Am längeren Hebel #33: Halets zweiter Geburtstag

Langweilig wird uns nicht so schnell – und das ganze Land schaut einmal mehr auf Liga 3. Eigentlich ist das ja gut und eigentlich nehmen wir das sehr gerne mit. Ja eigentlich freuen wir uns doch darüber. Eigentlich ist keine Werbung, schlechte Werbung. Eigentlich.  Denn dieses Mal verzichteten wir nur zu gerne darauf. 5. Spieltag, Preußen Münster gegen Holstein Kiel. Die Gäste aus Kiel gewinnen mit 0:3, Traumstart. Und doch ist es fast schon grotesk, über das Ergebnis auch nur ein Wort zu verlieren. Ein Mensch rang mit dem Leben. Clément Halet musste acht Minuten vor Schluss zurück ins Leben geholt werden. Herzstillstand.

Ein ganz normaler Zweikampf im Mittelfeld, eigentlich.  Halet und ein Kieler Spieler, Fiete Sykora, prallen zusammen, Minute 83. Eigentlich sollte Halet wieder aufstehen. Das tut er aber nicht. Nach dem Zusammenbruch atmete der Franzose nicht mehr. Seine Mitspieler Dominik Schmidt und Benjamin Siegert reagierten geistesgegenwärtig und riefen Arzt und Sanitäter auf den Platz. Das Ganze  vor den Augen von 8.000 Menschen.  "Im Stadion herrschte mit einem Mal absolute Stille. Wir konnten alle nur hoffen und Clement die Daumen drücken.", so sein Trainer Pavel Dotchev.

In Gedenken an Marc-Vivien Foé und Miklós Fehér

Kaum auszudenken…  Unvergessen die Tragödie um Marc-Vivien Foé während eines Spieles beim  Condfederations-Cup 2003. Todesursache: Plötzliches Herzversagen. Eine Stunde kämpfte man auf dem Platz um das Leben des Kameruners – vergeblich. Miklós Fehér, Januar 2004. Nach einer gelben Karte in einem Ligaspiel beugte sich der Ungar vor –  und fiel um. Todesursache: plötzliches Herzversagen. Die Bilder gingen um die Welt. Seit Gerald Asamoahs Zusammenbruch (er ist heute, wie wir alle wissen, bester Gesundheit) stehen Defibrilatoren in Bundesliga-Stadien.

Ein Wunder

Man sollte nicht zu leichtfertig von Wundern sprechen, aber das scheint eines zu sein: 17. März 2012. FA-Cup. Bolton Wanderers gegen die Tottenham Hotspurs: Fabrice Muamba kollabiert. Sein Herz schlägt 78 (!!!) Minuten lang nicht. Dann geschah ein „medizinisches Wunder“. Muamba lebt. Zufällig war ein Herzspezialist Zuschauer bei jenem Pokalspiel und holte den jungen Mann zurück ins Leben. Ein Meer an lieben und warmen Genesungsbotschaften an den jungen Engländer – und Gott – halfen ich, sagte Muamba selbst in einem berührenden Brief an alle die an ihn und seine Familie dachten. Fußball spielt er nicht mehr, aber wen interessiert das wirklich? Er lacht wieder…

Allez Halet

Das alles hatte ich im Kopf, als ich vom Zusammenbruch Halets hörte. Kaum auszudenken was wäre, wenn … Gott sei Dank aber: Konjunktiv! Halet ist „kerngesund und wird voraussichtlich schon in dieser Woche wieder in das Training zurückkehren", so Preußen-Mannschaftsarzt Cornelius Müller-Rensmann. Jedoch unter besonderer Überwachung. Die Anteilnahme und Betroffenheite war groß, selbst FIFA- Boss Blatter twitterte dem 28-Jährigen eine Genesungsbotschaft. Gestern dann wurde Clement Halet aus dem Krankenhaus entlassen und kann Fußball spielen. Wichtiger aber, er kann sein Leben, wie gehabt, fortführen. Clément Halet wurde am Samstag weltberühmt. Darauf hätte er wohl lieber verzichtet.

Ach ja, Fußball gespielt wurde auch noch, aber das interessiert mich nicht, eigentlich. Ach was, nicht nur eigentlich: „Da gerät der Fußball in den Hintergrund. Das war für uns heute in allen Belangen ein schwarzer Samstag…", sagte auch Dotchev. Schwarz vielleicht wegen des Ausgangs des Spiels, ich weiß das Ergebnis schon gar nicht mehr. Was sind schon drei Punkte im Vergleich zu einem Menschenleben? Ich glaube nicht, dass man aufgrund des glimpflichen Ausgangs der Situation etwas Schwarzes sehen muss. Im Nachhinein ist man klüger. Wir wissen heute, dass es ihm gut geht. Und glimpflich war es eigentlich auch nicht wirklich. Eigentlich. Denn eigentlich ist zumindest das Ende gut. Nicht eigentlich… es ist gut. Gott sei Dank.

„stay tuned“ und eine gesunde Woche

Uli Hebel

Folgt ihm auf Twitter: @ulihebel

 

   
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