Interview: Borussia Dortmund zu Gast in Sandhausen

Das letzte Juli-Wochenende steht ganz im Zeichen der ersten Runde des DFB-Pokals. 64 Teams kämpfen seit gestern Abend um den Einzug in die luckrative zweite Pokalrunde. Der deutsche Meister Borussia Dortmund trifft dabei auf den SV Sandhausen. Im Vorfeld dieser spannenden Partie sprach unsere Redakteurin Nina Herzog mit dem BVB-Fan-Blog "Any Given Sunday" über den SV Sandhausen und seine Chancen.

Im Gegenzug beantwortete aber auch BVB-Fan-Blog-Inhaber Nick Triantafillou ein paar interessante Fragen zur Boruissa. liga3-online.de dokumentiert für Euch das Interview:

Nick: Sandhausen liegt in der Nähe von Heidelberg im Rhein-Neckar-Raum. In eurer Region hat sich in den letzten Jahren sicher viel Aufmerksamkeit auf die TSG Hoffenheim konzentriert. Wie siehst du als Fan eines anderen Vereins aus der Gegend die Hoffenheimer?

Nina: Ich beobachte Hoffenheim bereits seit vielen Jahren. In diesen Jahren habe ich mit angesehen, wie sie am SVS, der jahrelang die Nummer 1 in der Rhein-Neckar-Region war, vorbeizogen.

Gibt es da eine lokale Rivalität? Sind die für euch überhaupt interessant?

Eine gesunde Rivalität ist selbstredend vorhanden. Wer sich ernsthaft mit Hoffenheim oder Sandhausen auseinander setzt, sollte auch eine klare Meinung fassen. Entweder Hopp oder top.

Denkst du, dass es Auswirkungen für Sandhausen hat, dass die TSG in der Bundesliga spielt?

Bis zum Durchmarsch unter Rangnick aus der Regionalliga in die 1. Bundesliga, war Sandhausen der deutlich beliebtere Verein. Obwohl Sandhausen nie höher als Regionalliga spielte hatte man sich in der Vergangenheit als deutscher Amateurmeister oder DFB-Pokalschreck einen Namen gemacht. Als Hoffenheim hingegen nach nur einem zweitklassigen Jahr in Liga 1 aufstieg waren sie immer noch die Unbekannten. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass uns die Bundesligazugehörigkeit der TSG keine Zuschauer kostet.

Der SV Sandhausen ist als Aufstiegsfavorit vieler Drittliga-Experten in die vergangene Saison gestartet, konnte diesen Erwartungen aber nicht gerecht werden. Woran hats gelegen?

Der einstige Leitspruch ‚Wir sind ein Team‘ wurde schlichtweg gebrochen. Es wurden tolle Einzelspieler verpflichtet, die nur leider nicht als Mannschaft funktionierten, zumindest bis zur Rückkehr von Gerd Dais. Er holte sie zurück auf den Boden und formte aus einer Überzahl an isolierten Einzelspielern eine Besatzung mit Teamgeist.

Was waren in der letzten Saison die Stärken und Schwächen des SVS?

Schwächen: Zunächst war die löchrige Defensive völlig hinderlich für den Sandhäuser Spielfluss. Es schien so als würde sich jeder akribisch aufs Tore verhindern konzentrieren, so dass man selbst keine Tore mehr schoss. Dieses Manko konnte Gerd Dais jedoch zum Ende beheben.

Stärken: Zum Saisonabschluss war die Defensive (vom Kicker sogar als Fort Knox betitelt) schier unüberwindbar. Seit der Rückkehr von Gerd Dais schaffte man es seit dem 26. (von 38) Spieltag(en) in der zurückliegenden Saison bis jetzt ungeschlagen zu bleiben. Die Bilanz glänzt nun mit 23 Spielen ohne Niederlage (Punktspiele, Test- u. Pokalspiele) bis zum gestrigen 1. Spieltag der neuen Saison.

Wie die meisten Vereine hat Sandhausen einige neue Spieler geholt, eine ganze Reihe hat auch den Verein verlassen. Du hast bei dir im Blog die Saisonvorbereitung verfolgt – hast du schon einen Eindruck von den Neuen?

Der Kader wurde nur punktuell verstärkt und etwas verkleinert. Schmerzhaften Abgängen von beliebten Leistungsträgern wie Emre Öztürk und Sreto Ristic stehen zumindest bisher überzeugende Zugänge entgegen. Allen voran David Blacha, aber auch an den beiden Stürmern Aykut Öztürk und Yannick Imbs, der trotz des Sprungs von Oberliga in die 3. Liga ein tolles Gesicht zeigt, werden wir sicherlich viel Spaß haben. Kandziora, Halfar, Busch und Kühn müssen sich erst noch beweisen. Rückkehrer Jan Fießer wird den Spielfluss erst wieder in einigen Monaten mitbestimmen können.

In welchen Bereichen werden sie euch weiterhelfen?

Gerd Dais hat es in meinen Augen verstanden die Spieler vollkommen in ihren Positionen zu perfektionieren. Die Defensive ist wie eine Wand. In der Vorbereitung schossen – wie es sich gehört – die 4 Stürmer die meisten Tore. Mit diesem simplen Rezept, in dem sich einfach jeder auf seine Aufgabe konzentriert, kann der Erfolg auch wieder Einzug nehmen.

Hast du vielleicht den ehemaligen Dortmunder Marcel Kandziora schon spielen sehen?

Ja, er war bei allen Vorbereitungsspielen mit von der Partie. Auch gestern im 1. Saisonspiel habe ich ihn genauer beobachtet. Bisher habe ich ihn sehr zurückhaltend erlebt. Es gab einige tolle Spielzüge, dennoch könnte er durchaus aufdringlicher spielen.

Was erwartest du ganz allgemein für den SVS von der neuen Saison?

Ich habe in der Vorbereitung und im 1. Punktspiel eine tolle Truppe gesehen. Das realistische Saisonziel eines einstelligen Tabellenplatzes wird sicherlich erreicht werden. Mit Platz 4 oder wahrscheinlicher, dem erneuten Gewinn des badischen Verbandspokals sollte man auch nächste Saison im DFB-Pokal vertreten sein.

Und glaubst du, dass ihr am Samstag möglicherweise erneut für eine Pokal-Sensation sorgen könnt – wie in den 1990ern gegen den VfB Stuttgart?

Dortmund ist mir als deutscher Meister ein dankbarerer Gegner im DFB-Pokal als es letztes Jahr der FC Augsburg nach der gescheiterten Bundesliga-Relegation war. Wenn sich Dortmund seinerseits eine Spur zu sicher in der Favoritenrolle fühlt und Sandhausen einen guten Tag hat, bin ich davon überzeugt, dass das Spiel nicht zugunsten des Bundesligisten ausgehen muss. Der Pokal schreibt seine eigenen Gesetze, ein Sieg für Sandhausen ist im Bereich des Möglichen.

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Nick, wie sicher bist du dir, dass der BVB seiner Favoritenrolle gerecht wird und sich im DFB-Pokal keinen Schnitzer gegen Sandhausen erlaubt?
Ich bin bei allem Respekt vor der Sandhausener (Sandhäuser! – Anmerkung der Redaktion) Bilanz der letzten Monate zuversichtlich, denn ich denke, die Mannschaft wird durch das Ausscheiden gegen Offenbach im letzten Jahr gewarnt sein. In den letzten Wochen waren ja einige BVB-Spiele live im Fernsehen und ich habe den Eindruck, dass die Spieler jede Partie ernst nehmen und schon wieder ein ansehnliches Niveau erreicht haben. Trotz des 0:0 nach 90 Minuten im Supercup gegen Schalke haben wir selbst die streckenweise an die Wand gespielt und ich traue unserer Offensive zu, solche Chancen im nächsten Spiel wieder zu nutzen. Eines sollte aber auch in Sandhausen nicht passieren: Bloß kein Elfmeterschießen!

Nach der überragenden Saison 2010/2011 sind die Erwartungen für die neue Saison sicherlich sehr hoch. Welche Platzierung hältst du für realistisch?

Ich habe schon während der letzten Saison gedacht, dass das eine Ausnahmesituation ist. Eine vergleichbare spielerische Überlegenheit, wie sie der BVB in der Hinrunde hatte, wird es nicht mehr so schnell geben. Selbst wenn einem im Moment nur die Bayern und Leverkusen als möglicherweise überlegene Konkurrenten erscheinen, können sich wieder ein oder mehrere Teams herauskristallisieren, die die Erwartungen übertreffen. Man muss realistisch bleiben und auch die Ressourcen, die finanziellen Möglichkeiten, einkalkulieren. Auch wenn ich optimistisch bin, dass Jürgen Klopp und Michael Zorc wieder eine gute Mischung finden / gefunden haben, wäre ich mit einem Platz unter den ersten fünf zufrieden und mit einem CL-Platz, auch dem 4., hochzufrieden.

Wie sehr schmerzt der Abgang von Nuri Sahin? Wie schätzt du die Transfers von Gündogan und Perisic ein?

Der Abgang schmerzt schon. Nuri war ein sehr cleverer Spieler, der diesen Instinkt für den richtigen Pass hatte. Und der sehr gute Standards schießen konnte – außer Elfmetern. ;) Außerdem war er eine Identifikationsfigur, weil er aus der Region kommt und schon lange beim BVB spielt. Vieles hat sich Nuri aber erarbeiten müssen, das war nicht alles von Anfang an da. Zumindest hat ihm früher die Konstanz gefehlt. Und deshalb bin ich zuversichtlich, dass sich die Transfers von Gündogan und Perisic früher oder später auch bezahlt machen. Man sieht, dass die Jungs Talent haben, dass sie schießen können, dass sie ein Auge fürs Spiel haben. Die Frage wird sein: Wie schnell kann Klopp sie in die Mannschaft, in die Abläufe, integrieren? Wie schnell verinnerlichen sie unser Spielsystem, das auf viel Bewegung und Bereitschaft dazu basiert? Nach den ersten Eindrücken bin ich vorsichtig optimistisch, obwohl beide defensiv noch etwas zulegen müssen.

FOTO: Nina Herzog

 

   
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