Hansa Rostock und das Dilemma um Bernd Hofmann – Teil 1

Am Ende war es beinahe keine Überraschung mehr, als vergangene Woche über die Medien kommuniziert wurde, Bernd Hofmann habe um eine Auflösung seines bestehenden Vertrages als Vorstandsvorsitzender gebeten. Auch die Gründe entsprachen den allgemeinen Erwartungen, in Rostock hatte man sich nach der Mitgliederversammlung bereits auf einen öffentlichen Machtkampf zwischen dem neu gewählten Aufsichtsrat und Hofmann eingestellt. Nun aber kam Hofmann dieser potenziellen Schlammschlacht mit seinem Rücktrittsgesuch zuvor und zog sich nach einem, auch für ihn, höchst anstrengenden Jahr 2012 still und leise zurück.
Doch wodurch kam dieser tiefe Graben zwischen dem Mann, der zusammen mit seinen, ebenfalls zurückgetretenen, ehrenamtlichen Mitstreitern Sigrid Keler und Dr. Peter Zeggel, zuletzt so erfolgreich die Daseinsberechtigung des Traditionsclubs von der Ostsee vor der Rostocker Bürgerschaftsversammlung verteidigt hatte, und dem Verein Hansa Rostock zustande? liga3-online.de wirft einen in zwei Teilen Blick zurück auf Bernd Hofmanns Karriere beim Verein und beleuchtet die Ereignisse, die zuletzt zum Rücktritt Hofmanns geführt haben.

Hofmann restauriert die Kogge

Als Bernd Hofmann im Mai 2010, unmittelbar nach dem erstmaligen Abstieg des FCH in die Drittklassigkeit, den Verein als Vorstandsvorsitzender übernahm, waren die Aufgaben klar definiert: Den sportlichen Neuanfang in Anbetracht der miserablen finanziellen Situation der Rostocker koordinieren, fähige Leute für ebendiese Aufgabe finden und Schulter an Schulter zusammen mit den Fans in erfolgreichere Zeiten zurückkehren. Nicht mal eine Woche nach seinem Amtsantritt erledigte der „neue starke Mann des FC Hansa Rostock“ eine seiner wichtigsten und dringendsten Aufgaben und verpflichtete Publikumsliebling und Ex-Nationalspieler Stefan „Paule“ Beinlich als Manager des neuen Drittligisten.

Zusammen mit Beinlich begannen auch Sigrid Keler und Dr. Peter Zeggel ihre ehrenamtliche Mitarbeit an der Seite von Hofmann in Rostock. Dabei war Keler als ehemalige Finanzministerin des Landes Mecklenburg-Vorpommern prädestiniert für die finanzielle Koordination des hoch verschuldeten Clubs, während Zeggel den Marketingbereich übernahm. Die Fans in Rostock zeigten sich hocherfreut über den Nachdruck, mit welchem Hofmann am Neuaufbau des Clubs arbeitete. Doch es kam für die treue Anhängerschaft noch besser: Ebenfalls nur wenige Wochen nach Hofmanns Amtsantritt gab der Vorstandsvorsitzende grünes Licht für den Vorschlag der Hintertortribüne für die aktive Fanszene und ermöglichte den aktiven Fans damit einen festen, gemeinsamen Platz im Stadion und der Mannschaft eine geschlossene und lautstarke blau-weiße Wand im Rücken während der Heimspiele. Man war selig in Rostock und blickte nur wenige Wochen nach dem Abstieg aus der 2. Bundesliga auf einmal einer strahlenden Zukunft entgegen. Das Gesicht dieses Optimismus‘ war Bernd Hofmann.

Erste Probleme mit den Fans

Ein Jahr später hatte die neu formierte Rostocker Mannschaft um Trainer Peter Vollmann und die Neuzugänge Björn Ziegenbein (heute Hallescher FC) und Mohammed Lartey bereits überraschend den Aufstieg realisiert und konnte sich nun auf die 2. Bundesliga freuen. Auch im Vorstand erfreute man sich vermeintlich guter Laune, bot die 2. Bundesliga doch erheblich mehr Fernsehgelder als die 3. Liga und gleichsam eine höhere Attraktivität für Besucher und Sponsoren. Nach dem verlustreichen Jahr in der 3. Liga und bei nun mehr insgesamt 16 Millionen Euro Verbindlichkeiten konnte man diese potenziellen Mehreinnahmen gut gebrauchen und auch ein konkurrenzfähiger Kader wollte aufgestellt werden. Doch das Verhältnis zu den Fans des FCH, insbesondere zur aktiven Fanszene, war schwieriger geworden. Einige Anhänger, die verallgemeinert der „Fanszene Rostock“ und teilweise noch spezifischer den „Suptras Rostock“ zugeordnet wurden, hatten in der vergangenen Saison mehrfach Pyrotechnik verwendet und waren so auch bei kleineren unreifen aber ungefährlichen Aktionen, wie dem Beschmieren von Stadien, sofort und langfristig in ein harsches, mediales Kreuzfeuer geraten. Dass die oft fälschlich als rechtsradikal bezeichnete Rostocker Fanszene zu Beginn der Saison eine NPD-Delegation aus dem Stadion vertrieb, ging dabei völlig unter. Der Vorstand um Bernd Hofmann tat sein Bestes, um vor den Sponsoren und Geldgebern des finanzschwachen Vereins ein positives Image zu bewahren und vergaß dabei mehr und mehr den Dialog mit den aktiven Fans. Stattdessen wurden Strafen des DFB oftmals ohne Berufung gezahlt und die Schuldigen, die von den Boulevardmedien gekennzeichnet wurden, nicht entlastet. Im Gegenteil, Hofmann bestätigte den Boulevard in seinen Aussagen über die Rostocker Fanszene im Allgemeinen mehrfach, alles in Anbetracht dessen, dass das Image des FCH höchste Priorität für die Solvenz des Vereins hatte.  Intern zeigte Hofmann aber bald Diplomatie und bat die aktive Fanszene vor der Saison 2011/2012 zum Gespräch. Mit diesem Dialog wurde ein Fankodex beschlossen, mit welchem sich die Rostocker Fanszene verpflichtete, die Stadionordnung zu respektieren und dem Club nicht mehr mit illegalen Mitteln zu schaden.

Daraufhin begann der, aufgrund der Nähe zum Gästeblock vorher kritisch hinterfragte, Vorverkauf für Dauerkarten der Hintertortribüne, unter dem Vorbehalt, dass der Vorstand die Tribüne schließen würde, wenn es zu ernsthaften Ausschreitungen in der DKB-Arena kommen würde. Die positive Stimmung zwischen Vorstand und Fans schien wieder hergestellt, lediglich die Boulevardmedien hatten beim Anhang des FCH keine Akzeptanz mehr, was sich im Ausschluss der Medienvertreter von der Mitgliederversammlung im November 2011 widerspiegelte. Diese reagierten entsprechend kritisch und mitten im Kreuzfeuer stand Bernd Hofmann, Spielball zwischen wirtschaftlichen Verpflichtungen, für die das Image des Vereins höchst wichtig war und den Verpflichtungen gegenüber dem treuen Anhang des FCH.

Die Situation gerät außer Kontrolle

Bedauerlicherweise gab der Anhang der Rostocker dem Boulevard zur Saison 2011/2012 noch mehr zu kritisieren als noch in der Vorsaison. So kam es bereits am 8. Spieltag in Frankfurt zum Einsatz von Pyrotechnik, was vom DFB, aufgrund der Wiederholungstat, damit geahndet wurde, dass keine Rostocker Gästefans zu den Spielen nach Aue und Düsseldorf anreisen durften. Zusätzlich musste der Verein den betroffenen Clubs je 25.000€ Ausgleich zahlen. Bernd Hofmann reagierte zu Recht enttäuscht über das erneute Fehlverhalten im Namen des Vereins, allerdings sollte es noch viel dramatischer kommen. Am 15. Spieltag kam es im Duell gegen den Rivalen aus Hamburg-St. Pauli zum beschämenden Vorfall, dass Teile des Rostocker Anhangs mehrfach Leuchtspurraketen in den Gästeblock schossen, was von einigen Fans unverständlicherweise mit Applaus begrüßt wurde. Die mediale Berichterstattung überschlug sich aufgrund des Vorfalls, das Heimspiel gegen Dynamo Dresden musste diesmal gänzlich ohne Fans ausgetragen werden, was einen sechsstelligen Verlustbetrag nach sich zog, obwohl sich auch die aktive Fanszene um Ausgleichszahlungen durch sogenannte „Geistertickets“, also Spenden zum Ticketpreis, bemühte.

Bernd Hofmann sah im Zuge dessen allerdings trotzdem keine andere Möglichkeit als die, der Saison vorhergegangenen, Drohung wahr zu machen und die Hintertortribüne bis auf weiteres zu schließen. Zusätzlich wandte sich der Vorstandsvorsitzende in einem letzten Akt der Imagerettung öffentlich an die Politik und die Polizei, um Hilfe zu bitten, weil man dem „Gewaltproblem in der DKB-Arena“ nicht mehr gewachsen sei. Schritte, die in der gesamten Fanszene des FCH zweierlei Reaktionen auslösten: Zum einen das Entsetzen darüber, vom Vorstand in Person von Bernd Hofmann pauschal kriminalisiert worden zu sein, zum anderen aber auch Dankbarkeit, sich zum finanziellen Wohle des Vereins öffentlichkeitswirksam und imageverbessernd gegen Personen zur Wehr gesetzt zu haben, die den Verein für ihre Missetaten missbrauchen. Bernd Hofmann war an dem Punkt angekommen, an dem sein Handeln die Fanszene zu spalten begann. Auf der einen Seite die aktiven Fans, von denen der Verein nach eigener Vorstellung seine Identität erhielt, auf der anderen Seite die Anhängerschaft, der das sportliche und wirtschaftliche Wohl des Vereins besonders am Herzen lag. Erstere protestierten friedlich in Rostock und Hamburg beim Rückspiel gegen St. Pauli gegen die Pauschalisierung von Fußballfans als Gewalttäter und gegen die Schließung der Hintertortribüne, übten sich im heimischen Stadion allerdings in konstantem Schweigen. Da der organisierte Support somit ausblieb und der sportinteressiertere Teil des Rostocker Anhangs durch die schlechten Leistungen der Mannschaft kaum Gründe zum Feiern fand, wurde es eine sehr ruhige Rückrunde in der DKB-Arena, bevor der Verein als Tabellenletzter erneut den Gang in die 3. Liga antreten musste.

Morgen im zweiten Teil des Rückblickes: Wie die letzten Monate hin zum endgültigen Bruch führten

FOTO:  Sebastian Ahrens / rostock-fotos.de

   

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