Hart erarbeitet: SC Verl nimmt im Abstiegskampf Fahrt auf

Lange sah es danach aus, als würde der SC Verl kein Mittel mehr finden, im diesjährigen Abstiegskampf zu bestehen – und das trotz vielfach zumindest akzeptabler Leistungen. Nun aber wehrt sich der Sportclub gegen das Schicksal Regionalliga. Und zum nicht unbedeutenden Faktor könnte der Arena-Wechsel Richtung Paderborn werden.

Musterbeispiel des neuen Verler Fußballs

Es waren nur 485 Zuschauer vor Ort, was ein enttäuschender Wert war. Doch alle, die den kurzen Weg von Verl in die Benteler-Arena nach Paderborn auf sich genommen hatte, die strahlten am Samstagnachmittag – eine Mini-Delegation in Freiburger Farben ausgenommen – über beide Ohren. Der SC Verl hatte ein 3:1 gefeiert, endlich den vierten "Heimsieg" im fremden Stadion erreicht. Und zumindest für etwa 52 Stunden die Abstiegsplätze verlassen. Dann konterte Viktoria Berlin bekanntlich gegen den 1. FC Magdeburg, was noch viel überraschender war. Beide Mannschaften, die sich seit Jahresbeginn unglaublich schwertaten und aus dem Abstiegskampf ein Schneckenrennen machten, haben sich zurückgemeldet. Auch an den Ostwestfalen liegt es, dass Klubs wie der MSV Duisburg, vielleicht auch noch der Hallesche FC erneut zittern müssen.

Der schwer erkämpfte Sieg über die anfangs starken Freiburger war ein Musterbeispiel des neuen Verler Fußballs. Der fokussiert sich nicht mehr auf spielerische Eleganz, sondern auch auf massives und frühes Pressing. Und das wurde eindrucksvoll belohnt: Alle drei Tore, erzielt durch Ron Berlinski, Leandro Putaro und Mael Corboz, waren ein Resultat von provozierten Ballverlusten der Freiburger – beim 1:1 Berlinskis wirkte sogar SCF-Torhüter Noah Atubolu überrascht, wie früh er gestört wurde. Freiburg hingegen versuchte sich immer wieder in der riskanten, spielerisch hochwertigen Eröffnung – und scheiterte. Verl schlug eine Mannschaft, die zuvor in sieben Partien (mit dem nicht gewerteten Türkgücü-Spiel sogar achtmal) ungeschlagen geblieben ist, machte selbst eine Mini-Serie von sieben Zählern aus drei Auftritten dingfest. Trainer Michél Kniat ist angekommen und füllt die Fußstapfen von Guerino Capretti immer besser.

Faktor Paderborn – und Änderungen im Team

Kein Zufall ist, dass sich der Abstiegskandidat seit dem Umzug hin zum SC Paderborn etwas besser zurechtfindet als zur Untermieterzeit in Lotte. Dort begegneten der Mannschaft wenig profitaugliche Bedingungen, allen voran der Rasen hatte seine beste Zeit lange hinter sich. Manchem Kellerkind käme ein solches Geläuf vielleicht mehr entgegen, für die Verler – auch wenn sie im Vorjahr noch deutlich spielstärker waren als derzeit – war es dagegen ein einziger Krampf, auf der Lotter Buckelpiste spielen zu müssen. Nun war die Saisonpremiere in Paderborn, das 0:0 gegen etwas bessere Zwickauer, noch keine Augenweide. Kniat sagte gegenüber der "Neuen Westfälischen" danach: "Wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Wir sind auf einem besseren Rasen nicht plötzlich so spielstark, dass wir mit den Teams von oben mithalten können." Spätestens gegen Freiburg aber profitierte man durchaus vom "Teppich", auf dem sonst regelmäßig guter Zweitliga-Fußball gespielt wird.

Kniat hat einige Veränderungen vorgenommen, die sich derzeit auszahlen. Die sichtbarste ist der Verzicht auf Topscorer Kasim Rabihic, dessen letzte Torbeteiligung allerdings Ende Januar notiert wurde und der sich aus seiner tollen Form herausgespielt hat. Rabihic ist seit vier Spieltagen höchstens noch Joker, das Verler Spiel dreht sich nicht mehr um ihn. Aufgefangen wird das von der Gemeinschaft: Putaro macht sich auch in der Rolle als Mittelstürmer sehr solide, Berlinski erwischte trotz eines schlimmen Fehlschusses gegen Freiburg mit zwei Scorern einen tollen Tag. Ohnehin gut besetzt ist das Mittelfeld mit Corboz, Lukas Petkov und Vinko Sapina. In der Viererkette schließlich hat sich durchaus überraschend der nach einem Kreuzbandriss ein Jahr ausgefallene Barne Pernot zentral etabliert, nach holprigem Start wird neben ihm Aaron Berzel seiner einem der Mannschaftsältesten allmählich gerecht.

Hammerhartes Restprogramm und der Traum vom Pokal

Sechs Spieltage vor dem Ende wird auch mancher Akteur einen genaueren Blick auf das Restprogramm werfen. Der Berliner Sieg hat Verl schließlich zurück auf Platz 17 befördert, irgendwie müssen die Westfalen sich vorbeizwängen an der Viktoria oder einem anderen Klub. Das wird alles andere als leicht: Am kommenden Montag geht es zum VfL Osnabrück, danach gastiert der 1. FC Magdeburg in Paderborn und darauf folgt der 1. FC Saarbrücken – schwieriger kann ein Gegnertrio in der 3. Liga kaum aussehen. Vor dem möglichen Endspiel gegen den MSV Duisburg am 38. Spieltag warten noch Wehen Wiesbaden und die BVB-Reserve, der SC Verl hat den anspruchsvollsten Kalender aller Kellerkinder.

Schon heute Abend geht es für die Verler um ein großes Ziel, die Teilnahme am DFB-Pokal. Bei Regionalliga-Spitzenreiter Preußen Münster erwarten viele ein Duell auf Augenhöhe, im Vorjahr siegte der Ex-Drittligist an der Verler Poststraße sogar deutlich mit 3:0. Mehreinnahmen in Höhe von mindestens etwa 150.000 Euro könnte der Sportclub gut gebrauchen, zumal er in der Aufstiegssaison 2019/20 sogar den Einzug ins Achtelfinale schaffte, erst dort an Union Berlin scheiterte. Geld, das einen Absturz in die Viertklassigkeit finanziell abfedern könnte. Viel lieber aber würde Verl damit die Voraussetzung für ein drittes Drittligajahr verbessern. Zumal es dann nach Anpassung der DFB-Statuten endlich echte Heimspiele in der engen, für Gegner unbequemen Sportclub-Arena geben könnte.

   
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