Strittige Szenen am 18. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die Elfmeter für Karlsruhe, die Platzverweise gegen Kittner und Kegel, die verwehrten Strafstöße für Karlsruhe, Münster, Rostock, Osnabrück, Würzburg, Lotte und Unterhaching, das Foul von Biankadi, der nicht gegebene Treffer für 1860 und das 1:1 für Meppen. Am 19. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 16 Szenen genauer angeschaut.

[box type="info"]Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).[/box]

Szene 1: Marvin Pourié (Karlsruher SC) geht nach einem Zweikampf mit Lion Schweers (Preußen Münster) zu Boden, Schiedsrichter Sven Jablonski gibt Elfmeter für den KSC. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter hat freie Sicht und müsste eigentlich sehen, dass Schweers im eigenen Strafraum klar den Ball spielt und Pourie sich offensichtlich fallen lässt. Das Festhalten geschieht von Beiden und ist branchenüblich, nicht hinderlich und somit kein Foul. Die Strafstoßentscheidung für Karlsruhe ist eine klare Fehlentscheidung.

Szene 2: Marvin Pourié (Karlsruher SC) dringt in den Strafraum ein, geht zu Fall und fordert einen Elfmeter. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 49:15]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht wieder gut. Pourié dringt in den Strafraum von Münster ein und lässt sich im Zweikampf unsportlich fallen. Hier keinen Strafstoß zu geben, ist eine richtige Entscheidung. Optimal wäre es, wenn der Schiedsrichter Pourié für diesen Täuschungsversuch die gelbe Karte gezeigt hätte. Schade, denn so eine Spielweise sollte immer konsequent unterbunden werden.

Szene 3: Für eine Grätsche gegen Marc Lorenz (Karlsruher SC) sieht Ole Kittner (Preußen Münster) glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:00]

Babak Rafati: Kittner geht zwar nicht mit offener Sohle in den Zweikampf, sondern trifft Lorenz mit dem Spann an der Wade, trotzdem ist die Attacke nur gegen den Mann gerichtet und gefährdet die Gesundheit des Gegenspielers. Somit ist die rote Karte vertretbar.

Szene 4: Daniel Gordon (Karlsruher SC) fährt gegen Kevin Rodrigues Pires (Preußen Münster) den Ellenbogen aus und bringt damit ihm zu Fall – das Spiel läuft weiter. Kurz danach wird Manuel Stiefler (Karlsruher SC) von Sandrino Braun (Preußen Münster) gelegt, erneut entscheidet Jablonski auf Elfmeter für Karlsruhe. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]

Babak Rafati: Die Strafstoßentscheidung ist unstrittig, jedoch hätte der Schiedsrichter zuvor die Aktion von Gordon gegen Rodrigues Piresr abpfeifen und das Ellenbogen-Vergehen mit der gelben Karte ahnden müssen. Das Spiel hätte mit einem Freistoß für Münster an der Stelle des Vergehens fortgesetzt werden müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 5: Nach einem Schuss von René Klingenburg (Münster) wehrt Christoph Kobald (Karlsruher SC) den Ball mit der Hand ab. Kein Elfmeter, sagt der Schiedsrichter. [TV-Bilder – ab Minute 1:24:15]

Babak Rafati: Kobald bekommt den Ball beim Klärungsversuch im eigenen Strafraum aus kurzer Entfernung an die Hand geschossen, hat den Arm dabei aber angelegt und setzt ihn nicht zur Vergrößerung der Körperfläche ein. Somit eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 6: Einen Schuss von Marco Thiede (Karlsruher SC) blockt Lucas Cueto (Preußen Münster) im Strafraum mit dem Arm, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:58:15]

Babak Rafati: Cueto reißt nach einem Schuss von Thiede den Arm in Torwartmanier hoch und blockt den Torschuss. Somit wird die Körperfläche vergrößert und es liegt keine natürliche Körperhaltung vor. In dieser Szene hätte auch der Assistent sehr gut helfen können, da er freie Sicht hat. Es hätte einen Strafstoß für Karlsruhe geben müssen, somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

Szene 7: Merveille Biankadi (Hansa Rostock) trifft Alexander Bittroff (KFC Uerdingen) bei einer Grätsche am Knöchel und sieht von Schiedsrichter Markus Schmidt Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:40]

Babak Rafati: Biankadi trifft Bittroff auf Höhe der Mittellinie brutal am Knöchel und gefährdet die Gesundheit seines Gegenspielers. Hier kann es nur eine Entscheidung geben, nämlich die rote Karte. Bei solchen engen Zweikämpfen an der Seitenlinie ist es immer empfehlenswert, einen Moment auf der Szene zu bleiben, da sich meistens, nachdem der Ball abgespielt wurde, noch etwas ereignet. Eine klare Fehlentscheidung, nicht die rote Karte gegen Biankadi zu zeigen.

Szene 8: Jan Holldack (KFC Uerdingen) klammert im Strafraum gegen Del-Angelo Williams (Hansa Rostock), der dabei zu Fall kommt. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 3:45]

Babak Rafati: Holldack legt nach einer Flanke in den eigenen Strafraum den rechten Arm auf die Schulter von Williams, anschließend kommt dieser zu Fall. Dieses Abwehrverhalten bzw. das "Bearbeiten des Gegenspielers" ist fußballtypisch und reicht nicht für einen Strafstoß aus – auch, wenn sich Stürmer in diesen Situationen gerne fallen lassen. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

Szene 9: Nach einem Zweikampf zwischen Maximilian Beister (KFC Uerdingen) und Del-Angelo Williams (Hansa Rostock) fordert die Kogge wieder Elfmeter, Schmidt winkt aber erneut ab. [TV-Bilder – ab Minute 1:45:15]

Babak Rafati: Beister steht besser zum Ball, geht korrekt in den Zweikampf und spielt nur diesen – auch, wenn Williams etwas ungünstig zum Ball postiert ist und dadurch erneut zu Fall kommt. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 10: Nach einem Schuss von Ulrich Taffertshofer (VfL Osnabrück) blockt Alf Mintzel (Wehen Wiesbaden) den Ball im Strafraum mit der Hand. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Sören Storks. [TV-Bilder – ab Minute 1:57:10]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht optimal und müsste eigentlich sehr gut erkennen, dass sich Taffertshofer den Ball im Osnabrücker Strafraum an Mintzel vorbeilegen will, dieser aber eindeutig und absichtlich den Ball mit der Hand spielt. Hier hätte es wegen absichtlichen Handspiels einen Strafstoß sowie die gelbe Karte gegen Mintzel geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und dieses Vergehen nicht zu ahnden.

 

Szene 11: André Hainault (1. FC Kaiserslautern) bekommt einen abgefälschten Schuss von Fabio Kaufmann (Würzburger Kickers) an die Hand, Schiedsrichter Pascal Müller lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 45:10]

Babak Rafati: Hainault bekommt den Ball im eigenen Strafraum aus kurzer Entfernung an die Hand geschossen, zumal er mit dem Rücken zum Schützen steht. Die Körperhaltung ist dabei absolut natürlich, sodass weiterspielen die richtige Entscheidung ist.

 

Szene 12: Ein Tor von Sascha Mölders (1860 München) wird aufgrund eines Stürmerfouls an Steven Ruprecht (Fortuna Köln) von Schiedsrichter Henrik Bramlage nicht gegeben. [TV-Bilder – ab Minute 1:15]

Babak Rafati: Auch wenn die Aktion von Mölders, Ruprecht in die Hacken zu laufen, nicht absichtlich ist, liegt ein Foulspiel vor. In den Fußball-Regeln wird beim Foulspiel nicht nach absichtlich oder unabsichtlich unterschieden, sondern nur nach Foul oder nicht Foul. Eine richtige Entscheidung, auf Stürmerfoul zu entscheiden und den Treffer für 1860 zu annullieren.

Szene 13: Nach einem Foul an Stefan Lex (1860 München) sieht Maik Kegel (Fortuna Köln) Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:35]

Babak Rafati: Kegel spielt mehr den Ball und trifft vielleicht ein wenig Lex, jedoch ist die Aktion klar gegen den Ball gerichtet. Hier wäre es richtig gewesen, weiterspielen zu lassen und somit noch nicht einmal ein Foulspiel zu pfeifen. Der Freistoßpfiff und die folglich gelb-rote Karte gegen Kegel sind jeweils eine Fehlentscheidung.

 

Szene 14: Nach einer Flanke von Janik Jesgarzewski (SV Meppen) springen Nick Proschwitz und o Coppens (Carl Zeiss Jena) zum Ball, wobei der Jena-Keeper geblockt wird. Anschließend fällt das 1:1 für Meppen. Schiedsrichterin Kartin Rafalski gibt den Treffer. [TV-Bilder – ab Minute 1:40]

Babak Rafati: Diese Aktion ist absolut regelkonform, denn Proschwitz geht nur zum Ball und Coppens verschätzt sich ein wenig. Der Torhüter wird zudem im eigenen Fünfmeterraum wie ein Feldspieler behandelt, daher liegt eine richtige Entscheidung vor, den Treffer für Meppen anzuerkennen.

 

Szene 15: Marc Endres (SpVgg Unterhaching) wirft sich in einen Schuss von Lars Dietz (Sportfreunde Lotte), reißt dabei den Arm nach oben und wehrt den Ball mit der Hand ab. Kein Freistoß, sagt Schiedsrichter Florian Lechner. [TV-Bilder – ab Minute 42:50]

Babak Rafati: Endres wirf sich beim Abwehrversuch kurz vor dem eigenen Strafraum in den Schuss von Dietz, reißt den Arm in Torwartmanier hoch und blockt den Schuss auf das eigene Tor. Das ist eine unnatürliche Körperhaltung und dient zur Vergrößerung der Körperfläche, daher hätte es in dieser Szene einen direkten Freistoß für Lotte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 16: Nachdem Nico Antonitsch (FSV Zwickau) den Ball nach einem Schuss von Shqiprim Binakaj (SG Sonnenhof Großaspach) im Strafraum mit der Hand berührt, fordert Großaspach einen Elfmeter, erhält diesen von Schiedsrichter Markus Wollenweber aber nicht. [TV-Bilder – ab Minute 34:30]

Babak Rafati: Der Arm von Antonitsch ist zwar vom Körper abgespreizt, jedoch weiß jeder, der schon mal Fußball gespielt hat, dass das eine normale Körperhaltung ist. Er versucht durch das "Stellen" eine Seite zuzumachen, damit Binakaj nicht an ihm vorbeilaufen kann und ist dadurch im Bewegungsablauf. Daher eine richtige Entscheidung, den aus kurzer Distanz an die Hand geschossenen Ball nicht zu ahnden.

 

[box type="info"]Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde[/box]

   
  • DM von 1907

    Ob Antonitschs Hand da weit draußen eine natürlich Körperhaltung war, sei mal dahingestellt. Auf jeden Fall war es eine erhebliche Vergrößerung der Körperfläche, und es hätte daher Elfmeter geben müssen! Immerhin war der Spieler ehrlich und hat das hinterher auch zugegeben.

  • Phillip

    Bei Antonitschs Handspiel kriegt er den Ball vorher denke ich sogar noch an den Bauch und erst von dort an die Hand. Ansonsten durchaus glücklich.

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