Protokoll eines Aufsteigers: Das letzte Heimspiel des FCM

Es ist vollbracht. Drittliga-Heimspiele wird es in Magdeburg-Cracau so schnell nicht mehr geben. Mit dem 3:1-Sieg gegen den Chemnitzer FC verabschiedet sich der 1. FC Magdeburg von den eigenen Fans in Richtung 2. Bundesliga. Unser Autor Jan Ahlers saß, nein, er stand auf seinem Platz. Und liefert die Chronik eines Feiertags.

Mächtige Choreo

12:15 Uhr: Das gibt es doch gar nicht. Alle Schließfächer im Hauptbahnhof sind belegt. Wohin mit der Reisetasche? Vor dem gleichen Problem stehen eine ganze Reihe FCM-Fans. Einer kommt aus Braunschweig, zwei aus Hannover, andere aus dem Norden oder Süden. Schon am Bahnhof ist spürbar: Magdeburg ist fest in der Hand des FCM. Auch heute.

13:00 Uhr: Etwa drei Kilometer zum Stadion sind geschafft. Fußweg, versteht sich. Langsam, aber sicher lässt sich der Mythos FCM einatmen, denn von Straße zu Straße werden es mehr blau-weiß gekleidete Anhänger. Vor dem Stadion dann: lange Schlangen. Der Südwest-Eingang ist rappelvoll. Fast 22.000 Zuschauer werden es am Ende sein.

13:25 Uhr: Es wird laut, richtig laut. Die Aufstellungen werden ein letztes Mal verlesen – Tobias Schwede und Julius Düker, die zum SC Paderborn wechseln werden, stehen verletzungsbedingt nicht im Kader. Stattdessen werden Marius Sowislo, Felix Schiller und Jan Glinker, drei scheidende Helden der jüngeren Club-Vergangenheit, gebührend geehrt. Block U wird später noch zigfach ihre Namen durchklatschen. Zunächst aber zeigen die Fans eine mächtige Choreographie, deren Mittelpunkt das Wappen des FCM ziert. "Heja FCM" – Gänsehaut pur. Und auch die Elbe, sie ist noch dieselbe. Alles ist bereitet für einen emotionalen Nachmittag.

 

"Deutscher Meister wird nur der FCM!“

13:30 Uhr: Das Schaulaufen beginnt. Magdeburg, bald Zweitligist, empfängt den Chemnitzer FC, bald Viertligist. Dessen Anhänger haben offenkundig genug von der Spielzeit. Sie treten nicht geschlossen auf und sind selbst im Nachbarblock nicht zu hören. Stattdessen übernimmt der FCM akustisch das Kommando. Alle vier Tribünen klatschen, singen. Ein grandioses Zusammenspiel. Zwei ältere Damen halten selbstgebastelte Transparente hoch. "Danke, Jungs!", steht drauf.

13:35 Uhr: Ergebnisdurchsage. Halle liegt hinten. Zufriedenes Klatschen. Ende der Durchsage.

13:40 Uhr: CFC-Keeper Kevin Kunz träumt vor sich hin, Christian Beck stürmt dazwischen und netzt locker ein. Die erste Chance bedeutet das 1:0 für den 1. FC Magdeburg. „Machdeburch schießt se' ab“, sagt der Sitznachbar und prostet mir zu.

13:45 Uhr: 2:0! Charles Elie Laprevotte vollstreckt eine scharfe Hereingabe von links am langen Pfosten. Zerfällt Chemnitz jetzt?

13:55 Uhr: Philip Türpitz macht seinem Ex-Verein ein böses Geschenk. Raffinierter Freistoß aus eher spitzem Winkel ins kurze Eck. Nicht der erste Geniestreich von ihm! Magdeburg liegt sich in den Armen. "Deutscher Meister wird nur der FCM!“, grölt das Stadion.

14:05 Uhr: Das passt nicht ins Bild. Chemnitz markiert den Anschluss. Daniel Frahn macht es per Kopf gegen die Laufrichtung von Ersatzkeeper Mario Seidel, der seinen Einsatz ansonsten sichtlich genießt. Kurz lebt der CFC. Dann gibt’s Gelb-Rot für Mikko Sumusalo, eine harte Entscheidung. Jetzt muss sich Magdeburg keine Sorgen mehr machen. Der FCM marschiert triumphierend in die Pause.

 

Sowislo tritt ab

14:35 Uhr: Chaos am Getränkestand, drei Kassen für 3.000 Leute. Wiederanpfiff verpasst. Hier könnte der 1. FC Magdeburg tatsächlich noch nachbessern. Einen Makel muss es ja geben…

14:55 Uhr: Die "Maschine" wird eingewechselt. Felix Schiller, Aufstiegsheld von 2015, "das war ein echter Magdeburger", sagen sie hinter uns. Der Vollbärtige schmeißt sich direkt in die Zweikämpfe, als wären es seine letzten. Bei jedem Ballkontakt wird er frenetisch gefeiert.

15:15 Uhr: Der Kapitän gibt die Binde ab. Marius Sowislo hatte eines seiner typischen Spiele absolviert: Im Hintergrund zog er die Strippen, ackerte im Mittelfeld geduldig den Gegner ab und schaffte damit spritzigeren Mitspielern die Räume. Als er Christian Beck das Kapitänsamt überträgt und zur Auswechslung trottet, bilden alle Mitspieler ein großes Spalier, begleitet von riesigem Applaus. Auch der geschlagene Chemnitzer FC spielt bei der Aktion mit und wartet, eine große Geste. Eine bemerkenswerte Karriere, die in Magdeburg ihre Höhepunkte schrieb, ist (fast) beendet.

15:20 Uhr: Der Unparteiische erlöst den CFC, der sich immerhin tapfer weiterer Gegentreffer erwehrt hat. Die Feierlichkeiten können beginnen – wenn auch ohne Platzsturm und ohne Meisterschaft, denn die Konkurrenz spielt nicht mit. Kurze Enttäuschung weht durch das Stadion, als der Sieg des SC Paderborn bekanntgegeben wird. Der eindeutige Tenor: Dann machen wir’s eben in Lotte!

15:25 Uhr: Ein Transparent im Fanblock, gerichtet an die Clublegende Heinz Krügel. "Heinz, wir haben da jemanden in Magdeburg auf dem Stuhl sitzen, auf den du dich verlassen kannst. Wir grüßen dich aus der zweiten Division!“ Gemeint ist kein Geringerer als Jens Härtel. Der sonst so zurückhaltende Trainer, der Unglaubliches geleistet hat, tritt vor die Fans. Er applaudiert. Und er versucht sich sogar zaghaft daran, die Welle durch das Publikum schwappen zu lassen. Das reagiert sofort. Es weiß, was ganz Magdeburg seinem Coach zu verdanken hat.

 

Emotionale Verabschiedungen

15:30 Uhr: Mannschaft und Betreuerstab versammeln sich auf dem Platz. Alle feststehenden Abgänge werden der Reihe nach mit einem kurzen Video verabschiedet. Deutliches Missfallen gibt es bei der Personalie Tobias Schwede, der neben Applaus auch deutliche Pfiffe erhält. Es wird dauern, bis man ihm den Wechsel zum SC Paderborn an der Elbe nicht mehr übelnimmt. Etwas geringer, aber dennoch bemerkbar fällt das Pfeifkonzert beim ebenfalls nach Ostwestfalen wechselnden Julius Düker aus. Doch die gute Laune ist schnell zurück: Florian Pick zelebriert seinen Abschied wie einst seinen Treffer in Wiesbaden: Mit Power-La-Ola und mit Salto. Was für ein verrückter Typ.

15:32 Uhr: Überraschung geglückt! André Hainault, dessen Abschied eigentlich schon geplant war, soll doch einen Anschlussvertrag erhalten. Eine starke Geste des 1. FC Magdeburg und ein Schritt, der sich nur positiv auf das Teamgefüge auswirken kann.

15:40 Uhr: Marius Sowislo, der Kapitän, macht sich auf eine ausgiebige Ehrenrunde. Seine Tochter folgt ihm mit dicken Ohrenschützern, die Stimmung ist prächtig. Ordner bitten ihn um Selfies, Sowislo macht das gern. Lobpreisungen kommen von allen Seiten. Dann schnappt er sich selbst das Mikrofon. Es sei eine wahnsinnige Zeit gewesen, erinnert er. "Die Jungs brauchen euch Fans in der 2. Bundesliga, auch wenn es mal nicht läuft. Wir konnten uns immer auf euch verlassen", ruft er. Ohrenbetäubend laut salutiert Blau-Weiß. Versteckte Tränen der Wehmut verschwinden in vielen "Machdeburch ist uffjestiejen"-Shirts. Er wird diesem 1. FC Magdeburg als Spieler fehlen, hoffentlich aber in anderer Funktion erhalten bleiben.

15:50 Uhr: Sowislo, Schiller und Glinker steigen auf den Zaun von Block U. 35 Minuten nach Abpfiff sind immer noch gut 15.000 Fans im Stadion, die gemeinsam mit den drei verdienten FCM-Akteuren das Einklatschen zelebrieren. Erst jetzt machen sich die Anhänger langsam auf den Heimweg, beseelt voller positiver Emotionen. Würdiger hätte der 1. FC Magdeburg diese Spieler nicht verabschieden können. Was jetzt noch kommt? Ein Gastspiel bei den Sportfreunden Lotte. Und dann, endlich, die so heiß ersehnte, mit Spannung erwartete, von Klassemannschaften gespickte 2. Bundesliga.

   
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