Hansa Rostock trifft in Saarbrücken auf geballte Tradition

Es war eine ruhige Woche in Rostock. Nach den sechs Punkten aus der „Woche der Wahrheit“, mit den drei Spielen gegen direkte Konkurrenten im Abstiegskampf, konnte der FC Hansa sich erheblich Luft verschaffen und rangiert nun mit 40 Punkten auf Platz 12 der Tabelle, acht Punkte vor den Drittletzten aus Dortmund. Nachdem man mit einer erweiterten B-Mannschaft am vergangenen Dienstag in Gnoien mit einem soliden 0:6-Erfolg ins Landespokalhalbfinale einziehen konnte, blieben den Hanseaten zum ersten Mal seit langem fünf Trainingstage ohne den brutalen Druck des Abstiegskampfs. Nur größte Pessimisten pochten bis zuletzt auf die rechnerische Möglichkeit, doch noch absteigen zu können. Diesen will die Kogge am kommenden Samstag in Saarbrücken aber den Wind aus den Segeln nehmen und endlich mal wieder in Serie gewinnen.

Historisches Saarland

Mit dem 1. FC Saarbrücken steht dabei ein Gegner bereit, den Trainer Marc Fascher als „klassische Drittligamannschaft“ bezeichnete. Die Elf von Trainer Jürgen Luginger hat seit sage und schreibe acht Spielen nicht mehr verloren und sich mit diesem grandiosen Endspurt auf den neunten Tabellenplatz vorgeschoben, nachdem man zwischenzeitlich gar auf Platz 17 rangierte. Ein starkes Stück Arbeit für den saarländischen Verein, dessen Geschichte, wie die seiner Heimat, zu den interessantesten in Deutschland gehört. Das Saarland gilt als der meistumworbene und auch -umkämpfte Teil des heutigen Deutschlands, immer wieder wechselte seine Hoheit zwischen Frankreich und deutschen Herrschaftsgebieten. 1871 gehörte das Saarland zum neugegründeten Deutschen Reich, mit der Niederlage im ersten Weltkrieg und dem Versailler Vertrag fiel es unter die Verwaltung des Völkerbundes, dem indirekten Vorläufer der Vereinten Nationen, welcher 1920 das Verwaltungsrecht an Frankreich übertrug. Das Saarland war praktisch besetzt, was unmittelbar vor der Machtergreifung der Nazis ein dynamisches Nationalbewusstsein auslöste. Zwar bemühten sich linke Parteien, über die Gefahr der NSDAP aufzuklären, aber 1935 stimmte eine überwältigende Mehrheit von 90% der Bewohner in einem Volksentscheid für eine Vereinigung mit Deutschland. Mit dem Ende des zweiten Weltkriegs errichtete Frankreich im Saarland ein Protektorat, mit eigenständiger Verfassung und Währung, was dazu führte, dass das Saarland zwischen 1950 und 1955 sogar eine eigenständige Fußballnationalmannschaft berief, welche in der Qualifikation zur WM 1954 auf die späteren „Helden von Bern“ traf, dort aber sowohl in Stuttgart, als auch im Ludwigsparkstadion von Saarbrücken, dem Schauplatz des Duells am Samstag, unterlag. 1957 wurde das Saarland nach einem Volksentscheid endgültig wieder mit Deutschland vereinigt.

Die „interessanteste Fußballmannschaft Europas“

Mitten in dieser turbulenten Zeit bewegte sich der  1. FC Saarbrücken wie das sprichwörtliche „Blatt im Wind“. Bis 1948 spielte er in der damaligen Oberliga Südwest-Nord, wurde aber wegen der politischen Vorgänge vom Spielbetrieb ausgeschlossen. In der landeseigenen Ehrenliga fühlte sich der Verein unterfordert, weswegen er um eine Spielerlaubnis in Frankreich bat. Nach langfristigen Verhandlungen durfte der 1. FC Saarbrücken in der Saison 1948/49 in der zweiten französischen Liga als „FC Sarrebruck“ antreten, spielte allerdings außer Konkurrenz und ohne Punktwertung. Wäre dies nicht der Fall gewesen, wären die Saarbrücker mit deutlichem Abstand auf den tatsächlichen Meister Girondins Bordeaux in die Ligue 1 aufgestiegen. Stattdessen wurde der Verein nun direkt wieder vom Spielbetrieb ausgeschlossen und fristete drei Jahre lang ein Dasein als ligaloser Gastgeber des „Internationalen Saarlandpokal“. Hier spielte der Verein zuerst gegen vierzehn europäische Topmannschaften, um am Ende gegen die drei Mannschaften mit dem besten Ergebnis eine Finalrunde mit Halbfinale, Spiel um Platz 3 und Finale auszuspielen. Hier gelang es dem 1. FC Saarbrücken als erster deutschsprachiger Mannschaft Real Madrid zu besiegen, sogar mit 4:0. Der Verein galt seinerzeit als „interessanteste Fußballmannschaft Europas“.

Fragezeichen hinter Philipp Klement

Als Gründungsmitglied der Bundesliga stieg der 1. FC Saarbrücken bereits in der ersten Saison ab und fristete danach mehrere Saisons in der zweiten Liga mit kurzen Bundesliga-Unterbrechungen. 2008 fiel der Verein nach jahrelangen Finanzsorgen und Abstiegen in die fünfte Liga zurück, begann von da an aber einen Siegeszug, der der Geschichte des Vereins absolut würdig war, und stieg nach zwei Meisterschaften im Jahr 2010 in die 3. Liga auf, wo man die Premierensaison auf einem grandiosen sechsten Platz beendete. Ebenfalls bemerkenswert: In Saarbrücken begann die deutsche Karriere der späteren Rostocker Stürmerlegende Jonathan Akpoborie, welcher in 47 Spielen für Hansa 20 Tore erzielte. Heute geht Marcel Ziemer für den 1. FC Saarbrücken auf Torejagd, mit 15 Treffern ist er der fünftbeste Torschütze der Saison 12/13. So können sich die Hanseaten auf ein traditionsträchtiges Gastspiel im Saarland freuen, bei dem mehrere Personalien noch offen sind. Dortmund-Matchwinner Philipp Klement ging etwas angeschlagen aus dem Pokalspiel in Gnoien, seine Mitfahrt sollte sich erst heute entscheiden, Marc Fascher ging aber davon aus, dass Klement zur Verfügung stehen werde. Zudem wurde über einen Startelfeinsatz von Edisson Jordanov spekuliert, der im Pokal 90 Minuten lang Vollgas gab und sich in seinem Startelfdebüt nach seinem Kreuzbandriss mit einem Tor selbst belohnte. Anpfiff der Partie ist um 19 Uhr.

FOTO:  Sebastian Ahrens / rostock-fotos.de

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