Kickers-Chef Daniel Sauer im Interview: "2. Liga kam zu früh"

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Im Interview mit liga3-online.de spricht Daniel Sauer, Vorstandsvorsitzender der Würzburger Kickers, über das turbulente Jahr 2017, die kurze Amtszeit von Stephan Schmidt, den aktuellen Höhenflug und die Zukunftsplanungen. 

"Unser Mut wurde belohnt"

liga3-online.de: Hallo Herr Sauer. Welche Schulnote würden Sie dem Kickers-Jahr 2017 verpassen?

Daniel Sauer: Das sollten andere bewerten. Unabhängig einer Schulnote bewerten wir uns jeden Tag aufs Neue.

Dann bitte…

Im Großen und Ganzen war es ein sehr herausforderndes Jahr für den ganzen Verein. Sicher, die Profimannschaft, die Lokomotive des Klubs, geriet etwas ins Stottern. Wir mussten fast elf Monate auf einen Heimsieg warten. Das war für alle hart und machte es nicht immer leicht, fortwährend Vollgas zu geben. Trotzdem haben wir 2017 viele nachhaltige Dinge geschaffen und die Kickers nach vorne gebracht. Die Fusion mit dem Post SV Sieboldshöhe und der Aufbau des Nachwuchsleistungszentrum waren strategisch sehr wichtig für uns. Und auch heute können wir rückblickend feststellen, dass sich die harte Arbeit im Sommer auszahlt – die Profis bereiten allen wieder Spaß, diese Anerkennung spüren wir auch im gesamten Umfeld.

Wie ist es Euch gelungen, trotz des Misserfolges optimistisch zu bleiben?

Naja, das ist natürlich immer einfacher, wenn Erfolg vorhanden ist. Aber gerade die etwas schwereren Phasen, die zum Sport gehören, sind generell lehrreich. Im Misserfolg lässt sich schnell erkennen, wer mit Herzblut und Leidenschaft dabei ist und wer nur dabei sein möchte, um sich im Erfolg zu sonnen und Schultern zu klopfen. Wir wussten, dass die Zweite Liga für uns zu früh kam. Dennoch haben wir in der wahnsinnig intensiven Zweitliga-Saison viel gelernt und als kleiner Klub große Herausforderungen bewältigt – auch wenn es am Ende nicht ganz gereicht hat. Als Verein haben wir dennoch vieles für die Zukunft mitnehmen können. Auch das zahlt sich heute aus.

Im Mai musste dann plötzlich alles ohne Bernd Hollerbach weitergehen…

Wir sind ihm sehr dankbar, er hat sehr Großes für seine Kickers geleistet. Der Austausch war immer offen – auch bis zuletzt. Sein Abschied, so schmerzlich er war, kam für uns nicht von jetzt auf nachher. So tickt Bernd auch nicht. Er lässt einen engen Kreis an Leuten an seinen Gedanken teilhaben, tauscht sich aus. Auch das zeichnet Bernd aus. So konnten wir einen Tag nach dem Abstieg schon die Weichen für die Zukunft stellen und mit Stephan Schmidt den neuen Trainer präsentieren. Daran lässt sich leicht ablesen, wie vorausschauend hier geplant wird.

Die Amtszeit von Stephan Schmidt dauerte allerdings nur 12 Spieltage an. War seine Verpflichtung im Nachhinein ein Fehler?

Es hat uns immer ausgezeichnet, dass wir uns intern immer einig waren, die Situationen stets bewertet haben und das auch nach außen vertreten. Und ganz klar: Zum damaligen Zeitpunkt war es für uns die richtige Entscheidung, Stephan Schmidt zu verpflichten. Dass er eine schwere Aufgabe vor sich hatte, war allen bewusst – ihm und uns. Die Gründe haben wir intern aufgearbeitet. Jetzt sind wir froh, dass unser Mut, Michael Schiele zum Cheftrainer zu befördern, belohnt worden ist.

Warum klappt es unter Schiele plötzlich?

Wir haben immer wieder gesagt, dass es dauert, ehe 17 neue Spieler und ein neuer Cheftrainer zusammenwachsen. Das haben wir stets betont, nur hören wollte das keiner. 17 neue Mitarbeiter und ein neuer Abteilungsleiter – das funktioniert auch in einem Unternehmen nicht von heute auf morgen. Wir haben Dinge angepasst und den Trend gedreht, – das garantiert uns aber nicht, dass es einfach von alleine so weiter geht. Es gilt, weiter hart zu arbeiten und diese Mentalität, die Michael mit dem Team sehr intensiv lebt, zu bewahren, ja, weiter auszubauen.

Was haben Sie in Michael Schiele gesehen, als Sie sich sagten: "Das ist unser Mann"? Die Spiele während seiner Zeit als Interimstrainer können es nicht gewesen sein…

Uns war schon im Sommer klar, als wir ihn als Co-Trainer verpflichteten, dass er perfekt zu den Kickers passt. Michael ist absolut akribisch, besitzt als Fußballlehrer höchste Kompetenz, ist offen, ehrlich und bodenständig. Von Tag zu Tag hat sich in den Einheiten manifestiert, dass wir mit ihm als Trainer die Wende schaffen können. Im Präsidium und im Aufsichtsrat waren wir uns schnell einig, wussten aber auch um die öffentliche Wirkung: Das Geschäft ist sehr oberflächlich, einen Interimstrainer nach einer 0:5-Klatsche zum Chef zu machen, haben die wenigsten verstanden. Aber diese Kritik haben wir ausgehalten. Denn wir waren von unserer Entscheidung und Michael komplett überzeugt. Jetzt dürfen gerne andere die Entscheidung kommentieren. Übrigens: Auch die Schulterklopfer sind wieder da!

 

"Die 3. Liga ist brutal!"

Sie ernteten 2017 auch viel öffentliche Kritik. Mit Schiele landeten Sie jetzt einen Volltreffer. Verspüren Sie so etwas wie Genugtuung, es den Kritikern jetzt gezeigt zu haben?

Genugtuung ist das falsche Wort. Wir haben für uns die beste Entscheidung im Sinne des Vereins getroffen. Zusammen mit der Politik ist der Profisport vielleicht eine der härtesten Branchen. Alles was man tut, jede Entscheidung, wird in der Öffentlichkeit diskutiert. Bundestrainer und Bundeskanzler kann bekanntlich jeder. Wer sich intern einig ist, dem kann der größte Druck nichts anhaben. Es gilt immer, Höhen und Tiefen in Relation zu setzen.

Aber hat es Sie nicht getroffen, dass man Ihnen als Ex-Handballer immer wieder den Fußball-Sachverstand untersagt?

Als Sportdirektor bin ich ja auch nicht für die Taktik oder Aufstellung zuständig. Im Endeffekt muss ich die Teamprozesse analysieren und reflektieren. Da erkenne ich zwischen Handball und Fußball keine gewaltigen Unterschiede. Im Gegenteil: Da gibt es sehr viele Parallelen. Die Mechanismen des Profisports kenne ich seit mehr als 15 Jahren. Da ist es auch völlig egal, ob das jetzt Handball oder Fußball ist.

Ein weiterer häufiger Vorwurf lautete, dass der Verein kein "echtes" Saisonziel ausgegeben hat. Warum?

Die 3. Liga ist brutal! Es macht keinen Sinn, Platzierungen auszugeben. Zwischen Platz sechs und Platz 14 waren es vergangene Saison sieben Punkte Differenz, den Sechsten trennten vom ersten Absteiger zehn Zähler. Das sagt doch alles. Für uns stand einzig und alleine das Zusammenwachsen des nahezu komplett neuen Kaders im Vordergrund. Und was viele sehr gerne ausblenden: Wir sind erst seit zweieinhalb Jahren im Profifußball und trotz unserer langen Tradition ein noch junger und kleiner Verein – im Vergleich zu Schwergewichten wie Magdeburg oder dem KSC, auch Münster oder Osnabrück spielen gefühlt in einer anderen Liga. Nicht nur auf dem Platz, auch was die städtische Unterstützung und Eigentumsbeteiligungen an Stadien angeht. Da sind uns beispielsweise Zwickau oder Fortuna Köln Lichtjahre voraus. Wir heben ganz gewiss nicht ab, bloß weil wir mal ein Jahr Zweitligist waren. Für uns gilt es, mit beiden Füßen auf dem Boden zu bleiben und zu versuchen, den Profifußball hier in der Region weiter zu verankern. Das ist die Vision, die alle im Verein antreibt.

 

"Andere Vereine klopfen schon längst an"

Gehen wir etwas näher auf die Zukunftsvisionen ein. Der Aufsichtsratsvorsitzende Thorsten Fischer hat im November auf einer Sponsorenveranstaltung verkündet, dass er nächste Saison mit den Kickers gerne wieder oben angreifen möchte…

Auch da ist in der Öffentlichkeit ja viel geredet worden, dass Thorsten Fischer vielleicht bald nicht mehr mit dabei ist. Nun hat er ein klares Statement abgegeben. Er geht weiter voran, wie er es hier immer getan hat. Sein Ansatz war es aber auch immer, dass er das nicht alleine tun wird. Dazu braucht es die breite Unterstützung. Dazu zählen Unternehmen, aber auch die Politik – die Mitglieder, Fans und Ehrenamtlichen zeigen mit ihrem unermüdlichen Einsatz, dass sie diesen Weg schon längst mitgehen. Nun müssen wir schauen, ob die Bereitschaft anderer Unterstützer weiter voll da ist und ob die ganze Region wieder zusammenhält. Wenn das der Fall ist, können wir nächstes Jahr eine gute Rolle in der 3. Liga spielen. Umso wichtiger ist heuer der Klassenerhalt.

Und wenn nicht?

Dann müssen wir sagen: Okay, wir gehen den Weg verstärkt mit der eigenen Jugend, die wir in unserer Akademie ausbilden. Dann müssen wir aber zurückstecken, was die sportlichen Ziele anbetrifft. Hätten dann aber immer noch die Option, Drittliga-Profifußball in der Region zu etablieren.

Die Verträge von Leistungsträgern wie Sebastian Neumann, Emanuel Taffertshofer und Felix Müller laufen im kommenden Sommer aus. Wie optimistisch gehen Sie in die Verhandlungen?

Wenn alle im Umfeld mitziehen und wir nächste Saison Vollgas geben, können wir die Jungs vielleicht davon überzeugen, den Würzburger Weg weiter mitzugehen. Natürlich wissen wir auch, dass wir bei Verhandlungen nicht konkurrenzlos sind. Andere Vereine klopfen da schon längst an. Wichtig wird in jedem Fall sein, frühzeitig Planungssicherheit zu gewinnen, um einen etwas ruhigeren Sommer zu haben. Im letzten standen wir drei Wochen vor Saisonstart mit fünf Spielern da. Das war ein unglaublicher Druck, der auf unseren Schultern lastete. Und trotzdem ist es uns gelungen, einen Kader zusammenzustellen, der uns aktuell viel Freude bereitet.

   

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