Kommentar: Wollitz' Medien-Boykott wirft Fragen auf
Gegen Rot-Weiss Essen legte Energie Cottbus am Sonntag eine irre Aufholjagd hin und gewann nach 1:3 noch 5:3. Doch im Nachgang stand einmal mehr Trainer Claus-Dieter Wollitz im Fokus – dieses Mal nicht wegen seiner Worte, sondern wegen seines Schweigens. Der 60-Jährige boykottierte die Medien. Ein Vorgang, der Fragen aufwirft. Ein Kommentar.
Boykott wirkt überzogen
Es ist durchaus nachvollziehbar, dass Wollitz vor dem so wichtigen Duell den vollen Fokus auf das Sportliche legen wollte. Insofern war es zumindest teilweise verständlich, dass er im Vorfeld des Spiels kein Interview bei "MagentaSport" geben wollte. Dass er jedoch auch nach der Partie trotz der spektakulären Aufholjagd nicht sprach, wirkt überzogen. Zumal der Auslöser seines Boykotts eine vergleichsweise alltägliche Nachfrage war: Nach der Niederlage in Osnabrück war er gefragt worden, ob sein Team nun eine Reaktion zeigen müsse. Eine im Fußball absolut übliche Formulierung – nichts, was einen derart drastischen Schritt rechtfertigt.
Umso erstaunlicher ist die Vehemenz, mit der Wollitz darauf reagierte. Ausgerechnet er, der sonst selten ein Blatt vor den Mund nimmt, fühlt sich von einer solchen Frage "lächerlich gemacht", wie er am Freitag bei seinem großen und teilweise befremdlichen Rundumschlag betont hatte. Das passt nicht zusammen. Und selbst wenn der Boykott gegenüber "MagentaSport" aus seiner Sicht begründet gewesen sein sollte, bleibt die Frage, warum er auch bei der Pressekonferenz nach dem Spiel auffällig wortkarg blieb, eine echte Analyse nahezu verweigerte und Nachfragen einsilbig abbügelte. Weil er sich von der Presse falsch verstanden fühlt, wie er etwa Mitte März durchblicken ließ?
Verpasst, Führungsstärke zu demonstrieren
Gerade in solchen Momenten zeigt sich Führungsstärke. Ein Trainer steht im Profifußball immer auch für den Verein – auf und neben dem Platz. Medienarbeit gehört dazu, vor allem nach emotionalen Spielen oder kontroversen Situationen. Wer sich dann entzieht, wirkt schnell weniger souverän, als er vielleicht sein möchte. Statt die eigene Sicht einzuordnen, überlässt er die Deutung anderen. Dabei wäre genau jetzt die Gelegenheit gewesen, den Fokus auf das Sportliche zu lenken. Denn die Leistung der Mannschaft war bemerkenswert. Doch statt über Moral, Comeback-Qualitäten und Offensivwucht zu sprechen, ging es vor allem um das Verhalten des Trainers. Ein klassischer Fall von selbstverschobener Wahrnehmung.
Wie es geht, zeigte Uwe Koschinat. Trotz der bitteren Niederlage blieb der Essener Coach ruhig, analysierte sachlich und würdigte sowohl Gegner als auch Fans. Ein Auftritt, der zeigt, dass Professionalität und Emotionalität sich nicht ausschließen müssen. Am Ende bleibt der Eindruck, dass Claus-Dieter Wollitz den Moment verpasst hat, Führungsstärke zu demonstrieren. Statt die Bühne nach einer außergewöhnlichen Aufholjagd zu nutzen, entzog er sich ihr. So rückte nicht der 5:3-Sieg in den Mittelpunkt, sondern sein Verhalten daneben. Den Fokus von der Mannschaft auf sich zu lenken, ist ihm gelungen. Der sportliche Erfolg mag ihm Recht geben – für das öffentliche Erscheinungsbild von Energie Cottbus war es dennoch ein Bärendienst.