Muzzicato: "Nachricht der Absage erreichte uns auf der Busfahrt"

Mit offenem Visier spricht Viktoria Berlin-Trainer Benedetto Muzzicato im Interview mit liga3-online.de über Spielabsagen im Bus, die sich anbahnende Terminfülle und die knifflige Suche nach einem Spielertyp wie Tolcay Cigerci.

"Team mental bei Laune halten"

liga3-online.de: Hallo Herr Muzzicato! Die Omikron-Welle hat die 3. Liga und besonders Viktoria Berlin fest im Griff. Ist zumindest der Trainer noch gesund?

Benedetto Muzzicato: Letzte Woche war die Nase leicht verschnupft. In fast zwei Jahren Pandemie hatte ich bislang ausnahmslos negative Schnelltests, sodass mir "nur" der Spannungsabfall zu schaffen macht. Du musst das Team für den Neustart fit und mental bei Laune halten, ohne dabei an Glaubwürdigkeit zu verlieren.

Die Absage der Partie beim Halleschen FC kam nur drei Stunden vor dem Anpfiff.

Die Nachricht erreichte uns auf der Busfahrt zum Spiel. Das tut mir auch für den Gegner leid, wobei das mit zwölf Feldspielern sowie Mladen Cvjetinovic und Diren Günay aus der U19 auch kein fairer Wettkampf gewesen wäre. Im Nachgang braucht es Verständnis für das Gesundheitsamt, das sich in einem Hotspot wie Berlin um viele und wichtigere Dinge kümmern muss als Drittliga-Fußball.

Wie viele Spieler hätten Ihnen für die nun ebenfalls abgesagte Partie gegen Zwickau zur Verfügung gestanden?

Es befinden sich drei weitere Spieler mit Symptomen in Quarantäne. Unseren ursprünglichen Plan, in Kleingruppen zu trainieren, geben wir jetzt auf und lassen das Training bis Montag ruhen. Danach schauen wir, ob und wie viele Spieler sich frei testen können.

Die nächsten Gegner lauten Waldhof Mannheim (5. Februar) und SC Verl (13. Februar). Wann halten Sie eine Rückkehr zum regulären Spielbetrieb für realistisch?

Zuvor steht noch das Landespokal-Viertelfinale beim TSV Rudow (2. Februar, Anm. d. Red.) auf dem Plan. Das dürfte wohl zu früh kommen. Für alle Prognosen darüber hinaus fehlt mir nach fast zwei Jahren mit stetigem Saison-Abbruch und Neustart inzwischen das Gefühl.

 

Zwei Partien binnen vier Tagen? "Bekomme Bauchschmerzen"

Einen Schritt weiter gedacht: Treibt die sich anbahnende Terminfülle, das erhöhte Verletzungsrisiko und die mentale Belastung Ihr Team doch noch ganz unten rein?

Ich bin ganz ehrlich: Bei zwei Partien in vier Tagen mit einem kleinen Kader bekomme ich durchaus Bauchschmerzen. Wenn ich aktuell auf die Tabelle schaue, sehe ich uns als Aufsteiger mit 26 Punkten im Soll und ein Team, das eine Art Fußball zeigt, die ich auch nach dem Abgang von Tolcay Cigerci im Winter ungerne ändern möchte. Wenn wir den Klassenerhalt schaffen, dann so.

Wenn schon nicht gespielt werden kann, wäre ausreichend Zeit für Last-Minute-Transfers. Stichwort: Cigerci. Ist ein Nachfolger in der Pipeline?

Wir prüfen gerade einige Möglichkeiten. Grundsätzlich traue ich dem aus Dortmunds U23 gekommenen Cebrail Makreckis eine offensivere Rolle zu. Er ist aber ein anderer Typ als Tolcay. Hier sprechen wir wiederum von einem Spieler, der ein Team wesentlich effektiver macht und dazu diese positive Arroganz in sich trägt. Sprich: Dieser Typ ist für einen Verein mit dem zweitkleinsten Budget der 3. Liga – dazu in der Winter-Transferperiode – eigentlich nicht zu kriegen.

Von den bisherigen drei Winterzugängen besitzt Franck Evina (von Hannover 96 ausgeliehen) die meiste Drittliga-Erfahrung, aber auch eine markante Verletzungshistorie. Wann kann er dem Team helfen?

Wir haben Franck Evina mit unserem Athletiktrainer und Physiotherapeuten durchgecheckt. Es liegt jedoch auch an ihm, in den vier Monaten bei uns, auf die Signale seines Körpers zu hören. Im Halle-Spiel hätte es vermutlich für einen Kurz-Einsatz gereicht. Je nach dem, wann wir einen halbwegs normalen Spielbetrieb haben, kann Franck ab Ende Februar derjenige sein, der mit einer individuellen Aktion, ein Spiel für uns entscheidet.

Ab Ende Februar müssen Sie außerdem den Spagat zwischen Drittliga-Trainer und der Ausbildung zum Fußball-Lehrer meistern. Zählt Zeit-Management zu Ihren Stärken?

Zunächst bin ich dankbar, dass ich mit einer Sondererlaubnis als Drittliga-Trainer arbeiten darf. Ich sehe mich als Typ, der mit dem Kopf immer zu 100 Porzent bei einer Sache ist. Zu einigen Teilen muss ich mich also umstellen. Ich vertraue hier auch auf meinen Staff mit David Pietrzyk, Richard Krohn und besonders Marco Sejna, den ich schon seit der gemeinsamen Zeit als Spieler beim 1. FC Union Berlin kenne und schätze. In unserem Athletiktrainer Roman Steinweg sehe ich denjenigen, der auch als "Chef" zu einem Team sprechen kann.

 
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