Der neue Aachener Tivoli: Gelungener Wurf mit sportlichen Makeln

Im Normalfall zeichnen Vereinsfunktionäre, wenn es um die Möglichkeit eines Stadionneubaus geht, folgendes Bild: Kommt das neue Stadion, geht es mit dem Verein nach oben. Sportliche Erfolge, Aufstiege, Internationales Geschäft –  all dies scheint nach mancherlei Aussagen offenbar untrennbar mit dem Errichten einer neuen Spielstätte verbunden. Dass die Investition in Steine aber keinesfalls einen Persilschein für sportlichen Aufschwung garantiert, zeigen jüngst die Beispiele Arminia Bielefeld und Alemannia Aachen (liga3-online.de berichtete). Hatte man sich zunächst auf einen langfristigen Bundesligaaufenthalt als Ziel verständigt, müssen nach den Abstiegen in die dritte Liga nun deutlich kleinere Brötchen gebacken werden. Sinkende Zuschauerzahlen und hohe Betriebskosten lassen die modernen Stadien eher zu einem Klotz am Bein der finanziell angeschlagenen Vereine werden.

 

Ein unerwünschtes Einweihungsgeschenk

Dabei standen die Vorzeichen, gerade in Aachen, äußerst günstig. Das Nachfolgerstadion sollte den Mythos des altehrwürdigen Hexenkessels Tivoli aufrecht erhalten. So sind die Tribünen gerade einmal 6 m (bzw. 7,5 m hinter den Toren) vom Spielfeld entfernt, was die sogenannte „englische Atmosphäre“ begünstigen soll. Steile Tribünenränge sowie ein niedrig angelegtes Dach sorgen für nahezu optimale akustische Verhältnisse. Und schließlich – last but not least – blieb sogar der traditionelle Name erhalten, möglich gemacht durch einen Aufschlag auf Eintrittskarten („Tivoligroschen“) sowie eine Fananleihe. Nur allzu logisch, dass die Vorfreude bei Fans und Spielern der Alemannia zur Eröffnung des neuen Tivoli hoch waren. Gerne hätte man im ersten Pflichtspiel sofort mit einer deutlichen Deklassierung des Gegners Ansprüche angemeldet, die neue Heimat zur Festung zu erklären – und damit den direkten Anschluss an die Verabschiedung des alten Tivoli gefunden, als im letzten Pflichtspiel der FC Augsburg mit 4:0 abgeschossen wurde. Einen Kantersieg gab es tatsächlich zu bestaunen, allerdings für die, aus Aachener Sicht gesehen, falsche Mannschaft. Der FC St. Pauli entführte in der ersten Zweitligabegegnung im neuen Tivoli nicht nur die 3 Punkte, sondern hinterließ der Alemannia auch direkt 5 Gegentore als unerwünschtes Einweihungsgeschenk.

 

Wohnst du noch oder lebst du schon?

 Frei nach dem Motto „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ einer berühmten schwedischen Möbelkette lässt sich also feststellen: Der Einzug in das neue Wohnzimmer ist für die Alemannia ein Fortschritt, zuhause fühlt sie sich aber noch nicht. Dem Stadion fehlt es (noch) an Charakter, an Fanerlebnissen, die die Heimstätte zum unverwechselbaren Identifikationsfaktor des Clubs werden lassen. So wurden in den ersten beiden Spielzeiten nach dem Umzug lediglich die durchschnittlichen Platzierungen 13 und 10 eingefahren, mit dem Abstieg auf Platz 17 in der abgelaufenen Saison als negativem Höhepunkt. Auch Pokalsensationen werden nach wie vor eher mit der „Ruine“ Tivoli in Verbindung bleiben. So wurde im DFB-Pokalviertelfinale 03/04 der FC Bayern auf eigenem Platz besiegt. Ein Clou, dessen Wiederholung den Aachenern sieben Jahre später verwehrt blieb.

FOTO: http://www.mayener-alemannen.de/

   

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