Strittige Szenen am 14. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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Das Tor für Rostock, die nicht gegebenen Elfmeter für Jena, Aalen und Karlsruhe, der Zweikampf zwischen Eisele und Undav, der Platzverweis für Beister, die Elfmeter für Osnabrück und Zwickau, die zurückgepfiffene Szene mit Pourié und das Foulspiel von Lacazette an Borgmann. Am 14. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Nach einem Pass von Marco Königs spielt Marcel Hilßner auf Jonas Hildebrandt ab, der zum 1:0 für Rostock trifft. Jena reklamiert, dass Hilßner beim Pass von Königs im Abseits gestanden habe. Schiedsrichter Martin Petersen gibt den Treffer dennoch. [TV-Bilder – ab Minute 2:05]

Babak Rafati: Das ist unstrittig ein klare Abseitsposition und für niemandem nachvollziehbar, warum nicht abgepfiffen wird. Die entscheidende Frage dabei ist, wie so etwas passieren kann. Eine Erklärung könnte sein, dass der Assistent drei Spieler im Abseits sieht und nicht genau weiß, auf wen er sich konzentrieren soll. Ein erfahrener Assistent wird sich jedoch fokussieren, indem er genau beobachtet und dabei nicht nachdenkt. Für das Fokussieren gibt es Strategien, auch für Assistenten. Leider hat der Assistent in diesem Fall eine klare Fehlentscheidung getroffen, sodass der Treffer für Rostock nicht hätte zählen dürfen.

Szene 2: Julian Günther-Schmidt (Carl Zeiss Jena) dringt in den Strafraum ein und wird von Nico Rieble (Hansa Rostock) zu Fall gebracht. Kein Elfmeter, sagt Petersen, sondern entscheidet auf Schwalbe und zeigt Günther-Schmidt Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 3:30]

Babak Rafati: Das Abwehrverhalten von Rieble im eigenen Strafraum gegen Günther-Schmidt ist branchenüblich, um den Gegenspieler zu stören, allerdings ist dieses Stören kein Foulspiel, zumal das Zufallkommen von Günther-Schmidt nicht aus diesem Zweikampf resultiert. Günther-Schmidt nimmt die Berührung dankend an und kommt theatralisch zu Fall, was den Schiedsrichter dazu veranlasst, ihm wegen eines Täuschungsversuchs die gelbe Karte zu zeigen. Eine richtige Entscheidung, denn das ist eine Schwalbe.

 

Szene 3: Nach einem langen Ball kommt Kai Eisele (Hallescher FC) aus dem Tor und prallt mit Deniz Undav (SV Meppen) außerhalb des Strafraums zusammen. Schiedsrichter Markus Wollenweber lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 1:05]

Babak Rafati: Eisele kommt aus seinem Tor heraus und will knapp vor dem eigenen Strafraum klären. Auch Undav geht zum Ball und will den Ball vor dem heraus geeilten Torwart blocken. Bei diesem Zweikampf prallen beide Spieler zusammen und kommen dabei zu Fall. Es liegt von keinem ein Foulspiel vor und es ist lobenswert, dass der Schiedsrichter diesen Vorgang im normalen Ablauf sieht und richtig beurteilt. Somit eine richtige Entscheidung, weiterlaufen zu lassen.

 

Szene 4: Maximilian Beister (KFC Uerdingen) bringt Felix Agu (VfL Osnabrück) im Laufduell zu Fall und sieht von Schiedsrichter Daniel Schlager Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 2:15]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf an der Seitenlinie bringt Beister seinen Gegenspieler Agu unstrittig zu Fall, jedoch ist das kein gelbwürdiges Vergehen. Auch von der Schwere des Vergehens und von einem taktischen Foulspiel kann man hier nicht sprechen. Es hätte ausgereicht, einen Freistoß für Osnabrück zu pfeifen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 5: Nach einem langen Ball in den Strafraum reißt Manuel Konrad (KFC Uerdingen) die Arme nach oben und bekommt einen Kopfball von Maurice Trapp an den Arm. Es gibt Elfmeter für Osnabrück. [TV-Bilder – ab Minute 3:10]

Babak Rafati: Das ist ein klassisches Handspiel und beispielhaft für die Vergrößerung der Körperfläche sowie eine unnatürliche Armhaltung. Da zieht auch das Argument der kurzen Distanz nicht mehr, wenn vorher schon in Torwartmanier die Arme ausgestreckt werden. Eine richtige Entscheidung, einen Strafstoß für Osnabrück zu geben.

 

Szene 6: Bei einem Freistoß kommt es im Strafraum zum Duell zwischen Ronny König (FSV Zwickau) und Marc Endres (SpVgg Unterhaching), bei dem der Zwickauer zu Boden geht. Elfmeter für den FSV, sagt Schiedsrichter Nicolas Winter. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Endres springt im Luftduell gegen König zum Ball hoch. Dabei foult er seinen Gegenspieler nicht, auch wenn dieser anschließend zu Fall kommt. Es liegt ein fußballtypischer Zweikampf vor, sodass der Strafstoßpfiff eine Fehlentscheidung ist.

 

Szene 7: Anton Fink (Karlsruher SC) wird von Sebastian Schuppan (Würzburger Kickers) auf der Strafraumlinie gelegt. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Henrik Bramlage aber nicht, stattdessen sieht Fink Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 23:50]

Babak Rafati: Bei dieser Aktion steht der Schiedsrichter etwas zu nah am Geschehen, um einen guten Blick auf das Ganze zu haben. Schuppan nimmt den Fuß heraus, trifft Fink eindeutig und bringt ihn dadurch zu Fall. Auch die anschließende Reaktion von Schuppan ist bezeichnend. Hier hätte es statt der getroffenen Entscheidung einen Freistoß kurz vor dem Strafraum für Karlsruhe und eine gelbe Karte gegen Schuppan geben müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

Szene 8: Nach einem Pass von Anton Fink ist Marvin Pourié (Karlsruher SC) frei durch, wird jedoch aufgrund einer vermeintlichen Abseitsposition zurückgepfiffen. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Zuspiels von Fink auf Pourié steht dieser noch in der eigenen Hälfte und somit nicht im strafbaren Abseits. Dass der Assistent erst nach ein paar Sekunden und nach etwa 15-20 Metern Laufweg die Fahne hochnimmt und zeitverzögert auf Abseits entscheidet, ist ein Zeichen von Unsicherheit. Hier wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen und somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

Szene 9: Romuald Lacazette (1860 München) geht mit den Stollen voran in einen Zweikampf gegen Janik Borgmann (Preußen Münster). Schiedsrichter Florian Lechner zeigt Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 27:00]

Babak Rafati: Lacazette verliert den Ball an der Seitenlinie, sprintet diesem hinter her und springt dann fast an der gegnerischen Eckfahne mit voller Dynamik und den Stollen voraus sowie gestrecktem Bein in die Beine von Borgmann. Das ist nicht rücksichtslos, was "nur" die gelbe Karte nach sich ziehen würde, sondern ein überhartes und brutales Spiel, was nur eine Konsequenz haben darf – nämlich die rote Karte. Die Gesundheit des Gegenspielers wird gefährdet, auch wenn Borgmann in dieser Szene Glück hat, nicht voll getroffen worden zu werden, sonst hätte er möglicherweise eine sehr schwerwiegende Verletzung erlitten. Eine Fehlentscheidung, es nur bei der gelben Karte zu belassen. Natürlich hätte der Assistent aufgrund seiner optimalen Position dem Schiedsrichter sehr gut helfen können.

 

Szene 10: Jules Reimerink (Sportfreunde Lotte) wird von Thomas Geyer (VfR Aalen) zu Fall gebracht, einen Elfmeter gibt Schiedsrichterin Katrin Rafalski nicht. [TV-Bilder – ab Minute 2:45]

Babak Rafati: Beim Laufduell prallen Reimerink und Geyer Körper an Körper zusammen, anschließend kommt Reimerink zu Fall. Dieser Zweikampf ist absolut sauber, sodass kein Foulspiel vorliegt. Die Schiedsrichterin bringt sich trotz der etwas großen Distanz zum Geschehen gut in Position (wie man in der Zeitlupe gut sehen kann), verschafft sich dadurch einen guten Blickwinkel und entscheidet völlig richtig auf Weiterspielen.

Szene 11: Nach einem Foul von Thomas Geyer (Sportfreunde Lotte) an Marcus Piossek (Sportfreunde Lotte) fordern die Hausherren erneut Elfmeter, doch die Pfeife der Schiedsrichterin bleibt stumm. [TV-Bilder – ab Minute 2:50]

Babak Rafati: Piossek hat im gegnerischen Strafraum den Ball bereits abgespielt. Danach kann man gut erkennen, dass sich Geyers Abwehrversuch nur zum Ball orientiert und die Beine des Gegenspielers in der unmittelbaren Aktion keinesfalls getroffen werden. Selbst wenn danach der Gegner noch getroffen werden sollte, ist das nicht mehr relevant, weil das durch einen normalen Bewegungsablauf passieren würde. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

   
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