Bitterer Abschied, gute Perspektive? Wie Preußen Münster zurückkehrt

Für den SC Preußen Münster hat sich das "verflixte zweite Jahr" bewahrheitet: Nach zwei Spielzeiten Zweitklassigkeit geht es, das steht seit diesem Sonntag fest, zurück in die 3. Liga. Es ist der dritte Ligawechsel binnen vier Jahren – nun gilt es auch mit Blick auf die Abstiegs-Vorgänger zunächst darum, ruhige Verhältnisse zu schaffen. Denn die Perspektiven waren schon mal deutlich schlechter.

Ambitionierte Idee mündet in völlig gebrauchtem Jahr

Vieles hatten die Anhänger von Preußen Münster nach dem furiosen Saisonstart unter Ex-Trainer Alexander Ende für möglich gehalten – aber nicht, dass dieser acht Monate später eine Rettungsmission beim Ligarivalen Fortuna Düsseldorf antreibt, während der SCP bereits vorzeitig in die 3. Liga zurückkehrt. Wo im Vorjahr unter schwierigsten Umständen eine sensationelle Aufholjagd gelang, zahlten die Adlerträger im zweiten Jahr viel Lehrgeld: Der ambitionierte Wandel hin zu einem attraktiven Ballbesitzfußball hielt der Nagelprobe im Zweitliga-Alltag mangels individueller Qualität nicht langfristig stand und wurde zum Luftschloss, das im Endspurt vollends zurückgebaut werden musste.

Die mangelnde Cleverness, ausgedrückt in etlichen Roten Karten, naiv verursachten Strafstößen und zuletzt reihenweise verspielten Führungen, zog wie Blei an den Stollenschuhen. Dazu kamen zunächst Abschlussschwächen, dann Verletzungsprobleme und als die Ergebnisse ausbleiben, immer größere Selbstzweifel. Kurzum: Es war eine Spielzeit zum Vergessen, insbesondere für die treuen Fans. Ein Sieg aus den vergangenen 19 Partien, ein Erfolg aus den vergangenen elf Auftritten auf der Baustelle LVM-Preußenstadion.

Ein sich Tribüne für Tribüne veränderndes Provisorium, in der sich die organisierte Fanszene eine ganze Saison lang behelfsweise in einen viel zu kleinen Block auf der nun abrissreifen "Gegengeraden" quetschte, während die neue Hintertortribüne als künftiges Stimmungszentrum in die Höhe wuchs. In der die neu errichtete Westtribüne zur Übergangsheimat für andere Fans wurde, welche statt ihrer gewohnten Stehplatz-Dauerkarte deutlich mehr als das Doppelte für einen (nagelneuen) Sitzplatz bezahlten. Und dafür – es wurde zum leidigen Running Gag – nichts zurückbekamen: 19 seiner 22 Heim-Tore erzielte der SC Preußen vor der Großbaustelle im Osten, nur dreimal in gut 1.500 Minuten jubelte er im Westen vor seiner Anhängerschaft. Was für ein gebrauchtes Jahr.

Stadion wächst, Sponsoren stehen Schlange

Obwohl der aufreibende Abstiegskampf der 2. Bundesliga am SC Preußen Münster vorbeizog wie ein Sturm, obwohl dieser sich ohne echte Gegenwehr vom Mittelfeld aus monatelang durchreichen ließ: Die Blicke gingen schon im Moment des feststehenden Abstiegs ohne großen Groll nach vorn, erkennbar an der Stimmung in den Minuten nach Abpfiff des 1:1-Remis gegen Darmstadt 98. Auch wenn das seit vier Jahren zelebrierte Ritual, gemeinsam mit der Mannschaft klatschend die Gemeinschaft ("Alle zusammen für Preußen Münster!“) zu beschwören, zuletzt auf Eis gelegt wurde, gab es auch Applaus und Aufmunterung. Es ist davon auszugehen, dass die Vorfreude auf die Drittliga-Realität rasch zurückkehren wird – auch wenn, oder besser weil die Voraussetzungen für den SCP kontinuierlich besser werden.

Da wäre allen voran das Stadion. Sehnlichst wird die Öffnung der Osttribüne in diesem Sommer erwartet, die zunächst rund 7.000 Fans der Adlerträger eine neue Heimat geben wird, nach kompletter Fertigstellung sogar noch fast zweitausend Menschen mehr. Die Kapazität von aktuell unter 11.000 wird schrittweise auf fast 15.000 Plätze (2026/27) und im Endausbau auf über 19.100 Plätze steigen – vollüberdacht, was nach vielen Jahrzehnten im baufälligen Preußenstadion ein Quantensprung ist.

Rund zweitausend Business Seats sollen dabei die immer größere Sponsoren-Nachfrage aus dem Münsterland decken, die damit verbundene Warteliste kann jedoch erst mit dem Fertigstellen der letzten Tribüne (geplant Ende 2027) abgearbeitet werden. Und auch die übrigen Plätze sollten begehrt bleiben, hat der SCP doch einen Mitglieder-Boom hinter sich: Zwischen 2024 und 2026 verdreifachte sich diese Zahl auf über 15.000. Dazu kündigte der Klub bereits an, im Sommer keine neuen Dauerkarten auszugeben.

Millionen-Gewinne und professionelles LZ

Schon jetzt wird sich die finanzielle Wettbewerbsfähigkeit erhöhen: Verfügte Preußen Münster 2023 als Aufsteiger aus der Regionalliga noch einen Etat, der im hinteren Mittelfeld der 3. Liga anzusiedeln war, so kann er in der Saison 2026/27 nach ersten Prognosen im oberen Drittel verortet werden. Allein im Sportjahr 2024/25 verzeichnete die ausgegliederte Profiabteilung einen Überschuss von 3,5 Millionen Euro. Kluges Wirtschaften, das nun den Fall aus dem Millionen-Wohlstand der Bundesliga-TV-Gelder abfedert.

Auch auf der Geschäftsstelle, die künftig ins neue Stadion ziehen wird, sowie im "Leistungszentrum Münsterland" hat die Professionalisierung Einzug gehalten. Mit einer U23, die regelmäßig in der Spitzengruppe der fünftklassigen Oberliga Westfalen mitmischt, ist für einen starken Unterbau der 1. Mannschaft gesorgt. Ihre Besten, namentlich Talente wie Niklas Varelmann und Mikail Demirhan, sollen ab Sommer sukzessive in den Profibetrieb integriert werden und in die Fußstapfen von Jano ter Horst und Nicolai Remberg (Hamburger SV) treten, die erfolgreichsten Münsteraner Eigengewächse der vergangenen Jahre.

Ulm & Derbyrivalen als mahnende Beispiele

All dies gibt keine Garantie für Erfolg. Allein der Blick auf die Absteiger vergangener Jahre mahnt zur Demut und zu emsiger Arbeit in der Sommervorbereitung: Der SSV Ulm scheiterte kläglich beim Versuch, die 3. Liga neu anzunehmen, wirkte zunehmend überfordert damit, den sportlichen Apparat jährlich auf eine neue Spielklasse auszurichten. Mit Jahn Regensburg stolperte auch ein deutlich erfahrener Konkurrent lange durch die Saison. Ein Jahr zuvor hätte es den neuen Drittliga-Meister und Derby-Rivalen der Münsteraner, den VfL Osnabrück um ein Haar erwischt, 2024 zitterte Arminia Bielefeld bis kurz vor Schluss. Alle hatten zuvor einen großen Umbruch durchlebt.

Wie immer gilt: Eingespielte Mannschaften haben Startvorteile, und zu diesen wird Preußen Münster höchstwahrscheinlich nicht zählen. Die Besten aus der Abstiegsmannschaft, etwa Torwart Johannes Schenk und Topscorer Oliver Batista Meier, können gewinnbringend verkauft werden. Junge Akteure wie ter Horst und Zidan Sertdemir werden bessere Perspektiven als die 3. Liga aufgezeigt bekommen. Viele andere haben gar keine gültigen Verträge im Abstiegsfall oder auslaufende Arbeitspapiere. Den höchsten Altersdurchschnitt der 2. Liga (27,4) eine Etage tiefer zu senken, sollte ein weiteres Ziel sein. Sportchef Ole Kittner und Sportdirektor Jan Uphues steht viel Arbeit bevor – mit der zentralen Aufgabe, zunächst einen neuen Trainer vorzustellen, der Preußen Münster zurück zu seiner verlorenen Spielphilosophie führt.

   

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