Rassismus-Report #2: Unterwegs im Osten und Westen

Da wären wir beim Stichwort Berlin. Die nächste Station unserer Reise durchs Deutschland. Das politische Zentrum Deutschlands ist ein Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen. Nirgendwo reifen so viele Träume in den Köpfen junger Menschen. Hoffnung auf Erfolg, privates Glück und in vielen Fällen der Wunsch nach einer neuen Heimat. Im Gespräch mit dem Geschichts- und Sportlehrer Thorsten S. kam bereits der BFC Dynamo Berlin zur Sprache. Der Berliner Traditionsclub sorgt seit Jahren nicht mehr für positive Schlagzeilen. Viel mehr steckt der Verein in großen finanziellen und sozialen Nöten. Fans die den Hitlergruß in voller Inbrunst zelebrieren gehören mittlerweile zum öffentlichen Bild des Fußballvereins. 


Braune Noten, braune Lieder

Doch der Klub soll als Beispiel für ein anderes Problem dienen,  an dem der Verein keine Schuld trägt. Es war der 3. November als Schüsse durch Leipzig hallen. An diesem Nachmittag verliert der 18-jährige BFC-Fan Mike Polley sein Leben. Am Rande des DDR-Oberligaspiels zwischen Sachsen Leipzig und BFC Dynamo stirbt der junge Mann durch eine Polizistenkugel. Die rechtsgerichtete Hooligan-Band „Kategorie C", die sich auf dem Index befindet nutzte diesen Vorfall für ein Lied, welches auf den Namen „Mike P." hört. Die Band ist bekannt für harsche, gewaltverherrlichende Songtexte. Die Musikszene im rechten Segment vergrößert sich in den letzten Jahren rapide. Die Möglichkeit, Parolen über den Weg der Musik zu transportieren wird seit Jahren von den Rechten genutzt. Durch die Verknüpfung mit dem Thema Fußball wird das Konsumenten-Spektrum zusätzlich erweitert.  Die mittlerweile aufgelöste Rockband „Landser" vertonten ihren Hass unter anderen in dem Lied „Wieder mal kein Tor für Türkyemspor". Mit diesem, in rechten Kreisen zur Hymne gereiften Song, wird der Berliner Fußballverein Türkyemspor Berlin verhöhnt. In keiner anderen Stadt in Deutschland gibt es so viele Vereine, die sich speziell an Einwanderer und Migranten richten. Der Berliner Fußball-Verband beziffert die Zahl der Hauptstadtkicker mit Migrationshintergrund auf rund 40 Prozent.

Multikulti hat Erfolg

Eine besondere Auszeichnung erhielt im Jahr 2009 ein anderer Berliner Fußballclub, die Frauenmannschaft von Al-Dersimspor. Theo Zwanziger, ein Fan des „multikulturellen Fußball", überreichte dem Team den vom BFV gestifteten „Berliner Integrationspreis". Doch auch dieser Verein wurde schon öfter Opfer von rassistischen Parolen, wie die gebürtige Griechin Parasewski Boras berichtet: „ Die Mädchen hätten mittlerweile gelernt, solche Sprüche zu überhören" („Der Westen", „Rassismus und Antisemitismus im Fußball").


Tatort Olympiastadion

Doch um in die „Fratze" der Fremdenfeindlichkeit zu sehen, muss man nicht zwangsläufig den Weg in die Niederrungen des Fußballs antreten. Selbst die höchste Bühne des „runden Leders" wurde in Berlin bereits überschattet. Beim Bundesligaspiel der Berliner Hertha am 26. August 2011 wurde ein Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Berlin aufgrund seines afroamerikanischen Hintergrunds massiv diskriminiert. Laut des amerikanischen Botschafters Philip D. Murphy wurde er beleidigt, mit Bier begossen und angerempelt.

Unsere Reise verlässt nun die Bundeshauptstadt und findet ihren Weg in den sächsischen Raum. Wie Mecklenburg-Vorpommern haben auch die Bundesländer Sachsen und Sachsen-Anhalt anhaltende Probleme mit dem Rechtsextremismus. Die NPD operiert vor allem in den ökonomisch wenig entwickelten Landstrichen überaus erfolgreich. Dieses spiegelte sich auch auf den Fußballplätzen wieder.


Auf dem "rechten Flügel"

Holger Apfel, „Spitzen"-Politiker und NPD Vorsitzender im sächsischen Landtag machte 2008 in einem Interview deutlich, dass der Fußball in Sachsen eine ungemeinen Stellenwert für die Partei hätte: "Es geht mir darum, die NPD in der Mitte der Gesellschaft zu etablieren. Da ist Dynamo Dresden ein gutes Beispiel, auch Erzgebirge Aue und Lokomotive Leipzig. Das sind Vereine mit einem großen Potential, mit großer Akzeptanz im Volk. Deren Anhänger versuchen wir an die Partei heranzuführen." (Zitat aus: Ronny Blaschke- „Rechtsextreme Flügelstürmer", SZ).

Adebowale Ogunbure- Ein trauriger Held

Doch der Fremdenhass in Sachsen und Sachsen-Anhalt trägt nicht die Visage von Holger Apfel, sondern der Name eines Opfers ist Sinnbild für den Fremdenhass im sächsischen Raum. Adebowale Ogunbure kickte seit dem Jahr 2000 im deutschen Profibußball, berühmt machte ihn jedoch ein Bild. Es zeigt wie er seinen Gegenspieler Andriy Zapyshnyi einen Fausthieb ins Gesicht verpasst. Vorrangegangen waren rassistische Provokationen des Spielers vom VFC Plauen. Ogungbure, damals (2006) aktiv im Trikot von Sachsen Leipzig, entschuldigte sich für seinen Ausraster nach dem Spiel mit den Worten: „Der Schlag war ein Fehler, das darf mir nicht passieren. Aber zwei Dinge kann ich nicht akzeptieren: Wenn jemand meine Mutter beleidigt oder mich wegen meiner Hautfarbe. Wir sind doch alle gleich". Es war nicht der einzige Vorfall, mit dem der Name des Nigerianers in Verbindung steht. In einem Interview mit der „taz" berichtete er von vielen Anfeindungen. Während eines Oberligaspiels, waren die Verschmähungen so verletzend, dass er mit Tränen in den Augen den Hitlergruß in Richtung der spöttischen Gegenspieler und Fans richtete. Nach dieser Begegnung gegen den Halleschen FC im Jahr 2006 wurde von Seiten der Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Ogungbure eingeleitet, welches allerdings schnell fallen gelassen wurde. Mittlerweile kickt der Angreifer in Vietnam.


Ein rein „östliches“ Jugendproblem?

 Gerade Jugendliche fallen in den ostdeutschen Stadien durch Pöbeleien und fremdenfeindlichen Äußerungen auf.  Hierbei spielt vor allem die Zukunftsangst  der meist jungen Männer eine wichtige Rolle.  Gerade in manchen Regionen, in denen die Politik noch heute versagt und die Menschen ein Leben an der Armutsschwelle führen ist die Empfänglichkeitsrate für rechtextremes Gedanken im Vergleich zu den westlichen Bundesländern als deutlich progressiver einzuordnen.  Frei nach dem Motto: „Ich habe nichts zu verlieren“.  So bieten der Heimatverein und der dortige Freundeskreis mit Affinität zu rechten Adresse den jungen Menschen Halt in dieser schweren Entwicklungsphase. Diese direkte „Verbindung“ zu rechts-populistischen Themen wird meist von höheren Funktionären der NPD persönlich hergestellt. Siehe Holger Apfel.

Doch besonders den häufig medial forcierten Thesen, dass der Rassismus vor allem ein auf dem Osten zu kanalisierendes Grundproblem sei muss man widersprechen.  Der renommierte Sportsoziologe Günther-A. Pilz  gibt auf die These folgende Antwort: „Im Westen wachsen oft Leute mit immer höherem Bildungsniveau in diese Denkstrukturen hinein. Die überlegen sich natürlich sehr genau, wie sie ihre gesellschaftliche Position halten können – und wie eben nicht.“

Der Goldene Westen

Für mich als gebürtigen Rostocker ist es schwer über meine Heimatregionen in diesem Maße schreiben zu müssen. Doch nun verlassen wir die Gebiete der ehemaligen DDR. In den Medien wird oft das Gefühl vermittelt, das Einzig und Alleine der Osten die Brutstelle für braunes Gedankengut ist. Dass muss ich mit aller Deutlichkeit negieren. Die vorletzte Etappe führt uns nach Nordrhein-Westfalen.


BVB vs. Asamoah

Dass zwischen Schalke und den Revierrivalen aus Dortmund eine außerordentlich Feindschaft besteht ist seit Jahrzenten bekannt. Doch während sie hauptsächlich im sportlichen Rahmen ausgelebt wird, sorgte der Dortmunder Torhüter Roman Weidenfeller für einen handfesten Skandal. Während eines Derbys in der Spielzeit 2007/2008 kam es zu einem Streit zwischen dem damaligen Schalke-Angreifer Gerald Asamoah und dem Torwart. Dabei fielen rassistische Äußerungen von Seiten Weidenfellers, die ihm eine Sperre von drei Spielen einbrockte. Über den genauen Wortlaut der Ausschweifungen ist allerdings nichts öffentlich verlautet worden.

Im Pokalspiel der Dortmunder bei Greuther Fürth soll es nach Angaben einzelner Spieler zu einem erneuten rassischen Vorfall gegen über Gerald Asamoah gekommen sein. Diese Beschuldigungen gelten allerdings als umstritten. Der Beschuldigte Kevin Großkreutz musste daraufhin zahlreiche Kritik auf sich einprasseln lassen, ein Verfahren von Seiten der DFB-Gremien droht dem bekannten Provokateur allerdings nicht.

„schnell zu trauriger Berühmtheit"

Nördlich von Dortmund befindet sich die Kleinstadt Lotte. Diese beherbergt den ambitionierten Regionalligisten Sportfreunde Lotte. Dieser sorgte Anfang des Jahres für einen Eklat. Mehrere Zeitungen berichteten von zahlreichen Vorfällen während der Begegnung gegen Eintracht Trier (2:3) am 10. Dezember vergangenen Jahres. Unworte wie „Neger", „Negerkind" oder „Affensohn" sollen gefallen sein. FIFA-Schiedsrichter Michael Weiner, soll die Lotte Spieler in der Halbzeitpause gewarnt haben, dass ihre verbalen Anfeindungen den Verein „schnell zu trauriger Berühmtheit" verhelfen könnte. Der DFB Kontrollausschuss ermittelte daraufhin. Der Klub wurde mit einer Geldstrafe sanktioniert, Spieler Martin Hess für drei Spiele gesperrt, allerdings „nur" wegen unsportlichen Verhaltens.

Parolen gegen Schechter

Der bisher medienwirksamste Fall in diesem Jahr ereignete sich allerdings im Süd-Westen der Republik. Nach der Derby Niederlage in Mainz wurde Stürmer Itay Schechter zur Zielscheibe von Rechtsextremen aus dem Fan-Lager seines eigenen Vereins. Fünf Anhänger beleidigten den israelischen Angreifer während des sonntäglichen Auslauftrainings mit antisemitischen Parolen. Nach Angaben seines Vereins, dem abstiegsbedrohten FC Kaiserslautern, blieben die Schmährufe von Seiten Schechters unbemerkt. Am darauffolgenden Spieltag, an dem die Roten Teufel den VFL Wolfsburg empfingen, zogen die Lautern-Spieler mit dem Plakat „Rassismus hat beim FCK keinen Platz" in die Arena.

Jedoch sind rechte Tendenzen auch in den alten Bundesländern seit Jahrzenten mit dem Fußball verbunden. Bereits in den 80er Jahren waren erste Bemühungen von Rechtsextremen erkennbar, den Fußballsport als Agitationsfeld zu instrumentalisieren. Der bekannte Neonazi Michael Kühnen antworte 1983 auf die Frage, wo sich die rechte Jugend am besten rekrutieren lasse: „ Unter Skinheads und Fußballfans".

 

Anmerkungen:

 – Ich bedaure sehr, dass der  am gestrigen Sonntag erschienene erste Teil des Reports als rein „Hansakritisch“ wahrgenommen wurde. Vermutlich lag es daran, dass wir von liga3-online.de uns dafür entschieden, den Report aus Gründen der Übersichtlichkeit in zwei Fassungen zu unterteilen. Deshalb gab es auch um die Einleitung eine gewisse Verwirrung.  Der Report heißt nämlich nicht  ohne Grund „Willkommen in Deutschland“. Der Titel lehnt sich allerdings an einem Song der Düsseldorfer Band „Die Toten Hosen“ an, der 1992 erschien.  Das der FC Hansa Rostock zum Anfang des Textes gestellt wurde hat zwei Gründe.

–          Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern und der Text sollte wie eine Reise gestaltet werden und Reisen haben es nun einmal an sich, an der eigenen Haustür anzufangen.

–          Der gängige Chorus in der Berichterstattung beschränkt sich meistens auf den Osten. Auch wird Hansa Rostock sehr kritisch und häufig unfair in diesem Zusammenhang thematisiert.  Deshalb sollte zum einen die positive Tendenz in Rostock dargestellt werden als auch der Report in westlichen Regionen zu Ende gehen- einzig und allein darum das dem Leser der Osten nicht als „allein schuldig“  verkauft wird. Aus diesem  Grund stieß ich auch eine größere Diskussion bei Spox.com an in der sich auch der Chefredakteur zu Wort meldete.

–          http://www.spox.com/myspox/blogdetail/Unmut,148891,20.html?COMORD=2

 

 

Lichtenhagen habe ich in dem Text eingebunden, da man diese Ereignisse nicht vergessen darf. Auch 20 Jahre danach nicht.  Außerdem gibt es in diesen Ballungszentren, in allen Städten Deutschland diese Probleme.  Am ende ist es aber auch die Schuld des Autors, dass er der Leserschaft zu viel Raum für etwaige Schlussfolgerungen gibt. Dafür bitte ich um Verzeihung.

 

  1. Einige Leser haben sich darüber beschwert, dass politische Themen auf liga3-online.de aufgegriffen werden.  Natürlich gibt es diese idealistische Ansicht, dass  der Fußball und der Sport im Allgemeinen  generell frei von politischen und wirtschaftlichen Dimensionen sein muss.  Doch ist dies noch Maßstabsgerecht? Politik und Wirtschaft gehören mittlerweile zum Fußball. Dem kann man entweder mit Offenheit oder mit Ignoranz gegenübertreten. Das steht jedem natürlich frei. Meine Auffassung, die mit 19 Jahren noch relativ schwammig ist, ist die,  dass man auch in Liga 3  über den Tellerrand blicken muss.  Deshalb werde ich auch in Zukunft neben den sportlichen Komponenten auch soziale Brennpunkte anschneiden werde.

 

 Zum Schluss ein paar Worte an den Text.

Dieses Thema ist in unserer Gesellschafft immer noch präsent, wird aber so gut es geht untergraben. Niemand will bekanntlich gern über Missstände reden.  Es soll hier schließlich aufmerksam gemacht werden und kein Verein und keine Fangruppierung sollen besonders angeklagt werden.

 

   

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