Strittige Szenen am 18. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die nicht gegebenen Elfmeter für Lübeck, Zwickau, Bayern II, Saarbrücken und Magdeburg, ein verwehrter Freistoß für Lübeck, der Strafstoß für Mannheim, das 1:1 von Wiesbaden und die gelbe Karte gegen Dresdens Knipping. Am 18. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de neun Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 50-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Pascal Steinwender (Lübeck) läuft auf das Tor zu, wird dann aber von Jozo Stanic (Zwickau) zu Fall gebracht. Kein Elfmeter, entscheidet Schiedsrichter Florian Lechner. [TV-Bilder – ab Minute 0:45]

Babak Rafati: Steinwender will im gegnerischen Strafraum auf Höhe des Fünfmeterraumes auf das Tor schießen. In letzter Sekunde kommt Stanic angelaufen und kann den Ball sauber vor den Füßen von Steinwender wegspitzeln und zur Ecke abwehren. Eine richtige Entscheidung, nicht auf Strafstoß für Lübeck zu entscheiden.

Szene 2: Ein hoher Ball in Richtung des Strafraums erreicht Ronny König (Zwickau), der im Duell mit Sven Mende (Lübeck) zu Boden geht. Die Pfeife von Lechner bleibt stumm. [TV-Bilder – ab Minute 1:49:50]

Babak Rafati: Beim Duell im eigenen Strafraum steht Mende hinter König, springt zum Kopfball hoch und spielt den Ball mit dem Kopf. Dabei hat er den Arm ein wenig auf Königs Schulter/Nacken gestützt, was aber absolut regelkonform und branchenüblich ist. Entsprechend liegt kein Foulspiel vor, auch wenn König anschließend zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 3: Bei einem Laufduell mit Leon Jensen (Zwickau) geht Elsamed Ramaj (Lübeck) kurz vor dem Strafraum zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 3:05]

Babak Rafati: Kurz vor dem gegnerischen Strafraum wird Ramaj im Laufduell von seinem Gegenspieler Jensen, der sich hinter Ramaj befindet und somit nicht mehr an den Ball kommen kann, kurz und ansatzlos heruntergezogen und am Weiterlaufen gehindert. Das ist ein klares Foulspiel. Wenn der Schiedsrichter dieses klare Foulspiel nicht sieht, muss es der Assistent sehen, weil er von der Seite einen klaren Blick auf den Zweikampf hat. So etwas darf einfach nicht übersehen werden. Es hätte natürlich einen Freistoß für Lübeck geben müssen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen. Zudem hätte es eine gelbe Karte geben müssen. Rot nicht, weil der Angreifer keine glasklare Torchance und keine Ballkontrolle hat (der Ball ist zum Zeitpunkt des Vergehens in der Luft) und der Torhüter zur Stelle gewesen wäre.

Der andere Zwickauer Verteidiger hätte in dem Moment nicht mehr eingreifen können, weil Ramaj den direkten Weg zum Tor hatte. Wenn die Ballkontrolle gegeben und der Torhüter im Tor geblieben wäre, hätte es eine rote Karte geben müssen. Wichtig ist auch, dass die Bezeichnung "Letzter Mann" gerne im Sprachgebrauch von Reportern verwendet wird, aber regeltechnisch keine Bedeutung hat. Entscheidend ist nur die Vereitelung der Torchance.

 

Szene 4: Marius Willsch (1860) foult Fiete Arp (Bayern II) an der Strafraumgrenze. Statt Elfmeter für Bayern II gibt Schiedsrichter Martin Petersen Freistoß. [TV-Bilder – ab Minute 1:32:20]

Babak Rafati: Man sieht sehr gut, dass zum Zeitpunkt des Vergehens von Willsch gegen Arp der Verteidiger mit dem Gesicht zur eigenen Torlinie steht und sein linker Fuß auf der Strafraumlinie ist, sodass der rechte Fuß naturgemäß weiter rechts positioniert ist. Somit kann der Tritt mit dem rechten Fuß nur innerhalb des Strafraumes passiert sein. Diese Feinheit kann ein Schiedsrichter auf dem Platz schwer sehen. Wenn er sich aber schneller auf das Spielgeschehen fokussiert und konzentriert hätte und schneller zum Tatort gelaufen wäre, hätte er aus einer näheren und somit besseren Position diese Feinheit erkennen können. Stattdessen ist er zu lange damit beschäftigt den indirekten Freistoß zuvor – wegen Abseits – mit erhobenem Arm anzuzeigen, was theoretisch richtig, aber überhaupt nicht notwendig ist. Hier sollte ein Schiedsrichter praxisrelevant agieren, um gedankenschnell, wie es der Freistoßschütze von Bayern aus dem Mittelfeld heraus tut, mitzuwirken. Es hätte natürlich einen Strafstoß geben müssen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt.

 

Szene 5: Im Duell mit Christopher Lannert (Verl) geht Dominik Martinovic (Mannheim) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Martin Speckner gibt Elfmeter für Mannheim. [TV-Bilder – ab Minute 1:45]

Babak Rafati: Martinovic legt sich den Ball per Hackentrick im gegnerischen Strafraum an Lannert vorbei und kommt plötzlich zu Fall. Lannert wird Martinovic womöglich leicht berührt haben, aber am Bewegungsablauf erkennt man sehr gut, dass Martinovic erst kurze Zeit später zu Boden geht und diesen möglichen Kontakt dankend annimmt. Selbst wenn es einen Kontakt gibt, ist dieser nicht ursächlich für das Zufallkommen. Das ist kein Foulspiel, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt, den Elfmeter zu pfeifen.

 

Szene 6: Luca Kerber (Saarbrücken) kommt im Strafraum an den Ball und will sich behaupten, geht jedoch im Duell mit Valdet Rama (Meppen) zu Boden. Schiedsrichter Nicolas Winter lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 54:10]

Babak Rafati: Kerber legt sich den Ball im gegnerischen Strafraum vor und will an Rama vorbeilaufen. Dabei wählt er einen Laufweg, bei dem er selbstverschuldet den Kontakt verursacht und dadurch zu Fall kommt. Sein Gegenspieler Rama stoppt sogar noch geschickt ab und zieht zurück, um kein Foulspiel zu begehen. Das ist kein ahndungswürdiges Vergehen, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 7: Im Strafraum geht Leon Bell Bell (Magdeburg) im Duell mit zwei Uerdingern zu Fall und fordert einen Elfmeter. Diesen gibt Schiedsrichter Eric Müller nicht. [TV-Bilder – ab Minute 3:55]

Babak Rafati: Bei diesem Dreikampf im Strafraum von Uerdingen kommt Bell Bell an den beiden Verteidigern nicht vorbei und geht dann zu Fall, wobei kein Foulspiel der beiden Verteidiger auszumachen ist – auch wenn es sicherlich zum Kontakt kommt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 8: Nach einer Flanke von Benedict Hollerbach trifft Maurice Malone zum 1:1 für Wiesbaden. Halle reklamiert Abseits, Schiedsrichter Lukas Benen gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Mit den vorliegenden Bildern ist nicht zweifelsfrei auflösbar, ob Malone zum Zeitpunkt der Flanke von Hollerbach im Abseits steht oder nicht. Halles Vucur hebt die Abseitsposition womöglich mit einem Körperteil auf. Es kann aber auch sein, dass Malone bei der Flanke hinter dem Ball ist und sich somit nicht in Abseitsposition befindet. In dieser Szene muss man die Entscheidung einfach akzeptieren.

 

Szene 9: Schiedsrichter Tobias Schultes pfeift einen Zweikampf zwischen Yannick Stark (Dresden) und Sercan Sararer (Türkgücü) ab, zeigt aber Knipping, der in der Nähe des Zweikampfs stand, Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 55:30]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter pfeift zunächst ein Foulspiel von Stark gegen Sararer im Mittelfeld ab. Nach dem Pfiff schießt dann Knipping den Ball leicht weg, vermutlich weil er mit der Entscheidung nicht einverstanden ist und bekommt dafür die gelbe Karte. Das ist eine viel zu harte Entscheidung. Eine kurze Ansprache hätte es auch getan.

 

Weiterlesen: Wer bisher am häufigsten benachteiligt wurde

   
  • DM von 1907

    Szene 9: Die gelbe Karte gegen Knipping ist berechtigt, weil er den Ball weggeschlagen hat. Die Schiedsrichter sind gehalten, dieses Mode- oder Trendvergehen konsequent zu ahnden.

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