Die Gründe für Alemannias ersten Systemabsturz seit Monaten
Was war das denn, Alemannia Aachen? Das 0:3 gegen den SV Meppen überraschte die ganze Liga, am meisten aber den TSV selbst. Vor allem die dünne Personaldecke offenbarte mögliche Baustellen der laufenden Saison, aber auch die Abhängigkeit von den verbliebenen Topstars.
Heftige Bauchlandung gegen den Aufsteiger
3:1, 1:0, 4:1, 3:0, 3:1, 3:1, 1:1, 6:1, 4:1 – die Bilanz der vergangenen neun Liga-Heimspiele von Alemannia Aachen lies sich beeindruckend. Doch die Phalanx des uneinnehmbaren Tivoli ist seit vergangenem Samstag vorüber, und das nicht knapp oder unverdient, sondern in Form eines mittelschweren Denkzettels. Wie eine Sturmfront zog Aufsteiger SV Meppen unverhofft über den defensiv überforderten TSV hinweg, führte schon zur Pause völlig überraschend mit 3:0 und machte auch danach keine Anstalten, an Souveränität einzubüßen.
Für die Emsländer war es ein Feiertag, für die Elf von Mersad Selimbegovic eine heftige Bauchlandung nach einem bis dato überragenden Kalenderjahr. Eine, die sich nicht angedeutet hatte, aber die nun eifrig diskutiert wird. Dass irgendwann nach der 1:2-Niederlage bei Waldhof Mannheim, die sich am 1. März ereignete, sich aber Jahre entfernt anfühlte, irgendwann mal wieder ein Pflichtspiel verloren ginge, hatte Aachen einkalkuliert. Die Art und Weise aber stimmte nicht. Nicht bei den früheren Gegentoren, wo in der Defensive weder Laufwege noch Zuordnung noch Zweikampfverhalten passten, und auch nicht bei der Reaktion, die ihren Namen an diesem Samstag nicht verdiente.
Dass Trainer Selimbegovic diesen "Stromausfall", wie er ihn nannte, anschließend auf zehn oder sogar nur die zwei Minuten der Gegentreffer zum 0:1 (9.) und 0:2 (11.) reduzieren wollte, wurde der Leistung nicht gerecht. Aachens über Monate hinweg aufgetürmtes Selbstvertrauen im Ballbesitzspiel war plötzlich weg, und das Überraschende daran war, dass Meppen dies mit wenigen gelungenen Aktionen erreicht hatte.
Zu viele Störfaktoren hemmen die Alemannia
Zugutehalten lässt sich Alemannia Aachen, dass es just in der vergangenen Woche etliche Störfaktoren zu verarbeiten gab. Talent Faton Ademi – Stammspieler an den ersten beiden Spieltagen – saß auch aufgrund des nun fixierten Wechsels zu Greuther Fürth für angeblich rund eine Million Euro nur auf der Bank. Abwehrchef Mika Hanraths fehlte aufgrund von Wadenproblemen. Sein Nebenmann und Shootingstar Joel da Silva Kiala spielte zwar, wirkte aber so gar nicht auf der Höhe:
Erst wenige Tage zuvor war bekanntgeworden, dass der Verteidiger mit mehr als zwei Promille am Steuer erwischt worden ist und dabei sogar einen leichteren Unfall fabriziert hatte. Dauernd im Fokus steht Torjäger Mika Schroers, der für seinen Umgang mit dem stockenden Wechsel in einer höhere Liga bereits mahnende Worte von Sport-Geschäftsführer Rachid Azzouzi einstecken musste – seine Topform erreicht der 24-Jährige derzeit nicht, von dieser ist Aachen jedoch abhängig. Im offensiven Mittelfeld musste dazu Mehdi Loune eine überflüssige Ampelkarte aus dem Köln-Spiel (1:1) absitzen.
Auch wenn die Alemannia im Sommer darum bemüht war, die qualitative Tiefe im Kader zu erhöhen: Mit einer schmalen Größe von nur 25 Spielern sind mehrere Ausfälle oder Einschränkungen dieser Art nicht zu verarbeiten. So konnte Selimbegovic trotz einer Halbzeit zum Vergessen nur einen Einwechselspieler zum Seitenwechsel bringen, den 23-jährigen Louis Köster.
Es besteht Nachholbedarf
Dass Talente wie der kürzlich zuvor verpflichtete Justin von der Hitz (19), Georg Ermolaev (20) oder Ken Izekor (19) in der Jokerrolle nicht mehr die Impulse brachten, ein 0:3 tief im zweiten Durchgang aufzuholen, überraschte keinen. Ohne Einsatzzeit blieben neben Ademi lediglich Eigengewächs Mika Pobric und der aussortierte Valmir Sulejmani. Auch mit dem nun fest verpflichteten Rückkehrer Jonas Oehmichen (für 500.000 Euro von Dynamo Dresden), der Ademis Abgang auffängt, ändert sich quantitativ an dieser Gemengelage nichts. Sportlich passt der 22-Jährige wiederum perfekt, auch weil er keine Eingewöhnungszeit benötigt.
Aber auch an den Akteuren, die spielten, zeigte sich der Nachholbedarf: Statt Loune und seinem kongenialen, nach Hannover zurückgekehrten Partner Lars Gindorf assistierten Schroers gegen Meppen die ebenfalls jungen Daniel Starodid und Nathan Bitumazala. Beiden war in dieser Partie anzumerken, dass ihnen Erfahrung auf Drittliga-Niveau fehlt – Starodid zeigte beim 4:1 gegen Verl in einem komplett anderen Spielverlauf allerdings bereits vielversprechende Ansätze.
Fans unzufrieden – Geduld ist gefragt
Für die Fans vom Tivoli könnte es nun heißen, Abschied zu nehmen – Abschied von einer Phase, in der alles zu Gold wurde, was das Alemannia-Team anfasste. Die letzte Heimniederlage datierte aus dem Januar, ein 0:3 gegen den späteren Meister aus Osnabrück. Das Endergebnis aus dem Verl-Spiel mochte eine nahtlos Fortführung der Mega-Rückserie 2025/26 andeuten, kaschierte aber auch einige Probleme. Das 1:1 in Köln war aufgrund der Unterzahl kaum zu bewerten. Erst jetzt weiß die Alemannia um ihre sportlichen Baustellen. Auch die Reaktion des Publikums fiel übrigens eindeutig aus: Zur Pause setzte es nach der schwachen Vorstellung vernehmbare Pfiffe, was unterstreicht, dass die Ansprüche des einstigen Europapokal-Teilnehmers gewachsen sind. Dabei scheint genau jetzt Geduld gefragt.
Doch wird die klare und unerwartete Niederlage auch auf mentaler Ebene zum Wirkungstreffer? Spieler und Trainer äußern sich trotzig. "Wir müssen jetzt nicht alles abreißen, dafür waren die letzten Monate zu gut", bilanzierte Kapitän Danilo Wiebe in der "Aachener Zeitung": "Wir kommen wieder." "Ich weiß, dass diese Mannschaft in der Lage ist, nächste Woche wieder zu performen“, sagte Selimbegovic. Dies ist auch nötig: Mit Schlusslicht Verl sowie den Liganeulingen Köln und Meppen hat der TSV ein eigentlich leichtes Auftaktprogramm gerade erst hinter sich. Am Freitagabend wartet mit dem Gastspiel beim noch unbesiegten und in diesem Jahr defensiv verstärkten FC Ingolstadt ein anderes Kaliber.