Kommentar: Über den Mehrwert der Rostocker Südtribüne

Nicht mal eine Woche nach ihrer Wiedereröffnung war sie dann auch direkt für das Spiel gegen Preussen Münster ausverkauft – die Südtribüne in der Rostocker DKB-Arena. Nachdem sie seit ihrer Schließung im Winter 2011/2012 die Fans des FC Hansa beschäftigt und vor allem polarisiert hatte, konnte, nach Verhandlungen mit dem neuen Aufsichtsrat, am vorvergangenen Freitag grünes Licht für die Wiedereröffnung gegeben werden. Mit dieser Entscheidung wurden weitere Neuerungen zwischen Fans und Verein bekanntgegeben, die im allgemeinen Getöse um die Rückkehr zur „Süd“ beinahe untergingen, obwohl sie den Mehrwert der Wiedereröffnung für den Verein als weitaus bedeutsamer kennzeichnen, als man ursprünglich annehmen könnte. Denn die offene Südtribüne ist nicht etwa das fragwürdige Zugeständnis vom Verein an seine aktiven Fans, wie man zuletzt lesen konnte, sondern ein Symbol des Umbruchs in Rostock, ein Symbol von Veränderung auf allen Ebenen.

Verbesserte Zusammenarbeit zwischen der aktiven Fanszene und dem Verein

Mit der Öffnung ging der FC Hansa Rostock oberflächlich gesehen einen Schritt auf seine aktiven Fans zu, genauer betrachtet ist es aber eine zukunftsträchtige Entscheidung für ein besseres Miteinander aller Interessengemeinschaften im Verein. Denn mit der Entscheidung gingen Änderungen in der Zusammenarbeit zwischen aktiven Fans und dem Verein, aber auch der Polizei einher, welche in dieser Form in Rostock neuartig sind. Gemeinsame Spieltagsauswertungen aller Parteien sollen in Zukunft die Regel sein, zudem wurde eine Arbeitsgruppe gegründet, die der Südtribüne den Status als „Heimat“ der aktiven Fanszene verleiht, welche dementsprechend strukturiert und be(ob)achtet werden soll. Die aktive Fanszene habe sich „verbindlich dazu bekannt, für eine friedliche Fankultur einzustehen“, so Vorstandsmitglied der Fanszene Rostock, Roman Päsler, auf der Vereinshomepage.

Erste Eindrücke nach dem Spiel gegen Münster positiv

Nachdem unmittelbar nach der Entscheidung vor allem kritische Töne an der Wiedereröffnung der Südtribüne zu lesen und zu hören waren, zeigten sich die Beobachter am gestrigen Spieltag versöhnlich. Die ARD-Sportschau zeigte in zeitraffendem Bild die zuerst leere und sich dann langsam füllende Tribüne vor Spielbeginn, auch die martialisch anmutende Choreographie wurde weitestgehend weniger als Machtgebahren oder Provokation und mehr als die „Kurvenkunst“ angenommen, die sie darstellen sollte. Die Stimmung war in Relation zu den Temperaturen und dem Spielstand erheblich besser, als noch in der Hinrunde und überhaupt sah es, auch wenn das Ergebnis nicht mitspielte, zumindest auf den Rängen nach einem gelungenen ersten Schritt zum Umschwung in Rostock aus. Ein Umschwung, hin zu einer neuen Identität, zu einem neuen Gesicht, zu einem neuen Image, dass den FC Hansa ausmachen soll.

Der Verein bürgte für seine Fans

Wie sehr sich das Image eines Vereins auf alle denkbaren Ebenen auswirkt, kann man in Rostock seit einiger Zeit sehr gut erkennen. War der Verein am Anfang des neuen Jahrtausends in der Bundesliga der sympathische Leuchtturm des Ostens mit dem Ruf des Sprungbretts für angehende schwedische Nationalspieler (selbst ein gewisser Kim Källström wurde seinerzeit mit dem FC Hansa in Verbindung gebracht), so gilt der Verein heute als einer der unangenehmeren Gäste, vor allem bei den mittlerweile zahlreichen Duellen mit anderen Mannschaften aus der ehemaligen DDR. Schaffte man es Anfang der Neunziger das durchaus existente Rassismusproblem auf den Rängen des altehrwürdigen Ostseestadions einer nicht näher definierbaren Gruppe von Neonazis zuzurechnen, bürgt seit ungefähr sieben Jahren der gesamte Verein für Verfehlungen einzelner Personen, die sich dem FC Hansa zugehörig fühlen. Das spaltet seitdem den Verein und seine Fans, weil sich die gemäßigten Fans genötigt sehen, sich für Straftaten der aktiven Fans rechtfertigen zu müssen, die sich ihrerseits vom Verein und den gemäßigten Fans für Verfehlungen Einzelner pauschal kriminalisiert fühlen und enttäuscht darauf reagieren, dass der Verein zur Imagerettung die aktive Fanszene anprangerte, statt sie zu verteidigen.

Verantwortung und Pflichten

Auch hier soll die neue Dialogstrategie des Vereins und der Fans helfen. Denn darüber, dass sich mit den neu aufgestellten Regeln im Verein alles schlagartig zum Positiven ändern werde, wollte sich bisher keiner der Offiziellen Illusionen machen. Die Aufsichtsratsmitglieder Thomas Abrokat und Jan-Hendrik Brincker sprachen beide unabhängig voneinander davon, dass es vor allem wichtig sei, wie man mit den entsprechenden „Unbelehrbaren“ umgehe. Dabei will der FC Hansa in Zukunft voran gehen und seiner Verantwortung als „größtes Jugendzentrum in Mecklenburg-Vorpommern“ nachkommen. In der Pflicht sehen gemäßigte Fans nun vor allem aber die aktive Fanszene, hier fehlt ein offener Dialog, welcher zu Recht erwünscht wurde, bislang. Dieser sollte nicht vergessen werden, wenn man in Zukunft gemeinsam an einem Strang ziehen, denn, so erfreulich die Aussprache zwischen Verein und aktiven Fans war, so gespalten ist das Verhältnis innerhalb des Anhangs der Rostocker nach wie vor.

Ein Klima des Vertrauens

 Fakt bleibt trotz dessen, dass nicht nur der wirtschaftliche Faktor oder gar ein „Einknicken des Aufsichtsrates vor den Ultras“ den Ausschlag zur Wiedereröffnung der Südtribüne gab, sondern das Ziel, den FC Hansa Rostock wieder zu einer geschätzten Institution in Deutschland zu machen. Um das bestehende Image zu verbessern, wird es vor allem wichtig sein, dass man von alten Denkmustern abkommt und bereit ist, Platz für ein neues Image zu schaffen. Ein Klima des Vertrauens zu erarbeiten, sei es innerhalb des Vereins und der Fans, zu den Medien oder gar zu potenziellen Sponsoren, wird eine Aufgabe werden, die es gemeinsam zu meistern gilt und bei der jeder gefragt ist, Aufsichtsrat, Vorstand, Trainer, Spieler, Ultra, Fan und Sympathisant. Gelingt diese Zusammenarbeit in Zukunft, wird der FC Hansa neben der sportlichen Vision von Trainer Fascher und Sportvorstand Vester und dem finanziellen Balanceakt der Zahlungsfähigkeit den Grundstein für eine optimale Zukunft legen und mit viel Glück eines Tages noch einmal den Nordosten Fußballdeutschlands als strahlender Leuchtturm in der ersten Bundesliga vertreten.

FOTO:  Sebastian Ahrens / rostock-fotos.de

 

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