitsposition ist zunächst einmal nicht der Moment der Freistoßausführung, sondern als er vom Mitspieler von Neudecker weiter zum späteren Torschützen Belkahia abprallt. Ob dieser nun im Abseits steht, kann anhand der vorliegenden TV-Bilder nicht zweifelsfrei aufgelöst werden. Ein Verteidiger von Meppen steht nämlich noch hinter Belkahia und könnte womöglich die Abseitsposition aufgehoben haben. Der viel diskutierte Videobeweis mit den kalibrierten Linien würde in diesem Fall weiterhelfen.

 

Szene 4: Nach einem Kampf um den Ball sieht Julian Günther-Schmidt (Saarbrücken) von Schiedsrichter Patrick Glaser Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 3:05]

Babak Rafati: Nach einem Einwurf in der gegnerischen Hälfte geht Günther-Schmidt in den Zweikampf und will zum Ball, zieht aber zurück, als er bemerkt, dass sein Gegenspieler zuerst an den Ball kommt und diesen wegschießt. Somit gibt es überhaupt keine Berührung oder einen Kontakt. Trotzdem lässt sich sein Gegenspieler theatralisch fallen und hält sich den Fuß. Der Schiedsrichter lässt sich womöglich vom Verhalten des vermeintlich Gefoulten am Boden leiten und zeigt deshalb dem bereits verwarnten Günther-Schmidt in der Folge die gelb-rote Karte. Das ist natürlich eine Fehlentscheidung.

 

Szene 5: Sercan Sararer (Türkgücü) fordert nach einem Zweikampf im Strafraum mit Nicolas Feldhahn (Bayern II) einen Elfmeter, Schiedsrichter Benjamin Cortus lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von Bayern II nimmt Feldhahn zwar den Arm gegen Sararer ein wenig heraus, um ihn zu stören, aber das ist ein fußballtypischer Einsatz und somit absolut regelgerecht – auch wenn Sararer sich aus dem Rhythmus bringen lässt. Diese Spielweise ist korrekt, sodass kein Foulspiel vorliegt. Auch im Fußbereich ist alles im grünen Bereich. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

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