Euphorie in Münster: In großen Schritten zur Drittliga-Rückkehr

Neun Jahre lang war Preußen Münster zwischen 2011 und 2020 Teil der Drittliga-Landkarte – und verschwand nach einem buchstäblichen Seuchenjahr abrupt. liga3-online.de erzählt, wie der Verein in den Niederungen der Regionalliga Schwung sammelte und nun mit Euphorie und klugen Entscheidungen Anlauf auf die 3. Liga nimmt.

Elf Punkte Vorsprung

Planungssicherheit ist für Vereinsverantwortliche ein schönes Wort. Die Letzten, die um ihre Ligazugehörigkeit erst Mitte Mai (oder gar noch später) Bescheid wissen, haben diese nicht – und sind daher entscheidend im Nachteil, geht es um die sportliche Planung für das jeweils kommende Jahr. In der traditionell engen 3. Liga, in der bezahlbare Spieler mit Potenzial heiß begehrt sind, ist das nicht anders. Wer aber wird der erste Klub sein, der für die Saison 2023/24 planen darf? Kurioserweise deutet einiges auf einen Verein hin, der derzeit gar nicht Teil des elitären Drittliga-Zirkels ist: der SC Preußen Münster.

Elf Punkte Vorsprung haben die Westfalen in der Regionalliga West nach 22 Spieltagen angehäuft – und dazu im Vergleich zur abgehängten Konkurrenz noch ein Nachholspiel bei Abstiegskandidat Bocholt in der Hinterhand. Zu Beginn der Saison waren es Aufsteiger Kaan-Marienborn und der SV Rödinghausen, dann Alemannia Aachen und zuletzt der Wuppertaler SV und Borussia Mönchengladbach II, die versuchten, den Adlerträgern nachzueifern. Keiner aber schaffte es bis dato, eine annähernd so konstante Serie zu spielen. Wobei Konstanz, doch dazu später mehr, bei der Mannschaft vom ehemaligen Lauterer Sascha Hildmann sehr eigenwillig interpretiert wird…

5:0-Führung fast noch verspielt

Über das "große Ziel" wurde schon in der Wintervorbereitung immer öfter gesprochen, anfangs drucksten die Beteiligten noch herum, nun aber werden sie von Woche zu Woche selbstbewusster. Wozu es allen Grund gibt: Gleich zum Auftakt ins neue Jahr fegten die Preußen Mitbewerber Alemannia Aachen mit 4:0 von der Platte – sachte Bestrebungen der Kaiserstädter, selbst noch oben mitzumischen, wurden im Keim erstickt. Eine Woche darauf das nächste Spitzenspiel als Gast der zweiten Mannschaft von Borussia Mönchengladbach. Knapper war es, aber auch der 2:1-Auswärtssieg war ein verdienter.

Und jüngst dann: das blaue Auge, wie es die Spieler nannten. Mit 5:0 führte der Spitzenreiter gegen das abgeschlagene Schlusslicht SV Straelen nach 55 Minuten, es bahnte sich ein historischer Sieg an. Hildmann wechselte einige Stammkräfte aus, die Partie kippte spektakulär, Straelen robbte sich auf 2:5, 3:5 und in der Schlussminute gar noch auf 4:5 heran. "Hätten wir noch zehn Minuten weitergespielt, hätten wir es womöglich verloren", sagte Abwehrrecke Simon Scherder den Münsteraner Zeitungen im Anschluss. Schon im November hatte es beim Vorletzten Wattenscheid 09 einen 5:4-Sieg mit ganz ähnlichem Verlauf gegeben: 4:1-Führung, Überzahl, Leichtfertigkeit. Plötzlich stand es 4:4. Dann wuchtete Scherder den letzten Ball höchst selbst ins Netz, Fans stürmten das Spielfeld, Ekstase. Es läuft halt in Münster. 17 Siege, zwei Remis, drei Niederlagen und zuletzt sieben Erfolge in Serie – damit hält unterm Strich auch keiner mit.

Stadion-Umbau endlich beschlossen

Scherder wird im April 30 Jahre alt, sein Vertrag soll sich bei einem Aufstieg verlängern. Als Preußen Münster 2011 ein erstes Mal in die 3. Liga aufstieg, bestritt der Innenverteidiger sein letztes A-Junioren-Jahr beim Sportclub. Er erlebte alle neun Drittliga-Jahre, den Beinahe-Aufstieg in die 2. Bundesliga und den Abstieg 2020. Er riss sich dreimal das Kreuzband, kämpfte sich zurück, steht nun bei 245 Pflichtspielen und ist Inbegriff einer Identifikationsfigur. Denn Scherder blieb den Westfalen treu, als diese es dringend benötigten. Im Sommer 2020 kam der erzwungene Neuanfang im Amateurfußball, mitten in der Corona-Pandemie, lange ohne Fans. Dafür mit Ex-Bundesligaprofi Peter Niemeyer als neuem Sportdirektor. Mittlerweile ist der 39-Jährige Geschäftsführer. Und mit Hildmann, der nach dem Abstieg nicht einfach so verschwinden wollte. Mittlerweile ist Hildmann mehr als drei Jahre im Amt. Steigen Ex-Münsteraner Horst Steffen und die SV Elversberg aus der 3. Liga und die Preußen in die 3. Liga auf, hat Hildmann exzellente Chancen, gleich der Dienstälteste unter allen Coaches seiner Liga zu sein.

Kontinuität, die sich auszahlt. 2020/21 wurden die Preußen Dritter, 2021/22 in einem Wahnsinns-Endspurt mit Rot-Weiss Essen punktgleicher Zweiter, es fehlten vier Tore zum Aufstieg. Enttäuschung? Schnell verflogen. Mit Abpfiff des letzten Saisonspiels schwörten sich Fans, mehr als 14.000 waren gekommen, und Spieler schon aufs nächste Jahr ein. Auch in dieser Saison kann sich der Zuschauerschnitt sehen lassen: Knapp 7.600 kamen bislang pro Spiel, in allen fünf Regionalligen sind es nur bei Alemannia Aachen noch mehr. Es gab schon Drittliga-Zeiten, in denen die Schwarz-Weiß-Grünen die Massen weniger bewegten. Von ungefähr kommt das nicht, weil die Preußen kluge Personalentscheidungen trafen und ihren Platz in einer Studentenstadt gefunden haben, die nie primär für ihren Fußballverein stand. Dazu ist der überfällige Umbau des maroden Stadions an der Hammer Straße für mindestens 60 Millionen Euro endlich eingetütet, abgeschlossen werden soll er erst 2027. Dann könnten knapp 20.000 Zuschauer Platz auf rundum überdachten Tribünen finden. Allein der Gedanke daran sorgt für latente Euphorie.

SCP versprüht wieder Attraktivität

Die Planungen fürs kommende Jahr sind zweigleisig, dürfen sich derzeit aber Woche für Woche mehr auf die 3. Liga fokussieren. Dann muss der SCP überlegen: Steht das erfahrene Teamgerüst um Dennis Grote (36), Andrew Wooten (33), Gerrit Wegkamp (29), Marc Lorenz (34), Max Schulze Niehues (34), Alexander Hahn (30) und Simon Scherder (29) sicher genug? Die Offensive ist das funktionierende Prunkstück, defensiv gibt es kleine Fragezeichen: Im Vorjahr ließ Münster in 38 Punktspielen weniger Gegentore zu als nun nach 22 Auftritten – natürlich maßgeblich beeinflusst von den Aussetzern in Wattenscheid und gegen Straelen. Dazu wird Shootingstar Nicolai Remberg (22), das absolute Kraftpaket und Herzstück des Mittelfelds, Münster mindestens in Richtung 2. Bundesliga verlassen, so wie es im Vorjahr schon Verteidiger Marcel Hoffmeier (jetzt Stammspieler beim SC Paderborn) tat. Auch Flügelstürmer und Publikumsliebling Henok Teklab (24) hat sich noch nicht zu den Preußen bekannt.

Niemeyer hat also in den kommenden Wochen und Monaten doch einiges zu erledigen, Preußen Münster für das sehr wahrscheinliche Drittliga-Szenario zu rüsten. Attraktivität versprüht der Klub nach schwierigen, aber heilsamen Jahren allemal wieder. Und auch die sportliche Argumentationslage, die nun in frühen Gesprächen mit potenziellen Neuzugängen neben dem lieben Geld der wichtigste Faktor ist, könnte besser kaum sein.

   
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