DFB-Pokal: Lilien wollen die nächste Sensation

Es war ein freilich merkwürdiges Bild, das sich dem neutralen Betrachter bot, als die Spieler des SV Darmstadt 98 am 21. Mai den Rasen auf dem Bieberer Berg in Offenbach zum Hessenpokalfinale gegen den SV Wehen-Wiesbaden betraten. Wenige Tage zuvor war man denkbar unglücklich nach einem 1:1 gegen die Stuttgarter Kickers aus der dritten Liga abgestiegen. Nun sollte der Gewinn des Landespokals und der damit verbundene Einzug in den DFB-Pokal den Schmerz der Fans zumindest etwas lindern. Was folgte, war eine Demonstration der Darmstädter Frustbewältigung, die SVWW-Trainer Peter Vollmann später ob der Leistung der eigenen Mannschaft die Zornesröte ins Gesicht trieb. Am Ende stand ein überzeugendes 4:0 gegen den hessischen Konkurrenten auf der Anzeigetafel. Und doch hätte kaum einer der rund eintausend mitgereisten Darmstädter Anhänger zu diesem Zeitpunkt an das geglaubt, was den Lilien nur vier Monate später widerfahren sollte.

Rettung durch Lizenzentzug

Durch den Lizenzentzug des Rivalen Offenbacher Kickers blieb der SV98 letztlich doch noch in der dritten Liga. Zudem zog man in der ersten Runde des DFB-Pokals das Traumlos Borussia Mönchengladbach. Der Bundesligist konnte im Elfmeterschießen bezwungen werden. Und auch in der Liga sorgen die Spieler von Trainer Dirk Schuster seit Wochen für Furore. Dem 4:0-Auswärtserfolg beim MSV Duisburg folgte nur eine Woche später mit dem 6:0 gegen den früheren DDR-Meister Hansa Rostock das nächste, dicke Ausrufezeichen. Ohne Frage, das Gesicht des SV Darmstadt 98 hat sich verändert. Trainer Schuster krempelte im Sommer die komplette Offensivabteilung um. Mit den bundesligaerfahrenen Marco Sailer, Dominik Stroh-Engel und Marcel Heller sowie dem früheren slowakischen Nationalspieler Milan Ivana hat das Offensivspiel der Lilien, das in den beiden ersten Drittligajahren mehr als krankte, neue Qualität gewonnen. Erstaunlich ist der Aufschwung deshalb, weil weder Marco Sailer noch Dominik Stroh-Engel bei ihren früheren Vereinen Heidenheim und Wehen-Wiesbaden erste Wahl waren. Darmstadts Trainer hat es verstanden, aus guten Einzelspielern innerhalb kürzester Zeit eine echte Einheit zu formen. Vor allem der introvertierte Stroh-Engel trifft unter Schuster wie er will. Zehn Treffer in gerade einmal neun Spielen sind eine Quote, die nur die wenigsten Torjäger in der Geschichte des SV98 vorweisen können. Darmstadt, vor der Saison als einer der ersten Abstiegskandidaten gehandelt, hat sich unter Schuster klammheimlich zu einem Geheimfavoriten gemausert, der aktuell den zweitbesten Angriff (17 Treffer) gepaart mit der zweitbesten Abwehr (acht Gegentreffer) der Liga stellt. Mit einem Sieg am 2. Oktober im Nachholspiel bei Borussia Dortmund II könnte man sich mit etwas Glück plötzlich auf Rang drei der Tabelle wiederfinden.

Mit breiter Brust gegen Schalke

Und so gehen die Lilien mit breiter Brust in die Pokalpartie gegen den FC Schalke 04. Auch wenn Dirk Schuster um die schwierige Aufgabe weiß: „Schalke ist klarer Favorit und alles andere als ein Sieg wäre eine Sensation.“ Mit Sensationen allerdings kennen sich die Lilien bestens aus – nicht erst seit dem Erstrundenerfolg gegen Mönchengladbach. Auch beim letzten Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten aus Erst- und Zweitligazeiten in der Pokalsaison 2001/2002 hatten die Königsblauen mehr Mühe als erwartet. Lange hielt der damalige Regionalligist aus Darmstadt gegen den hochfavorisierten Bundesligisten das 0:0. Erst ein Treffer des Dänen Ebbe Sand in der 116. Minute beendete abrupt die Träume der Lilien, die zuvor bereits die Erstligisten St. Pauli und Freiburg aus dem Pokal gekegelt hatten. Und in diesem Jahr soll auch nach der zweiten Runde noch nicht Schluss sein. Seit Wochen ist das Stadion am Böllenfalltor bereits ausverkauft, dazu kann Trainer Dirk Schuster personell fast aus dem Vollen schöpfen. Lediglich Rudi Hübner, Julian Ratei und der sich noch im Aufbautraining befindende Benjamin Baier stehen für die Partie gegen Schalke nicht zur Verfügung. 04-Trainer Jens Keller muss dagegen voraussichtlich auf eine ganze Reihe großer Namen verzichten. Neuzugang  Kevin-Prince Boateng, Jung-Nationalspieler Julian Draxler sowie der Niederländer Klaas Huntelaar fallen für die Partie aus. Zudem ist der Einsatz von Angreifer Adam Szalai fraglich. Dafür könnte Publikumsliebling Gerald Asamoah in den Kader rücken. Der mittlerweile 34-jährige Ex-Nationalspieler stürmt mittlerweile für die zweite Mannschaft der Schalker in der Regionalliga. Auch im Tor wird es bei Königsblau eine Veränderung geben. Timo Hildebrand muss seinen Platz für Ralf Fährmann räumen. Eine interne Absprache vor der Saison, um dem Ersatzkeeper die dringend benötigte Spielpraxis zu verschaffen. Und so hoffen die Kicker vom Böllenfalltor vor einem Millionenpublikum (das Spiel wird am 20.30 Uhr live in der ARD übertragen) auf die nächste Pokalsensation. Und die wäre dann auch ganz im Sinne des Hauptsponsors Software AG. Dessen Finanzvorstand, Arnd Zinnhard, ist gebürtiger Dortmunder. Ein Sieg der Lilien gegen Schalke 04 wäre für Zinnhard fraglos ein doppelter Grund zur Freude.

Foto: www.o-m-d.org

   
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