Schiele: "Hier wird niemand den Aufstieg als Ziel ausgeben"

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Im Interview mit liga3-online.de spricht Kickers-Trainer Michael Schiele über seine Beförderung zum Cheftrainer, die Kaderplanung und die Ziele für die kommende Saison.

"Wollte schon damals als Co-Trainer etwas ändern"

liga3-online.de: Herr Schiele, Sie wechselten im letzten Juli als Co-Trainer zu den Würzburger Kickers. Mittlerweile sind Sie Cheftrainer bei den Rothosen und konnten Ihr Team auf einen starken 5. Tabellenplatz in der 3. Liga führen. Läuft bei Ihnen, oder?

Michael Schiele: Ich habe im letzten Sommer natürlich nicht mit der Intention in Würzburg unterschrieben, ein paar Wochen später Cheftrainer zu werden. Als ich im Oktober nach zwei Niederlagen als Interimstrainer trotzdem zum Cheftrainer befördert wurde, war das schon eine coole Sache. Dafür bin ich dem Verein dankbar.

War es ein komisches Gefühl für Sie, plötzlich Chef- statt Co-Trainer zu sein?

Anfangs schon etwas. Aber im Nachhinein ist das eigentlich etwas völlig Normales im Trainergeschäft.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Vorgänger Stephan Schmidt?

Er hat mich damals unbedingt als seinen Co-Trainer gewollt. Da konnte noch keiner wissen, wie sich die Dinge entwickeln. Vor Weihnachten hatten wir mal etwas Kontakt. Seitdem nicht mehr.

Sie haben nach dessen Entlassung auch viele Dinge geändert…

Stephan wusste ja, wie ich ticke. Ich wollte schon damals als Co-Trainer etwas ändern. Er sah die Dinge aber anders, was sein gutes Recht ist. Als ich dann die Verantwortung hatte, nahm ich Veränderungen im Trainingsmittelpunkt, im athletischen und taktischen Bereich vor, da ich der Überzeugung war, dass es nur so besser werden kann.

Und auch im personellen Bereich: Björn Jopek, der von Stephan Schmidt als Schlüsselspieler verpflichtet wurde, hat unter Ihnen keine Perspektive mehr bei den Kickers…

Manchmal ist das so, dass ein Spieler vielleicht nicht richtig in das Spielsystem eines Trainers passt. Wir haben mit ihm immer offen kommuniziert. Er hat auch gewusst, dass es für ihn eine schwere Rückrunde wird. Der Verein hätte ihn bei einem Wechsel in der Winterpause keine Steine in den Weg gelegt. Der Spieler hat sich anderweitig entschieden. Jetzt schauen wir mal, was in diesem Sommer passiert.

 

"Kann den Spielern nicht sauer sein"

Den Verein fix verlassen werden die vier Leistungsträger Neumann, Taffertshofer, Müller und Nikolaou. Wie sehr schmerzen die Abgänge?

Sehr! Gerade Basti Neumann, der unser Spielführer und mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld war, ist nicht von jetzt auf nachher zu ersetzen. Gleiches gilt für Emanuel Taffertshofer, der mit seinen gerade mal 23 Jahren eine enorme Spielintelligenz und Ballsicherheit auf den Platz brachte. Auch Felix Müller, der einen sehr großen Anteil an unserer Siegesserie vor Weihnachten hatte, zu ersetzen, wird nicht einfach. Jannis Nikolaou war sehr wichtig, um gegnerische Angriff im Keim zu ersticken. Er hat defensiv jedes Kopfballduell gewonnen, darüber hinaus war er einer unserer Säulen im Spiel mit dem Ball. Nicht zu unterschlagen ist, dass uns auch Marco Königs verlässt. Er hat zwar in seiner Zeit bei den Kickers nicht besonders viele Tore erzielt, war mit seinem Einsatz und seiner Einstellung trotzdem ein wichtiger Spieler für uns. Die Abgänge eins zu eins zu kompensieren, wird nicht möglich sein.

Um Neumann und Taffertshofer soll der Verein bis zuletzt gekämpft haben. Warum war es nicht möglich die Beiden zu halten?

Wir haben es immer wieder versucht, sie umzustimmen. Mir war aber natürlich frühzeitig klar, dass die beiden zurück in die Zweite Liga wollen. Ich kann den Spielern nicht sauer sein, dass sie die Gelegenheit jetzt beim Schopfe gepackt haben. Es spricht ja auch für uns als Trainerteam, wenn Spieler aus dem eigenen Kader hoch in die Zweite Liga wechseln.

Wie verläuft die Suche nach Neuverpflichtungen?

Man trifft sich mit vielen Spielern, unterhält sich, schaut ob die Nase dem anderen passt, schläft ein paar Nächte darüber und dann schaut man, ob es mit den Verhandlungen weitergeht oder nicht. Klar ist es nicht einfach, seine Wunschspieler dann auch tatsächlich verpflichten zu können. Die Kickers sind ein finanziell solide aufgestellter Verein. Andere Vereine in der 3. Liga können aber oft deutlich höhere Gehälter bezahlen. Wenn man aber sieht, dass erst wieder zwei Vereine in der Liga Insolvenz angemeldet haben, ist Würzburg sicherlich eine gute Adresse für Spieler. Hier wird das Gehalt überpünktlich gezahlt. Auch sonst haben wir einiges zu bieten: Die Trainingsplätze sind top, das Stadion ist immer gut gefüllt, das Umfeld familiär und die Stadt ist ein wunderschöner Ort zum Leben. Wenn sich ein Spieler für uns entscheidet, der dabei noch auf ein höheres Gehalt verzichtet, wissen wir, dass derjenige ganz bewusst zu uns kommt und der richtige Mann für die Würzburger Kickers ist.

 

"Eine absolute Hammer-Liga"

Würde "Wunschspieler X" denn mit dem Wechsel zu den Kickers, zu einem der heißesten Aufstiegsanwärter der neuen Saison wechseln?

Nein, ganz sicher nicht. Wir wehren uns auch gegen überzogene Erwartungshaltungen. Hier wird niemand den Aufstieg als Ziel ausgeben. Wir haben drei unserer wichtigsten Spieler verloren. Außerdem wird die 3. Liga mit den starken Zweitliga-Absteigern und den namhaften Regionalliga-Aufsteigern eine absolute Hammer-Liga! Klar versuchen wir, so weiterzumachen wie in den letzten Wochen und Monaten. Wichtig ist es aber erst einmal, einen starken Kader zusammenstellen, eine gute Vorbereitung zu absolvieren, von Verletzungen verschont zu bleiben und gut in die neue Runde zu kommen. Wir werden auch den einen oder anderen Nachwuchsspieler mit in den erweiterten Kader nehmen und die Verzahnung zwischen dem NLZ und dem Profikader weiter vorantreiben.

Sie als Trainer haben aber doch sicher das Ziel ganz oben mitzumischen…

Natürlich hoffe ich, dass wir mit den Kickers irgendwann mal oben anklopfen können. Es wäre aber vermessen, in dieser Liga jetzt zu sagen: Wir spielen kommende Saison oben mit. Wir werden uns Etappenziele setzen. Erst einmal gilt es, Spiele zu gewinnen, um frühzeitig genügend Punkte zu holen, damit wir mit der unteren Tabellenhälfte nichts zu tun haben. Wichtig ist mir, dass wir weiterhin Mentalität auf dem Platz zeigen – das möchte ich von draußen auch vorleben – und dass die Art und Weise, wie wir bisher Fußball gespielt haben, zu unserer DNA wird. Dann schauen wir einfach, was passiert …

Stimmt es dass Ihr Vertrag in Würzburg demnächst verlängert werden soll?

Ja, die Vereinsverantwortlichen haben mich darauf angesprochen. Mein Vertrag läuft noch bis 2019, aktuell liegt die Priorität aber viel mehr darauf, neue Spieler zu verpflichten und vielleicht mit dem einen oder anderen Spieler aus dem aktuellen Kader vorzeitig zu verlängern. Es dreht sich gerade ja viel um die Abgänge. Dabei sollte man nicht aus den Augen verlieren, dass sich einige Spieler in den letzten Monaten brutal weiterentwickelt haben.

 

"Wenn wir Spaß haben, sind wir eklig"

Wie kamen Sie eigentlich zum Entschluss als Cheftrainer arbeiten zu wollen?

Schon damals in Aalen, als ich unter Ralph Hasenhüttl als Co-Trainer gearbeitet habe, hatte ich immer meine Meinung. Die letzte Entscheidung lag trotzdem immer beim Cheftrainer. Er ist ja auch derjenige, der dann mit den Konsequenzen leben und seinen Kopf hinhalten muss. Ich hatte immer meine eigene Philosophie im Kopf und wollte diese auch einer Mannschaft vermitteln. Ich habe auch kein Problem damit, alle Konsequenz zu tragen, wenn das dann nicht funktioniert.

Der Spaß scheint bei Ihnen dabei nicht zu kurz zu kommen. Die Lokalpresse betitelte Sie kürzlich erst als den "Strahlemann".

Spaß gehört immer rein, das versuche ich auch meinen Spielern zu vermitteln. Wenn wir Spaß haben, sind wir eklig, wenn wir eklig sind, zermürben wir unsere Gegner und gewinnen unsere Spiele. Ich bin stolz auf die Jungs, die super mitgezogen haben. Mir hat die Saison Riesenspaß gemacht und ich glaube, dass der Funke dabei auch auf die Spieler und die Zuschauer übergesprungen ist.

Abschließende Frage an Sie, Herr Schiele. Warum macht ein so lebensfroher Mensch einen Job, bei dem er über kurz oder lang bei irgendeinem Verein "vom Hof gejagt wird"?

Ich sage immer: Der Trainerjob ist der schönste und dreckigste zugleich. Es ist schon hart, wenn man sieht, wie viele Kollegen alleine nach der gerade abgelaufen Drittliga-Saison schon wieder entlassen wurden. Für andere öffnet sich dagegen eine neue Tür. So ist der Trainerjob. Wenn man den Beruf ausübt, weiß man, worauf man sich einlässt. Vieles hat man dennoch selbst in der Hand. Man braucht zum Beispiel immer eine gute Führung und einen guten Draht zu seiner Mannschaft. Es sollte immer so sein, dass die Jungs alles für dich geben und ich als Trainer mich im Umkehrschluss dann auch für meine Spieler einsetze. Aber: Irgendwann wird es auch mir mal so gehen, dass ich irgendwo verjagt werde (lacht).

 

   
  • Effwehkaa

    Einfach nur sympatisch, und mit einer klaren Spielphilosophie (puh…schwieriges Wort)! Freue mich auf die neue Saison, erst einmal sicher punkten – dann greifen wir evtl. an ;-)

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