Gyau im Interview: Vom BVB über die USA nach Großaspach

Von

© imago/Rudel

Im Herbst 2014 schien die Karriere von Joseph-Claude Gyau so richtig Fahrt aufzunehmen. Er wurde Nationalspieler, beim BVB klopfte er an die Tür zu den Profis. Dann bremste ihn ein Knorpelschaden jäh aus. Die Verletzung zog sich der damals 22-Jährige im Abschiedsspiel für Landon Donovan am 11. Oktober 2014 gegen Ecuador (1:1) zu. Es war sein zweiter Einsatz für das US-Nationalteam, in das ihn der damalige Coach Jürgen Klinsmann berief. In kurzer Zeit wurde er vom Senkrechtstarter zum Pechvogel. Für Gyau folgte eine lange Leidenszeit mit mehreren Knie-Operationen. Fast zwei Jahre fiel er aus. Jetzt ist er wieder fit. Im Winter folgte der Wechsel von Borussia Dortmund II zur SG Sonnenhof Großaspach. Im Interview mit liga3-online.de spricht er über die schwere Zeit, seinen Neustart in Großaspach und sportliche Ziele.

liga3-online.de: Herr Gyau, hinter Ihnen liegt eine lange Leidenszeit. Sie sind fast zwei Jahre mit einem Knorpelschaden ausgefallen. Die Ärzte haben ihnen wenig Hoffnung auf eine Fortsetzung der Karriere gemacht und die Chance auf "zwei Prozent" beziffert. Haben Sie noch an eine Rückkehr auf den Platz geglaubt?

Joseph-Claude Gyau: Ja. Am Anfang wollte ich das erst nicht glauben und war mir nicht sicher, wie ernst die Aussage des gemeint war. Zwei Monate nach der ersten Operation im Oktober 2014 konnte ich aber immer noch nicht laufen. Das Knie war dick. Ein Jahr später hatte ich immer noch Schmerzen und konnte nicht sprinten. Da dachte ich: 'Okay, vielleicht musst du einfach mit etwas Schmerzen spielen.' Insgesamt wurde ich dann vier Mal operiert und war erst im September 2016 wieder schmerzfrei. Oliver Schmidtlein (ehemaliger Physiotherapeut der deutschen Nationalmannschaft; Anm. d. Red.) hat mir sehr geholfen. Der Kontakt ist durch Jürgen Klinsmann entstanden.

Was hat Ihnen in dieser Zeit Mut gemacht und Sie angetrieben?

Meine Liebe für den Fußball. Auch mein Vater und meine Mutter haben mir sehr geholfen. Wegen meinem Knie konnte ich nicht zu ihnen in die USA fliegen und war 1,5 Jahre alleine in Deutschland. Wir haben viel telefoniert. Sie haben mir dann ein kleines Buch von dem Prediger Joel Osteen geschickt. Darin stehen Sätze von Gott, die mich motiviert haben. Auch Jürgen Klinsmann hat mir geschrieben, dass ich ’stark und dran bleiben' soll. Beim Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und den USA in Köln (1:2) im Juni 2015 hat er mich eingeladen. Ich saß mit den Jungs auf der Bank, das war super.

Sie haben Großaspach als den "richtigen Verein" für ihren sportlichen Neuanfang bezeichnet. Warum?

Ich kenne die Region aus meiner Zeit bei der TSG Hoffenheim. Es ist ruhig und ich kann hier ohne Druck spielen. Der Manager, unser Trainer, das Team: Alle im Verein haben mich sehr gut aufgenommen. Hier wird mir die Möglichkeit gegeben, wieder Fußball zu spielen.

Wie waren die Reaktionen, als Sie in Dortmund ihren Wechsel bekanntgaben? Der BVB hat damals trotz der schweren Verletzung ihren auslaufenden Vertrag verlängert…

In Dortmund wurde ich super unterstützt. Ich kann nichts Schlechtes über meine Zeit dort sagen. Sie haben mir geholfen und mir ganz viel Zeit gegeben, um fit zu werden. Die Verantwortlichen waren traurig, genau wie ich, schließlich hatte ich in Dortmund einen super Start und durfte unter "Kloppo" sogar einmal in der Bundesliga spielen. Dann war ich leider lange verletzt. Alle konnten meine Entscheidung deshalb nachvollziehen. Ich hätte zwar noch meine Einsätze bekommen, das Problem ist aber auch, dass ich älter bin als 23. Von vier Spielern wurde immer einer aus dem Kader gestrichen, weil in einer U23 nur drei ältere Spieler eingesetzt werden dürfen. Ich will aber jede Woche auf dem Platz stehen.

Zu ihren Stärken gehörten vor dem Ausfall ihre Dynamik, das hohe Tempo und Eins-gegen-Eins-Situationen. Sind Sie schon wieder ganz der "Alte"?

Ich würde fast sagen, dass ich noch stärker bin. Schließlich war ich früher nicht so oft im Kraftraum. Während meiner Verletzung habe ich dann viel an meinem Körper gearbeitet.

Wie schalten Sie eigentlich vom Fußball ab?

Während meiner Verletzung habe ich mir einen Hund angeschafft. Ich hatte zwar keine Depressionen, war aber oft traurig und habe mich alleine gefühlt. So musste ich öfter vor die Tür, zum Beispiel in den Hundepark. Vor kurzem ist "Blaze", ein Husky, zwei Jahre alt geworden.

Sie twittern oft Nachrichten mit einem Bezug zu Gott. Sind Sie sehr religiös?

Ja, das war ich schon immer. Durch die harte Zeit, wohl sogar noch ein bisschen mehr. In die Kirche gehe ich aber nicht so oft.

Jürgen Klinsmann hat sie zum Nationalspieler gemacht. Im zweiten Einsatz beim Abschiedsspiel von Landon Donovan zogen Sie sich die verheerende Verletzung zu. Ist die Rückkehr in die US-Auswahl ein Ziel von Ihnen?

Ja, klar. Ich spiele seit der U14 in den Auswahlteams. Der Kontakt ist geblieben. Jetzt möchte ich aber erst einmal im Verein erfolgreich sein, der Mannschaft helfen und persönlich ins Rollen kommen.

Bereits vor fünf Jahren haben Sie 15 Mal in der zweiten Liga für St. Pauli gespielt. Hinzu kommen Bundesliga-Einsätze in Hoffenheim (2) und Dortmund (1). Sie haben bis 2018 in Großaspach unterschrieben. Was passiert, wenn nach der Saison ein höherklassiger Klub bei Ihnen anklopft?

Das weiß ich nicht. Soweit denke ich auch nicht. Ich fokussiere immer auf das nächste Spiel und darauf, dass wir den Klassenerhalt schaffen.

Die SG hat trotz zuletzt drei Pleiten aus den vergangen vier Partien nur fünf Punkte Rückstand auf Rang drei. Die Abstiegszone ist neun Zähler weit weg: Wohin geht der Blick?

Man muss bodenständig bleiben. Unser Ziel war von Anfang an der Klassenerhalt. Alles andere ist Bonus.

Samstag geht es nach Paderborn. Der SC steckt in einer schweren Krise, es droht der dritte Abstieg nacheinander. Was erwartet euch dort?

Das wird ein harter Fight. Unser Trainer Oliver Zapel stellt uns seit Anfang der Woche schon darauf ein, dass sie richtig kämpfen werden. Wir fahren selbstbewusst dahin und wollen dagegenhalten.

Die Dritte Liga ist in diesem Jahr unglaublich eng beieinander. Nach oben scheint vieles möglich. Was glauben Sie: Wer steigt auf?

Wenn ich auf die Tabelle schaue, denke ich, dass Duisburg und Magdeburg richtig gute Chancen haben. Dahinter ist alles offen und die Positionen wechseln fast jeden Spieltag.

 

   

Hinweis: Seit dem 25. Mai gilt unsere neue Datenschutzerklärung.
liga3-online.de