Strittige Szenen am 11. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati
Die nicht gegebenen Elfmeter für Saarbrücken (3), Düsseldorf, Viktoria Köln und Großaspach, das 1:0 von Saarbrücken, die Strafstöße für Havelse (2), das 3:1 von Havelse, ein Handspiel von Jaquez, der Platzverweis gegen Antzoulas sowie ein Foulspiel von Koulis. Am 11. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de 13 strittige Szenen genauer angeschaut.
Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga- & FIFA-Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 56-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter seit März 2015 jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf arbeitet Rafati heute als Mentalcoach für Profifußballer und Manager und ist ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, unter anderem bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation. Mehr Infos unter babak-rafati.de.

Szene 1: Im Strafraum kommt Kai Brünker (Saarbrücken) im Duell mit Semi Belkahia (Havelse) zu Fall. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Maximilian Lotz. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf im Strafraum fährt Belkahia den Arm etwas aus und trifft Brünker am Oberkörper, der wiederum zu Fall kommt. Das ist aber bei weitem kein Foulspiel, vielmehr ein normaler Zweikampf, bei dem der Angreifer den Kontakt dankend annimmt und zu Fall geht. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, weiterspielen zu lassen und keinen Elfmeter zu geben.
Szene 2: Auf Vorlage von Florian Pick trifft Alexander Staff zum 1:0 für Saarbrücken. Havelse reklamiert Abseits, der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 0:55]
Babak Rafati: Zum Zeitpunkt des Abspiels steht ein weiterer Verteidiger zentral in der Mitte, und es ist nicht zweifelsfrei auflösbar, ob dieser die Abseitsposition mit einem Körperteil aufhebt oder nicht. Das wäre nur dann möglich, wenn wie in der Bundesliga kalibrierte Linien mittels Videobeweis zum Einsatz kommen würden. Allerdings liegt kurz zuvor ein klares Foulspiel vor, als Nduka den Ball an der Seitenlinie klären will und von Brünker gecheckt und zu Fall gebracht wird, sodass es hierfür einen Freistoß hätte geben müssen. Somit eine Fehlentscheidung, das Foulspiel nicht zu ahnden und den Angriff zuzulassen, aus dem ein Tor fällt.
Szene 3: Bei einem Duell mit Kai Brünker (Saarbrücken) kommt Kwasi Okyere Wriedt (Havelse) zu Fall, Lotz gibt Elfmeter für Havelse. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf ist zwar der Arm von Brünker am Körper von Gegenspieler Wriedt dran, aber ein klares Halten oder Umreißen ist nicht erkennbar, sodass dieser Kontakt vom Angreifer nur dankend angenommen wird und dieser sich fallen lässt. Eine Fehlentscheidung, in dieser Szene auf Elfmeter zu entscheiden und stattdessen nicht weiterspielen zu lassen.
Szene 4: Bei einer Ecke geht Semi Belkahia (Havelse) gegen Daniel Gleiber (Saarbrücken) zu Fall, erneut zeigt der Schiedsrichter auf den Punkt. [TV-Bilder – ab Minute 2:20]
Babak Rafati: Nach der Ecke sieht man sehr gut, wie Belkahia in Position läuft und Gegenspieler Gleiber ihn deutlich am Trikot zieht und verhindert, dass der Angreifer zum Ball geht und schließlich zu Fall kommt. Das Trikotziehen ist so deutlich, dass der Angreifer in der Vorwärtsbewegung gestoppt wird und an Dynamik verliert, sodass eine richtige Entscheidung vorliegt, einen Elfmeter und die gelbe Karte gegen Gleiber zu geben.
Szene 5: Im Anschluss an einen Freistoß geht Alexander Staff (Saarbrücken) im Strafraum gegen Jesse Tugbenyo (Havelse) zu Fall. Das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:55:50]
Babak Rafati: Nach einem Freistoß kommt es zu einem Zweikampf in Tornähe, bei dem Staff zuerst am Ball ist und das Spielgerät spielt. Dabei will der Verteidiger auch zum Ball, verpasst aber das Spielgerät und trifft stattdessen den Fuß von Staff. Das ist, wenn auch unbeabsichtigt von ihm, ein Foulspiel, bei dem es einen Elfmeter hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen und den fälligen Elfmeter nicht zu geben.
Szene 6: Im Strafraum kommt Kaan Caliskaner (Saarbrücken) gegen Donald Nduka (Havelse) zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 1:55:50]
Babak Rafati: Caliskaner erobert den Ball im Zweikampf mit Nduka und wird anschließend kurz an der Hose gehalten, sodass dieser dem Ball nicht hinterherlaufen kann und zu Fall geht. Auch wenn nur ein ansatzloses und kurzes Halten vorliegt, reicht das für ein Foulspiel aus, sodass es einen Elfmeter hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen nicht zu geben und stattdessen weiterspielen zu lassen. Wenn man diese Szene mit Szene 3 vergleicht, dann muss man feststellen, dass keine einheitliche Linie vorliegt.
Szene 7: Eric Voufack trifft zum 3:1 für Havelse. Beim Schuss steht Alexander Guiddir (Havelse) jedoch im Sichtfeld von FCS-Keeper Matteo Bignetti. Saarbrücken reklamiert Abseits, der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 2:03:40]
Babak Rafati: Beim Schuss von Voufack auf das Tor steht Mitspieler Guiddir in der Sichtlinie des Keepers, was bezüglich einer Abseitsposition strafbar wäre, allerdings nur, wenn dieser tatsächlich in Abseitsposition stehen würde. Das ist allerdings nicht der Fall, da Shuaib links vom Tor diese aufhebt. Somit eine richtige Entscheidung, den anschließenden Treffer anzuerkennen.

Szene 8: Bei einer Ecke wird Eric Hottmann (Düsseldorf) von Marco Schuster (Rostock) gehalten. Statt auf Elfmeter entscheidet Schiedsrichter Lars Erbst auf Abstoß. [TV-Bilder – ab Minute 49:00]
Babak Rafati: Nach einer Ecke legt Schuster den linken Arm um die Schulter von Gegenspieler Hottmann und zieht ihm das Trikot über den Kopf, sodass dieser keine Chance mehr hat, an den Ball zu kommen. Das ist einfach zu viel Einsatz und ist nicht mehr ein übliches „Bearbeiten“ und Positionsgerangel, vielmehr ein Foulspiel, sodass es hätte einen Elfmeter geben müssen. Eine Fehlentscheidung, diesen nicht zu geben und weiterspielen zu lassen.

Szene 9: Bei einer Ecke wird Meiko Sponsel (Köln) von Dennis Waidner (Verl) gehalten und geht zu Boden. Kein Elfmeter, sagt Schiedsrichter Niclas Rose. [TV-Bilder – ab Minute 1:40]
Babak Rafati: Nach einer Ecke kommt es zu einem Luftduell, bei dem Waidner seinen Gegenspieler klar am Trikot hält und herunterreißt, sodass Sponsel die Möglichkeit genommen wird, hoch genug zu springen, den Ball wie gewünscht herunter zu drücken und gefährlich auf das Tor zu köpfen. Er gelangt durch das Halten unter den Ball, und damit kommt kein Druck auf das Spielgerät, sodass die Gefahr mit einem Foulspiel gestoppt wird. Eine Fehlentscheidung, keinen Elfmeter für dieses Vergehen zu geben und stattdessen weiterspielen zu lassen. Eine gelbe Karte wäre zudem fällig. Eine rote Karte nicht, weil keine Ballkontrolle im Sinne der Regel vorliegt.

Szene 10: Luca Jaquez (Stuttgart II) bekommt den Ball als letzter Mann an den Arm, Schiedsrichter Sebastian Hilsberg pfeift nicht. [TV-Bilder – ab Minute 38:50]
Babak Rafati: Nach einem langen Ball verspekuliert sich Jaquez und positioniert sich falsch zum Ball, sodass er im letzten Moment erkennt, nicht an den Ball zu kommen. Dabei nimmt er aktiv den linken Arm hoch, um den Ball aufzuhalten, was ihm auch gelingt. Das ist ein absichtliches Handspiel, sodass es einen Freistoß hätte geben müssen. Zudem wäre der angreifende Gegenspieler zu einer sehr guten Torchance gekommen und ein weiterer Abwehrspieler hätte folglich nicht mehr entscheidend eingreifen können. Somit liegt eine Verhinderung einer klaren Torchance vor, sodass es zudem eine rote Karte gegen Jaquez hätte geben müssen. Eine Fehlentscheidung, dieses strafbare Handspiel nicht zu ahnden und stattdessen weiterspielen zu lassen.

Szene 11: Justin Janitzek (Wiesbaden) bekommt den Ball im Strafraum nach einem Schuss von Fabian Eisele (Großaspach) an den Arm. Schiedsrichter Max Kluge lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 55:10]
Babak Rafati: Nach einem Schuss von Eisele bekommt Gegenspieler Janitzek den Ball im eigenen Strafraum an den Arm und blockt das Spielgerät. Dabei ist der Arm vom Körper abgespreizt und somit nicht in natürlicher Haltung. Die Körperfläche wird mit dem Einsatz des Armes vergrößert, sodass das Handspiel strafbar wird. Man könnte auch argumentieren, wohin der Verteidiger den Arm hinnehmen soll. Allerdings hat der Arm dort nichts zu suchen. Es ist mittlerweile üblich geworden, dass die Spieler den Arm unnatürlich mitschwingen und damit in Kauf nehmen, den Ball mit dem Arm zu blocken. Das ist aber strafbar. Somit hätte es einen Elfmeter geben müssen. Eine Fehlentscheidung, dieses Handspiel nicht zu ahnden und stattdessen weiterspielen zu lassen.
Dem Schiedsrichter entgeht die Szene womöglich deshalb, weil ihm die Sicht ein wenig verdeckt ist. Das sieht man gut daran, dass er sich zum Zeitpunkt des Handspiels mit dem Oberkörper ein wenig nach rechts verlagert, um quasi um die Ecke zu gucken, weil der optimale Blickwinkel zum Ball durch das Positionsspiel des Schiedsrichters nicht vorhanden ist. Wäre er vorausschauend zuvor ein wenig nach rechts ausgewichen, hätte er in der Schussbahn des Balles gestanden und höchstwahrscheinlich die Armhaltung und das strafbare Handspiel von Janitzek erkannt und entsprechend geahndet.

Szene 12: Lex Tyger Lobinger (Duisburg) läuft auf das Tor zu und kommt dabei im Duell mit Georgios Antzoulas (Ingolstadt) zu Fall. Schiedsrichter Lukas Benen wertet die Aktion als Notbremse und zeigt Antzoulas glatt Rot. [TV-Bilder – ab Minute 1:35]
Babak Rafati: Lobinger wird angespielt und läuft allein auf das Tor. Dabei kommt Antzoulas im Laufduell von der Seite angelaufen und schafft es nicht mehr den Angreifer regelgerecht zu stoppen. Auch wenn er noch versucht, zurückzuziehen, weil er bemerkt, nicht mehr an den Ball zu kommen, kommt es zu einem Kontakt im Oberschenkel-/Hüftbereich mit dem Angreifer, sodass dieser aus der Balance kommt und zu Fall geht. Auch wenn der Kontakt nur minimal ist, reicht dieser vollkommen aus, um den Angreifer entscheidend zu stoppen, da dieser im vollen Lauf ist und viel Dynamik in der Vorwärtsbewegung hat. Somit liegt eine richtige Entscheidung vor, auf Foulspiel und auf Notbremse zu entscheiden, da kein weiterer Verteidiger hätte entscheidend eingreifen können und somit eine klare Torchance vereitelt wird.

Szene 13: An der Strafraumkante geht Timo Bornemann (Fortuna Köln) im Duell mit Niko Koulis (Münster) zu Fall, das Spiel läuft weiter. [TV-Bilder – ab Minute 50:30]
Babak Rafati: Bei diesem Zweikampf hält Koulis seinen Gegenspieler Bornemann klar und deutlich am Trikot fest und reißt ihn zu Boden. Das Trikot wird hierbei fast sogar ausgezogen, sodass ein klares Foulspiel vorliegt. Es hätte einen Freistoß sowie die gelbe Karte gegen Koulis geben müssen, denn er unterbindet eine gute Angriffsmöglichkeit des Gegenspielers. Somit eine Fehlentscheidung, dieses Vergehen aus bester Position nicht zu ahnden.
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