Strittige Szenen am 13. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

Die verwehrten Treffer für Köln und Magdeburg, die nicht gegebenen Elfmeter für Magdeburg, Rostock, Würzburg und Großaspach, die Strafstöße für Meppen und Chemnitz, die gelbe Karte gegen Bülow, der nicht gegebene Platzverweis gegen Chemnitz' Müller und der verwehrte Freistoß für Jena. Am 13. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf Szenen genauer angeschaut

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Marcel Gottschling (Viktoria Köln) legt den Ball vor dem Tor quer, Magdeburgs Thore Jacobsen will klären, schießt jedoch seinen eigenen Schlussmann an. Anschließend trudelt der Ball rund einen halben Meter über die Torlinie. Jacobsen schießt den Ball aus dem Tor, Schiedsrichter Patrick Hanslbauer gibt den Treffer nicht. [TV-Bilder – ab Minute 0:25]

Babak Rafati: Für diese Szene ist eigentlich keine Technik erforderlich. Zumal der Assistent aufgrund der Spielerpositionen sicherlich fast auf der Torlinie steht, niemand zwischen ihm und dem Ball postiert und somit seine Sicht nicht versperrt ist. Unfassbar und unerklärlich. Dieses klare Tor für Köln hätte erkannt werden müssen, sodass eine klare Fehlentscheidung vorliegt.

Szene 2: Viktoria-Keeper Daniel Mesenhöler verschätzt sich beim Herauslaufen, sodass Dominik Ernst (1. FC Magdeburg) in Richtung Tor köpfen kann. Jan-Lukas Funke (Viktoria Köln) schlägt den Ball zurück in das Feld. Erneut verwehrt Hanslbauer dem Treffer die Anerkennung. [TV-Bilder – ab Minute 2:25]

Babak Rafati: Funke steht beim Klärungsversuch mit dem linken Fuß auf der Torlinie und mit dem rechten Fuß klärt er den Ball. Im Bild sieht man sehr gut, wie weit der linke und rechte Fuß auseinander gespreizt sind. Ein sehr gutes Indiz dafür, dass der Ball hinter der Torlinie ist.

Was die Entscheidung für den Assistenten in dieser Szene schwierig macht ist, zum einen, dass er circa drei Meter von der Torlinie entfernt, statt parallel zur Torlinie steht. Zum anderen könnte auch eine Rolle gespielt haben, dass der Assistent noch den nicht gegebenen Treffer auf der anderen Seite im Hinterkopf hat und dieses Mal genauso entscheiden will. So etwas macht niemand bewusst, es kommt eher aus dem Unterbewusstsein – das ist menschlich. Der Ball ist aber auch hier hinter der Torlinie, sodass erneut eine Fehlentscheidung vorliegt.

Szene 3: Im Duell mit Dario de Vita (Viktoria Köln) geht Dominik Ernst (1. FC Magdeburg) im Strafraum zu Fall. Einen Elfmeter gibt es nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:39:50]

Babak Rafati: Im Laufduell im Kölner Strafraum läuft Ernst selbst auf das Standbein von de Vita und kommt zu Fall. Somit liegt kein Foulspiel vor. Eine richtige Entscheidung, keinen Strafstoß für Magdeburg zu pfeifen. Gleichzeitig auf Schwalbe zu entscheiden, ist jedoch eine Fehlentscheidung, denn der Bewegungsablauf von Ernst ist natürlich und kein Schinden eines Strafstoßes.

 

Szene 4: Marius Kleinsorge (SV Meppen) wird von Niklas Landgraf (Hallescher FC) kurz vor dem Strafraum zu Fall gebracht, Schiedsrichter Patrick Ittrich pfeifft Elfmeter für den Halleschen FC. [TV-Bilder – ab Minute 2:50]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht circa 6-7 Meter von der Strafraumlinie entfernt. Der Assistent ist etwa 5-6 Meter versetzt von der Strafraumlinie positioniert, da er in erster Linie auf Abseits achten muss und daher nicht helfen kann. Somit kann man beiden keinen Vorwurf machen. Das TV-Bild zeigt allerdings, dass das Foulspiel von Landgraf gegen Kleinsorge knapp außerhalb des Strafraumes ist und somit ein Freistoß die richtige Entscheidung gewesen wäre. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

Szene 5: Tobias Müller (Chemnitzer FC) geht mit offener Sohle in einen Zweikampf mit Carlo Sickinger (1. FC Kaiserslautern) und räumt ihn ab. Für das Foul sieht Müller von Schiedsrichter Michael Bacher nur Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 1:20]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter muss reaktionsschnell ausweichen, um nicht ins Spielgeschehen einzugreifen. Dadurch wird er offensichtlich in der Konzentration für die unmittelbar folgende Szene beeinträchtigt. Zudem bringt er sich in eine schlechte Position. Er schaut von hinten auf den Zweikampf, wohingegen er von der Seite einen optimalen Blick auf das Foulspiel gehabt und gesehen hätte, dass Müller mit der offenen Sohle in den Zweikampf geht und Sickinger auf Knie-/Schienbeinhöhe voll trifft. Diese brutale Spielweise ist eine billigend in Kauf nehmende Gefährdung der Gesundheit von Sickinger und hat nur eine Farbe zur Folge: Rot. Eine Fehlentscheidung, es nur bei Gelb gegen Müller zu belassen. Vielleicht hat für den Schiedsrichter auch eine Rolle gespielt, dass das Vergehen erst in der 23. Spielminute passiert. Allerdings ist für das Strafmaß unerheblich, wann es passiert.

Szene 6: Einen Schuss von Tarsis Bonga (Chemnitzer FC) bekommt Kevin Kraus (1. FC Kaiserslautern) an den Arm geschossen, Bacher gibt Elfmeter für Chemnitz. [TV-Bilder – ab Minute 1:35 ]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht an sich gut zum Geschehen und hat einen freien Blick auf das vermeintliche Handspiel von Kraus im eigenen Strafraum. Nach einem Schuss von Bonga bekommt Kraus aus kurzer Distanz den Ball an den Arm geschossen, jedoch ist der Arm natürlich am Körper. Somit liegt keine Vergrößerung der Körperfläche vor und somit auch keine Absicht. Der Strafstoß für Chemnitz und die gelbe Karte gegen Kraus sind somit Fehlentscheidungen.

 

Szene 7: Tim Rieder (1860 München) und Kai Bülow (1860 München) springen im Mittelfeld zum Kopfball hoch, es kommt zum Zusammenprall. Bülow sieht von Schiedsrichter Mitja Stegemann Gelb. [TV-Bilder – ab Minute 54:25]

Babak Rafati: Bei diesem Kopfballduell geht Bülow gegen Rieder nur mit dem Kopf in den Zweikampf und trifft ihn unglücklich. Dabei ist kein Armeinsatz zu sehen, stattdessen liegt ein normales Foulspiel vor. Vielleicht hat sich der Schiedsrichter ein wenig durch das vehemente Fordern einer Karte der Mitspieler von Rieder dazu verleiten lassen und zeigt deshalb auch die gelbe Karte. Das ist aber ein Allerweltsfoul, auch wenn sich Rieder dabei etwas wehtut. Eine Fehlentscheidung, Bülow die gelbe Karte zu zeigen.

Szene 8: Im Strafraum kommt Mirnes Pepic (Hansa Rostock) an den Ball und im Duell mit Aaron Berzel (1860 München) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Stegemann. [TV-Bilder – ab Minute 1:47:15]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell geht alles sauber zu – auch wenn es vielleicht einen leichten Kontakt von Berzel gegen Pepic gibt. Jedoch passiert alles im normalen Bewegungsablauf und ist absolut fußballtypisch. Leider ist aber auch fußballtypisch, dass Spieler minimale Berührungen zum Anlass nehmen, sich fallen zu lassen. Eine richtige Entscheidung, weiterspielen zu lassen.

 

Szene 9: Luca Pfeiffer (Würzburger Kickers) hat im Strafraum den Ball, wird aber von Maximilian Jansen (MSV Duisburg) getroffen und zu Fall gebracht. Schiedsrichter Eric Müller lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 1:50:20]

Babak Rafati: Jansen will im eigenen Strafraum zum Ball, trifft dabei aber seinen Gegenspieler Pfeiffer (wenn auch unabsichtlich) am Knie und bringt ihn dadurch zu Fall. Diesen Tritt sieht der Schiedsrichter nicht und lässt weiterspielen. Eine Fehlentscheidung, es hätte für dieses Foulspiel Strafstoß für Würzburg geben müssen.

 

Szene 10: Im Zweikampf mit René Eckardt (Carl Zeiss Jena) lässt Assani Lukimya (KFC Uerdingen) den Fuß stehen. Schiedsrichter Justus Zorn gibt weder Freistoß, noch Elfmeter für Jena. [TV-Bilder – ab Minute 51:25]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter ist an sich in Spielnähe und müsste den Vorgang eigentlich sehen und richtig bewerten können. Eckardt will mit dem Ball am Fuß in den gegnerischen Strafraum eindringen, wird jedoch kurz vor dem Strafraum von seinem Gegenspieler Lukimya klar und unübersehbar am Fuß getroffen und zu Fall gebracht. Hier hätte es einen Freistoß für Jena und die gelbe Karte gegen Lukimya geben müssen. Eine Fehlentscheidung, dass die Pfeife stumm bleibt.

 

Szene 11: Panagiotis Vlachodimos (Sonnenhof Großaspach) will den Ball im Strafraum gegen zwei Braunschweiger behaupten. Das gelingt jedoch nicht, weil Robin Becker (Eintracht Braunschweig) das Spielgerät mit der Hand abwehrt. Einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Robert Hartmann nicht. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Auch in dieser Szene hat der Schiedsrichter einen freien Blick auf die Szene im Strafraum von Braunschweig und hätte sehen müssen, dass Becker den Ball mit einer aktiven Bewegung klar und deutlich spielt und dadurch verhindert, dass sein Gegenspieler Vlachodimos an das Spielgerät kommt. Das ist ein absichtliches Handspiel und hätte einen Strafstoß für Großaspach geben müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

Weiterlesen: Wer am häufigsten benachteiligt wurde

   
  • Sterneneisen

    Szene 4: Entweder habe ich einen Knick im Blick, oder übersehe etwas. Selbst für mich als HFC-Fan war der Elfmeter berechtigt, weil Landgraf mit dem "foulenden" Fuß im Strafraum steht.

    • Tomate

      Ne der erste Kontakt beginnt kurz vor dem Strafraum. War aber schwer zu sehen in so eine Szene. Kann man dem Schiri keinen Vorwurf machen. Hätten wir einfach nicht soweit kommen lassen sollen.

  • Lars Grimm

    Ganz ehrlich…

    Von allen strittigen Szenen die hier bewertet wurden ist auf dem Platz nur eine richtig entschieden worden. Das spricht Bände!

    Ich bin selbst Schiedsrichter und mir passieren Fehler. Aber die Qualität in den oberen Klassen war auch schon Mal besser.

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