Brinkmann im Interview: "Offensive Zielsetzung? Passt zu uns"
Die Hansa-Kogge auf freier Fahrt. Erst auf die Insel und dann als Top-Favorit in die Saison 2026/27? Im Interview mit liga3-online.de spricht Rostocks Coach Daniel Brinkmann über Erinnerungen aus persönlichen England-Trips, die Saison-Prognosen seiner Trainer-Kollegen und den Spielertypen, der Rostock bislang im Kader gefehlt hat.
"Der Zuspruch ist grandios"
liga3-online.de: Es gibt hochkarätige Testspiele und es gibt Testspiele, wo ein deutscher Drittligist mit 6.000 Fans zur Vicarage Road nach Watford reisen wird. Woran machen Sie diesen Hype fest, Herr Brinkmann?
Daniel Brinkmann: Der Zuspruch, den wir hier erfahren, ist grandios und rührt eben daher, dass es solche Spiele mit organisierten Fan-Reisen ins Ausland länger nicht gab. Ich bin gespannt, was es mit den Spielern macht. Gerade die Neuzugänge bekommen, denke ich, sofort ein besseres Bild davon, bei welch emotionalem Klub sie hier unterschrieben haben.
Für den F.C. Hansa Rostock ist der Trip auf die Insel übrigens eine Premiere – auch für Sie persönlich?
Zumindest aus beruflicher Perspektive. Privat hatte ich mir schon mal einige Stadien und Spiele in der Premier League angesehen: Beispielsweise in Manchester oder Liverpool, dazu noch der Alexandra Palace mit der Darts-WM. Es gibt da draußen bestimmt größere Darts-Fanatiker als mich. Sportlich sehe ich das Event als gesunde Abwechslung, das passenderweise auch in eine Zeit im Kalender (Mitte Dezember; d. Red.) fällt, wo du dir als Profi-Coach mal die Zeit nehmen kannst.
Würde Ihr Klub zusammen mit Watford in der zweitklassigen EFL Championship spielen: In welchen Tabellenregionen würden wir die Hansa-Kogge finden?
Dafür kenne ich die EFL Championship im Detail dann doch zu wenig, um hier eine seriöse Einschätzung zu treffen. Rein auf das Testspiel bezogen, dürfte Watford uns zeigen, wo wir gerade wirklich stehen.
Dann machen wir den Schlenker zurück: Hierzulande erklärte die Konkurrenz in unserer Trainer-Umfrage – quasi ausnahmslos – Hansa Rostock zum Top-Favoriten auf den Aufstieg!
Die aus diesen Umfragen abgeleiteten Prognosen sind für mich eher eine Randnotiz. Bin ich über das Ergebnis und die Meinungen der Trainer-Kollegen überrascht? Nein, wobei ich mich selbst ja nicht beteiligt habe. Hier vertrete ich die Meinung, dass es nicht zu 100 Prozent seriös wäre, mich als Trainer über andere Teams und Kräfteverhältnisse zu äußern, bevor ich gegen ein Team selbst gespielt habe.
Bei der eigenen Zielsetzung war Hansa-Aufsichtsratschef Sebastian Eggert ("Will den Aufstieg als Meister") zuvor in die Offensive gegangen. Hatten Sie sich zuvor abgesprochen?
Ja, es gab diese Absprache und Transparenz beim Thema Aufstieg. Es mag dann sehr offensiv formuliert gewesen sein, aber Hansa Rostock ist eben auch ein emotionalerer Verein als viele andere Drittligisten. Daher passen solche Aussagen zu uns.
Lennemann? "Sein Tempo ist eine Waffe für die 3. Liga"
Die Vorbereitung wollten Sie auch dazu nutzen, eine klarere fußballerische Identität zu etablieren. War das Trainingslager dafür ein großer Schritt nach vorne?
Medial wurde das teils wohl etwas vereinfacht dargestellt. Für mich ist Identität weniger eine System-Frage, da du im 4-3-3-System die gleiche Idee verfolgen kannst wie in einem 3-4-3. Und rückblickend waren wir im Zentrum so aufgestellt, dass wir von einzelnen Spielern wie Christian Kinsombi (jetzt Energie Cottbus; d. Red.) und Maximilian Krauß recht abhängig waren – da waren andere Varianten nahezu ausgeschlossen. Die Entwicklung im Trainingslager geht in die richtige Richtung. Zu unseren guten Ballbesitz-Phasen wollen wir lernen, zielstrebiger zu zocken, vielleicht sogar eine Art provokanten Fußball zu spielen.
Von den elf Sommer-Neuzugängen stach Bernie Lennemann in der Vorbereitung heraus. Welche Rolle kann er spielen?
Bernie Lennemann verkörpert einen Spieler-Typ, den wir so noch nicht im Kader hatten. Sein Tempo ist förmlich eine Waffe für die 3. Liga, gerade im Zusammenspiel mit Maximilian Krauß, der eher über tiefere Läufe kommt, oder Leon Dajaku agieren kann.
Recht offen scheint wiederum das Rennen um die Nachfolge von Stammkeeper Benjamin Uphoff. Luca Unbehaun oder Yannic Stein – hat gerade einer der beiden die Nase vorne?
Das kann sein (überlegt). Ich schätze Luca und Yannic als recht moderne Keeper, die einen guten Fuß haben bzw. im Aufbau aktiv sind. Doch die Härtetests, die auch für die Torwart-Frage wichtig sind, kommen jetzt mit Watford oder Borussia Mönchengladbach: Wie mutig sind sie beim Herauslaufen, wenn mal 10.000 Zuschauer im Stadion sind? Wie reagieren sie, wenn sie unter Dauerbeschuss stehen? Darauf werden wir achten, bevor wir eine Entscheidung treffen.
Legen Sie – auch mithilfe der Transfer-Einnahmen durch Ryan Naderi aus der Vorsaison – bis zum Saisonstart noch mal nach?
Wir lassen dem Markt Zeit, sich zu entwickeln. Es kann durchaus sein, dass sowohl auf der Zu- als auch auf der Abgangsseite noch etwas passiert. Aber da reden wir – im Fall der Fälle – von einem oder zwei Spielern.