Strittige Szenen am 2. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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Die Foulspiele von Nkansah, Steinhart und Bachmann, die Platzverweise für Weber, Martinovic, Gehring und Evseev, die nicht gegebenen Elfmeter für Duisburg, Würzburg, Chemnitz und Zwickau und das 1:0 für Bayern: Am 2. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de zwölf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Steffen Nkansah (Eintracht Braunschweig) foult Sascha Mölders (1860 München), kommt bei Schiedsrichter Dr. Martin Thomsen aber mit einer Verwarnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 57:45]

Babak Rafati: Nkansa tritt Mölders im Mittelfeld von hinten mit gestrecktem Bein und mit den Stollen voraus auf Knöchelhöhe auf die Füße und nimmt eine Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers in Kauf. Damit sind alle Kriterien für eine rote Karte gegeben. Der Schiedsrichter zeigt zur Überraschung der Beteiligten gar keine Karte. Selbst, wenn man den gesamten Vorgang auf dem Platz nicht derartig erfasst, besteht kein Spielraum, überhaupt keine Karte zu zeigen. Eine Fehlentscheidung, hier nicht Rot zu zeigen.

Szene 2: Für ein Foul an Nick Proschwitz (Eintracht Braunschweig) sieht Felix Weber (1860 München) Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]

Babak Rafati: Webers Attacke ist nur gegen den Ball gerichtet, sodass er viel Ball spielt und nur leicht seinen Gegenspieler Proschwitz touchiert. Diese Aktion ist ein Allerweltsfoul, mehr nicht. Dafür die gelbe Karte zu zeigen, ist eine Fehlentscheidung. Ein Schiedsrichter muss sich bewusst sein, dass bei einem Platzverweis ein erheblicher Einfluss auf das Spiel genommen wird, sodass er sich bei derartigen Entscheidungen absolut sicher sein und die Aktion klar und ohne Zweifel sein muss. Daher ist diese Entscheidung nicht nachvollziehbar.

Szene 3: Erst begeht Philipp Steinhart (1860 München) ein Foul an Benjamin Kessel (Eintracht Braunschweig) und sieht dafür Gelb, dann bringt er Marcel Bär zu Fall, kommt aber mit einer Ermahnung davon. [TV-Bilder – ab Minute 1:35:10]

Babak Rafati: Steinhart stellt sich im Mittelfeld ein wenig in den Laufweg seines Gegenspielers, aber Kessel sucht auch selbst den Zweikampf und nimmt das Duell dankend an. Hierbei liegt natürlich in der Summe ein Foulspiel vor, aber nur ein Allerweltsfoul, was keine Karte nach sich zieht. Eine Fehlentscheidung, in dieser Szene Gelb zu zeigen.

In der anschließenden Szene kommt Steinhart einen Moment zu spät und tritt seinen Gegenspieler Bär voll vor das Schienbein, wenn auch unbeabsichtigt. Hier hätte es die erforderliche gelbe Karte geben müssen und nicht in der vorigen Szene. Erneut eine Fehlentscheidung.

Die Verhältnismäßigkeit der Kartenverteilung ist absolut nicht gegeben, wenn man auch die Zweikampfbeurteilung bei Nkansas und Webers Aktionen zuvor sieht. Bei solch einer unterschiedlichen Zweikampfbeurteilung verliert ein Schiedsrichter schnell die Glaubwürdigkeit und die Akzeptanz leidet erheblich darunter.

 

Szene 4: Dominik Martinovic (Sonnenhof Großaspach) fährt gegen Dominik Schad (1. FC Kaiserslautern) den Ellenbogen aus und sieht von Schiedsrichter Benjamin Cortus Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Martinovic nimmt im Mittelfeld den Arm raus und trifft seinen Gegenspieler Schad im Gesicht. Dieser Armeinsatz ist mittlerweile Tagesgeschäft. Mit einem normalen Zweikampf hat das allerdngs wenig zu tun. Der Arm wird nur eingesetzt, um den Gegner von sich fernzuhalten. Absolut berechtigt, hierfür die gelbe Karte zu zeigen, die in der Folge zu Gelb-Rot führt.

Szene 5: Janik Bachmann (1. FC Kaiserslautern) holt Eric Hottmann (Sonnenhof Großaspach) rüde von den Beinen, sieht aber nur Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:33:00]

Babak Rafati: Bachmann kommt auf Höhe der Mittellinie an der Seitenlinie aus vollem Lauf und mit hoher Geschwindigkeit angerauscht und springt seitlich mit voller Wucht und Dynamik mit gestrecktem Bein und der Sohle voraus in die Füße seines Gegenspielers Hottmann, der wiederum auch in vollem Lauf ist. Er trifft ihn voll auf Bänder-/Knöchelhöhe und bringt ihn rüde zu Fall. Alle Kriterien für eine rote Karte sind gegeben. Dass die Attacke "nur" von der Seite ist, spielt bei einer derartigen Intensität keine Rolle. Das ist klar glatt Rot. Eine Fehlentscheidung, nur Gelb zu zeigen. Bei solchen Aktionen mit einer derartigen Dynamik wird der Gegner immer getroffen und da ist aus meiner Sicht jeder minimale Kontakt gleichzusetzen mit einer Körperverletzung.

Szene 6: Für einen Rempler gegen Gino Fechner (1. FC Kaiserslautern) sieht Kai Gehring (Sonnenhof Großaspach) Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:40]

Babak Rafati: Gehring geht an der Seitenlinie auf der linken Abwehrseite gegen Fechner mit dem Oberkörper in den Zweikampf und hat den Arm angelegt. Fechner lässt sich hierbei fallen. Das ist ein Zweikampf wie er im Buche steht. Dafür überhaupt einen Freistoß zu verhängen und zudem auch noch mit Gelb zu ahnden, zumal es die zweite gelbe Karte bedeutet, ist absolut nicht nachvollziehbar und eine klare Fehlentscheidung. Man hat den Eindruck, das ist der bekannt kleinliche Stil der Schiedsrichter am Anfang der Saison und kann nur hoffen, dass diese Linie möglichst schnell wieder verlassen wird.

 

Szene 7: Im Strafraum will Lukas Daschner (MSV Duisburg) an den Ball, wird aber von Peter Kurzweg (FC Ingolstadt) am Bein getroffen und zu Fall gebracht. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Dr. Matthias Jöllenbeck. [TV-Bilder – ab Minute 3:00]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf wird Daschner im gegnerischen Strafraum in einer sehr aussichtsreichen Position angespielt. Dabei stellt ihm sein Gegenspieler Kurzweg das Bein in den Weg, trifft ihn und bringt ihn dadurch klar ersichtlich zu Fall. Der Schiedsrichter hat einen freien Blick zu dieser Aktion, lässt jedoch weiterspielen. Das ist ein Foulspiel und hätte einen Strafstoß für Duisburg und eine gelbe Karte gegen Kurzweg geben müssen. Eine Fehlentscheidung.

 

Szene 8: Timo Perthel (1. FC Magdeburg) wird im Strafraum zweimal angeschossen, Zwickau fordert jeweils Elfmeter. Schiedsrichter Robert Kempter lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Beim ersten Abwehrversuch im eigenen Strafraum wehrt Perthel den Ball nicht mit dem Arm ab, vielmehr prallt der Ball an den Körper/Oberschenkel. Beim zweiten Abwehrversuch ist der Arm zwar angelegt, aber er geht mit diesem angelegten Arm zum Ball und spielt diesen. Das ist Absicht und somit strafbar. Hätte er den Ball an den angelegten Arm geschossen bekommen, wäre der Ball zum Arm gegangen und es hätte keine Absicht vorgelegen. Dann wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen. In dieser Situation liegt jedoch eine Absicht vor, sodass es sich um eine Fehlentscheidung handelt.

 

Szene 9: Willi Evseev (SV Meppen) holt Koffi (Waldhof Mannheim) von den Beinen und sieht von Schiedsrichter Florian Badstübner glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht optimal zum Zweikampf im Mittelfeld, hat einen freien Blick und sieht dadurch, wie Evseev von vorne mit gestrecktem Bein und offener Sohle gegen Koffi zu Werke geht und diesen auf Kniehöhe trifft. In dieser Szene wird eine Gefährdung der Gesundheit des Gegenspielers in Kauf genommen und daher ist es absolut richtig, die rote Karte gegen Evseev für diese brutale Spielweise auszusprechen.

 

Szene 10: Nach einem Foul gibt es Freistoß für Bayern II. Dabei legen die Bayern-Spieler den Ball mit der Hand zurecht, führen den Freistoß schnell aus und treffen zum 1:0. Schiedsrichter Timo Gerach gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 51:10]

Babak Rafati: Freistöße dürfen im Mittelfeld oder in der eigenen Hälfte aus Toleranz ein paar Meter vom Tatort entfernt ausgeführt werden. Je näher es jedoch zum gegnerischen Tor geht, desto genauer muss der Ort der Freistoßausführung festgelegt werden. In diesem Fall, kurz vor dem Strafraum, wird der Ort der Ausführung von den Bayern-Spielern um circa ein Meter verlagert, um eine Lücke für ein Zuspiel zum Mitspieler zu finden und sich dadurch einen Vorteil zu verschaffen. Das darf nicht sein. Zudem ist eine schnelle Ausführung des Freistoßes zwar erlaubt und der Schiedsrichter muss den Freistoß regeltechnisch nicht anpfeifen, wenn er es vorher nicht angeordnet hat. Jedoch ist es in dieser Szene taktisch sehr unklug, den Freistoßort kurz vor dem Strafraum derartig eigenwillig von den Spielern zu ihrem Vorteil verlagern zu lassen und zudem eine schnelle Ausführung zuzulassen. Alles sehr unglücklich gelaufen, was einem Schiedsrichter aus Erfahrung sicherlich so nicht mehr passieren wird.

 

Szene 11: Dominic Baumann (Würzburger Kickers) wird an der Strafraumlinie von Markus Schwabl (SpVgg Unterhaching) gelegt, Schiedsrichter Christof Günsch lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 37:05]

Babak Rafati: Bei Strafraumszenen sollten die Schiedsrichter versuchen, ihre übliche Position zu verlassen, um möglichst nah am Geschehen zu sein. Hier ist der Schiedsrichter einfach schlecht postiert, weil er nicht Richtung Strafraum reinrückt. Bei einem Laufduell am Strafraum von Unterhaching läuft Schwabl seinem Gegenspieler Baumann hinterher und zieht diesem, nachdem er ausgespielt wird, das Standbein weg und bringt ihn zu Fall. Der Kontakt ist knapp außerhalb des Strafraumes. Das wiederum kann nur vom Assistenten erkannt werden, da er von der Seite die beste Perspektive hat. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen, denn hier hätte es einen Freistoß für Würzburg und eine gelbe Karte gegen Schwabl geben müssen.

 

Szene 12: Tobias Müller (Chemnitzer FC) wird von Dominik Lanius (Viktoria Köln) zu Fall gebracht, einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Patrick Alt nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:10]

Babak Rafati: Auch wenn Müller bereits den Ball im gegnerischen Strafraum gespielt hat und das Einsteigen von Lanius danach passiert, ist das ein Foulspiel. Er grätscht mit dem Fuß, trifft ihn klar und deutlich an den Füßen und bringt ihn zu Fall. Hier muss es einen Strafstoß für Chemnitz sowie eine gelbe Karte gegen Lanius geben. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

   
  • Phillip

    Lief ja richtig gut das zweite Wochenende für die Schiris. :-D

    • Sterneneisen

      Laut Rafati. Ich hab dabei eher das Gefühl, dass er anfangs mehr investiert hat und besser geurteilt hat. Viele der Begründungen überzeugen mich nicht, wenn ich mir die Szenen anschaue.

      • Phillip

        Habe auch noch nicht alles gesehen vom WE. Aber ja, genau wie die Schiris liegt auch er in manchen Bewertungen deutlich daneben.

  • Babbbel

    Interressant, im Spiel Ingolstadt gegen Duisburg spielt sogar auch noch ein Spieler aus Würzburg mit.

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