Strittige Szenen am 11. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Nun hat Rafati eine neue Aufgabe: Für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab und erklärt bei falschen Entscheidungen zudem, wie die Unparteiischen auf dem Platz hätten reagieren müssen. Am 11. Spieltag hat er sich sechs Szenen einmal genauer angeschaut.

Szene 1: Steffen Puttkammer (Magdeburg) bringt Richard Sukuta-Pasu (Cottbus) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Florian Meyer lässt die Partie jedoch weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]

Babak Rafati: Puttkammer hält Sukuta-Pasu im eigenen Strafraum mit beiden Armen kurz und ansatzlos an dessen rechten Arm fest. Dieses Halten hindert den Stürmer an einer guten und aussichtsreichen Torschussmöglichkeit und bringt ihn folglich auch aus der Kontrolle, sodass er zu Fall kommt. Der Schiedsrichter ist eigentlich sehr gut postiert und hat zudem eine freie Sicht auf den Zweikampf. Man kann nur vermuten, dass dieses kurze Ziehen aus seiner Sicht nicht ausreichend für ein ahndungswürdiges Vergehen war. Hier liegt aber eine Fehlentscheidung vor.

Szene 2: René Renno (Cottbus) kommt aus dem Tor und spielt den Ball zurück ins Feld – Liegt hier ein Handspiel außerhalb des Strafraums vor? [TV-Bilder – ab Minute 6:20]

Babak Rafati: Der Torwart bekommt den Ball an die Brust und daher ist es korrekt, weiterspielen zu lassen. Selbst wenn der Ball an den Arm gesprungen wäre, hätte es weitergehen müssen, da eine kurze Entfernung vorliegt und zudem keine aktive Bewegung mit dem Arm zum Ball erfolgt. Hier entschärft eine natürliche Körperhaltung alle Zweifel. Eine richtige Entscheidung.

Szene 3: Steffen Puttkammer (Magdeburg) geht nach einem Zweikampf mit Robin Szarka (Cottbus) zu Boden, Meyer pfeift Elfmeter für Magdeburg. [TV-Bilder – ab Minute 8:40]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter hätte sich nach der Torwartabwehr zunächst einmal in eine bessere Position bringen können, um einen optimalen Blick auf den Zweikampf zu haben. Durch dieses Einrücken nach rechts wäre der Vorgang besser von hinten zu beobachten und zu bewerten gewesen. Außerdem versperren einige Spieler die Sicht des Schiedsrichters. Nachdem sich Szarka den Ball vorlegt, macht Puttkammer überhaupt keine Anstalten den Angreifer attackieren zu wollen, er schirmt nur den Raum ab und "stellt" ihn sozusagen.

Der Angreifer kommt jedoch spektakulär zu Fall, was den Schiedsrichter sofort veranlasst auf Strafstoß zu pfeifen. Selbst wenn in diesem Fall ein Kontakt stattgefunden haben sollte, wäre dieser fußballtypisch und nicht gegen den Gegenspieler gerichtet. Der Assistent hat zwar freie Sicht, jedoch wird es für ihn aufgrund der Entfernung schwierig zu beurteilen, ob wirklich ein Kontakt vorgelegen haben könnte. Hier hätte vielleicht ein kurzer Austausch über das Headset helfen können, um zu einer gemeinsam, final richtigen Entscheidung zu kommen. Auch kann man 1-2 Sekunden vergehen lassen, Spielerreaktionen abwarten und somit auf sich einwirken lassen. Hier liegt eine Fehlentscheidung vor.

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Szene 4: Marco Kofler (Rostock) sieht nach zwei Fouls noch in der ersten Halbzeit Gelb-Rot. [TV-Bilder – ab Minute 0:40]

Babak Rafati: Erste gelbe Karte: Der Schiedsrichter hat einen optimalen Blick zum Geschehen und sieht wie Kofler nur mit dem Ellenbogen in den Gegenspieler in der Luft hinein springt und ihn dabei trifft. Der Verteidiger dreht sich zudem rückwärts zum Gegenspieler und nimmt dabei rücksichtslos in Kauf, den Gegner zu verletzen. Die erste gelbe Karte ist eine absolut richtige Entscheidung. 

Zweite gelbe Karte: Bei der anschließenden gelben Karte, die zu Gelb-Rot führt, läuft Kofler im Zweikampf neben seinem Gegenspieler her und bringt ihn durch einen regelwidrigen Armeinsatz im Laufduell zu Fall. Dabei macht er überhaupt keine Anstalten, dass der Ball für ihn Spielobjekt ist, sondern er orientiert sich nur an seinen Gegenspieler. Für mich ist es kein Schlag mit dem Arm, sodass man für dieses Vergehen an sich noch keine gelbe Karte zeigen muss. Was aber hier absolut gelbwürdig ist, ist das taktische Foul, denn der Rostocker Spieler unterbindet einen guten Angriff der Wiesbadener. Somit ist die Gelb-Rote Karte eine absolut richtige und konsequente Entscheidung.

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Szene 5: Dominik Schmidt (Kiel) legt Louis Samson (Aue) im Strafraum, Schiedsrichter Lasse Kowslowski entscheidet auf Schwalbe von Samson – kein Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 0:40]

Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum von Kiel grätscht Schmidt mit voller Geschwindigkeit und unkontrolliert in die Beine seines Gegenspielers Samson und trifft ihn ohne Zweifel. Der Schiedsrichter ist optimal positioniert und hat freie Sicht, sodass er den gesamten Vorgang uneingeschränkt erfassen kann. Dadurch, dass der Stürmer sich nach diesem (klaren) Foulspiel derartig theatralisch fallen lässt, kommt der Schiedsrichter vermutlich zu der Ansicht, dass dieser einen Strafstoß schinden will und nimmt diese Spielweise eher zur Kenntnis, als die Tatsache des vorangegangenen Foulspiels. Ich möchte damit keinesfalls den Schiedsrichter in Schutz nehmen, vielmehr verdeutlichen, wie diese Entscheidungen aufgrund dieser Verhaltensweisen einiger Spieler für einen Schiedsrichter komplexer werden. Ich glaube, dass der Schiedsrichter ohne diese Theatralik eine richtige Entscheidung getroffen hätte. Natürlich liegt in der Endabrechnung eine Fehlentscheidung vor und es hätte Strafstoß geben müssen.

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Szene 6: Ein direkter Freistoß von Höcher (Erfurt) prallt von der Unterkatte der Latte auf die Torlinie, Schiedsrichter Franz Bokop gibt den Treffer. War auch der Freistoß-Pfiff korrekt? [TV-Bilder – ab Minute 0:40]

Babak Rafati: Der Freistoß-Pfiff ist absolut vertretbar und in Ordnung. Der anschließende Freistoß prallt von der Unterkante der Latte wieder auf. Da die Fernsehbilder die Position des Balles frontal zeigen, ist es nicht möglich, zweifelsfrei zu beurteilen, ob der Ball die Linie überquert hat oder nicht. Dafür bräuchte man eine Perspektive von der Seite. Tendenziell scheint der Ball anhand der TV-Bilder hinter der Torlinie gewesen zu sein. Somit sollten wir eine richtige Entscheidung annehmen. Man darf nicht vergessen, dass in der Bundesliga Millionen für die Tortechnologie ausgegeben wurden. Hier muss nun das menschliche Auge des Assistenten diese Millionen-Technik ersetzen und eine Entscheidung treffen. Kompliment!

 

 

   

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