Kothny über Zeit bei Türkgücü: "War schon hardcore"

Knapp ein Monat ist das Aus von Türkgücü München nun her, in der kommenden Saison will der Klub in der Regionalliga an den Start gehen – wenn ein Stadion gefunden wird. Einer, der künftig nicht mehr für die Münchner tätig sein wird, ist Geschäftsführer Max Kothny. In einem Interview mit der "Abendzeitung" blickt er zurück – und auf seine neue Aufgabe.

"Macht einen fertig"

Noch bis einschließlich Samstag ist Kothny offiziell Angestellter von Türkgücü München, dann tritt er seine neue Aufgabe an: Geschäftsführer beim französischen Zweitligisten AS Nancy. Besitzer des Klubs ist die "Pacific Media Group", die zuletzt auch mit Türkgücü über einen Einstieg verhandelte – so kam der Kontakt zu Kothny zustande. Offensichtlich konnte der 25-Jährige Eindruck hinterlassen – und das, obwohl er es nicht geschafft hatte, die Münchner wenigstens in der 3. Liga zu etablieren. "Durch meine Arbeit in den letzten Jahren sollte ein neues Engagement eigentlich nicht überraschen", meint Kothny dennoch, fühlt aber mit seinem Ex-Klub: "Natürlich tut mir die Situation für jeden Einzelnen – egal, ob Spieler oder Vereinsmitarbeiter – extrem leid."

Auch für den 25-Jährigen selbst war die Zeit bei den Münchnern vor allem in den letzten Monaten nicht leicht: "Was ich mit diesem Verein im letzten halben Jahr erlebt habe, war schon hardcore. Das macht einen psychisch, aber auch körperlich fertig – ich weiß gar nicht, wie viele Nächte ich in dieser Zeit nicht geschlafen habe." Er sei von allen Seiten angefeindet worden: Im Klub, von den Fans, von den Medien und auch von anderen Drittliga-Vereinen. "Das ist für mich grundsätzlich nichts Neues, ich bin es ja gewohnt zu polarisieren, aber in so einer Situation, in der ich zur Anmeldung der Insolvenz gezwungen wurde, ist es besonders bitter, so etwas zu erleben." Er habe zudem auch Drohungen bekommen, "da hätte es mich nicht verwundert, wenn mal einer vor meiner Haustür gestanden hätte".

Kivran? "Habe oft Nein gesagt"

Dass das Projekt Türkgücü gescheitert ist, lag aber natürlich nicht nur an Kothny, sondern vielmehr an Investor Hasan Kivran, der plötzlich den Geldhahn zugedreht hat und sich außerdem zu sehr in Entscheidungen eingemischt hatte. Kothny bestätigt zwar, dass sich der Verein in manchen Entscheidungen "zu sehr beeinflussen" lassen habe, betont aber auch: "Es ist doch immer so, dass der Geldgeber entscheiden möchte – und das ist auch sein gutes Recht. Vielleicht hätte man aber in einigen Situationen noch mehr auf seine eigene Meinung pochen müssen." Alles einfach abgenickt habe er nicht: "Auch wenn mir das keiner glaubt, ich habe oft Nein gesagt. Aber in manchen Entscheidungen, gerade bei Kapitalfragen, also wenn es darum geht, noch teurere Spieler zu holen, dann kann ich zwar Nein sagen, weil es nicht in meinen Budgetplan passt, aber wenn der e.V.-Präsident, Aufsichtsratsvorsitzende und Hauptgesellschafter sagt, dass es so gemacht wird, dann wird es auch so gemacht. Das ist in jedem Fußballverein und Unternehmen so."

Kothny zufolge habe Türkgücü eine Identität gefehlt: "Ich habe zwar versucht, eine Identität zu schaffen als ein Verein, der aneckt – was heute in der stromlinienförmigen Fußballbranche ein Alleinstellungsmerkmal ist, trotzdem haben wir die Gesamtvision des Vereins nicht ausreichend verfolgt, weil wir ja immer Brände löschen mussten. Wir hätten vielleicht mehr türkisch sein müssen, um uns auch mit Blick auf Sponsoren und Zuschauer besser zu positionieren."

Neuanfang in Nancy

Beim AS Nancy, der vor dem Abstieg in die dritte Liga steht, will er es als Repräsentant vor Ort nun besser machen: "Ich repräsentiere in Nancy die Investorengruppe, werde mich auch um die Restrukturierung des Vereins kümmern, weil er immer noch auf Erstliga-Niveau aufgestellt ist, wir aber sportlich nun ganz wo anders stehen. Ich werde auch intensiv den Kontakt mit Stadt, Sponsoren und Fans suchen, weil das zuletzt vernachlässigt wurde. Ich bin sowohl in die strukturellen als auch in die sportlichen Entscheidungen voll involviert."

Um die Gespräche auf Augenhöhe führen zu können, lernt der 25-Jährige bereits fleißig französisch: "Ab dieser Woche mache ich einen Intensiv-Kurs, jeden Tag zwei Stunden, um da reinzukommen." Verstehen könne er bereits alles, nur "das flüssige Sprechen fällt mir noch etwas schwer". Für ein Privatleben bleibt da nicht mehr viel Zeit: "Wenn man die Chance hat, in so frühen Jahren bereits so viel Verantwortung in einem Profiverein zu übernehmen, dann kann das Privatleben auch mal ein bisschen warten", meint Kothny, der eine Zukunft in Deutschland zumindest vorerst nicht sieht: "Nach der Sache mit Türkgücü wartet in Deutschland sicher erstmal niemand auf mich. Deshalb freue ich mich umso mehr über die Chance, jetzt hier in Nancy etwas aufbauen zu dürfen." Langfristig will Nancy zurück in die Ligue 1. Ein ambitioniertes Ziel. Doch damit ist Kothny bekanntlich vertraut.

   

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