Shala im Interview: "Der Verein kennt sich mit Umbrüchen aus"

Wieder ein Umbruch. Und wieder ein neuer Coach: Nach dem Rekordjahr in der 3. Liga mit Platz sechs, 64 Punkten und dem anschließenden Wechsel von Erfolgstrainer Tobias Strobl zu Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg steht nun Orest Shala an der Seitenlinie des Sportclub Verl. Im Interview mit liga3-online spricht der 34-Jährige kurz vor dem Saisonauftakt bei Alemannia Aachen am Sonntagabend über seine vorherige Station in Portugal, die Rückkehr nach Deutschland, die herausfordernde Nachfolge von Tobias Strobl und ein sattes Auftaktprogramm.

Portugal? "So sehr vermissen wir es nicht"

liga3-online.de: Ein Monat SC Verl: Wie haben Sie sich in der beschaulichen Stadt in Ostwestfalen eingelebt, Herr Shala?

Orest Shala: Sehr gut. Die Leute hier machen es mir aber auch sehr einfach. Der Sportclub Verl ist ein familiärer Verein, der tolle Werte vermittelt, die sich mit meinen decken. Im Vergleich zu meiner vorherigen Station in Portugal ist mir der Einstieg leichter gefallen. In Portugal waren nun einmal viele Dinge neu – neben dem anders interpretierten Fußball auch die Sprache.

Zuvor trainierten Sie den portugiesischen Drittligisten CD Mafra. Vermissen Sie bereits die portugiesische Sonne und dazugehörige Beach-Vibes?

Es war schon sehr schön dort. Nicht nur ich habe mich in Portugal wohl gefühlt, sondern auch meine gesamte Familie. Aber: So sehr vermissen wir es nicht. Im Gegenteil: Wir sind froh, zurück in Deutschland zu sein. Meer, Sonne und Strand können wir auch noch genießen, wenn wir etwas älter und in unserem Lebensherbst sind. (lacht) Ich bin ein junger, ambitionierter Trainer – und wollte die Chance, im deutschen Profifußball zu arbeiten, definitiv nutzen. Das Jahr in Portugal war ein schönes Kapitel, aber jetzt gilt der volle Fokus auf dem SC Verl.

Wir haben zuletzt einige internationale 3. Ligen beleuchtet, darunter auch die portugiesische. Wie würden Sie den Fußball und die 3. Liga Portugals beschreiben?

Aus meiner Sicht wird die Qualität der Liga extrem unterschätzt. Der "Kicker" schrieb zuletzt, ich würde als unterklassiger Trainer nach Deutschland kommen. Das finde ich etwas hart formuliert und auch unfair der Qualität der portugiesischen 3. Liga gegenüber. Wir sprechen immerhin von der 3. Liga eines Landes mit der aktuell erfolgreicheren Nationalmannschaft. Und das hat Gründe. Die professionelle Ligenstruktur in Portugal ist nur einer davon. Viele talentierte Spieler werden früh stark gefördert, Nachwuchsteams und zweite Mannschaften von Klubs wie Benfica und Sporting Lissabon oder dem FC Porto haben regelmäßig großartige Talente in ihren Kadern, die ihren Weg im Profifußball gehen. Insgesamt funktioniert der Fußball anders in Portugal, mit einem anderen Konzept. Es wird eher gespielt, um nicht zu verlieren. Der Fußball ist pragmatischer und noch mehr auf Ergebnisse ausgelegt. Für mich war dieses Jahr ein großer Schritt raus aus meiner Komfortzone, taktisch sehr anspruchsvoll und insgesamt wahnsinnig lehrreich.

Jetzt also Verl. Mit den Ostwestfalen hatten Sie zuletzt einige hochkarätige Tests – gegen den Bundesliga-Absteiger VfL Wolfsburg (0:3) und bei Champions League-Teilnehmer RB Leipzig (0:4). Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Gegen Wolfsburg haben wir grundsätzlich schon den Fußball gezeigt, für den wir als SC Verl stehen wollen. Mit viel Ballbesitz, hohem aggressiven Pressing und einer gewissen Dominanz. Noch nicht gut war das, was rund um den gegnerischen Strafraum passiert ist. Wir haben uns kaum Chancen erarbeitet. Wenn du nicht gefährlich wirst, hilft dir auch Kontrolle nicht viel. Gegen Leipzig hat das schon besser geklappt, aber wir haben zu wenig aus unseren Möglichkeiten gemacht. Dennoch war es definitiv ein Schritt nach vorne. Unsere DNA ist bereits sichtbar und wir fühlen uns gut vorbereitet auf den Saisonauftakt in der 3. Liga.

 

"Großen Respekt vor dem, was letzte Saison geleistet wurde"

Gegen den VfL Wolfsburg kam es zum Aufeinandertreffen mit Tobias Strobl, der mit Verl in der letzten Saison lange um den Aufstieg mitspielte. Gegen Leipzig stand mit dem neuen Coach Martin Demichelis ein viermaliger Deutscher Meister an der Seitenlinie. Wie haben Sie diese Duelle erlebt – und gab es speziell mit Strobl einen intensiveren Austausch?

Für Tobias Strobl war es sicher ein emotionaleres Spiel als für mich. Für mich war es eher ein Test gegen einen Bundesliga-Absteiger, auf den ich sehr hingefiebert habe. Wir hatten aber vorher schon etwas Kontakt und haben uns zu seiner Zeit in Verl ausgetauscht. Zu Martin Demichelis kann ich nur sagen: Er ist ein Weltmann mit einer gewissen Aura. Man sieht schon nach wenigen Wochen, was er als Coach und Typ einbringt – und welche enorme Siegermentalität und Intensität im Zweikampfverhalten er seiner Mannschaft vermittelt. Nach dem Abpfiff haben wir kurz gesprochen. Ein Highlight war das Match aber vor allem für unsere Spieler.

Viele Ihrer Vorgänger in Verl starteten in Verl durch und wechselten anschließend in höhere Ligen. Was sind Ihre Ziele als Trainer?

Ich freue mich erst einmal wirklich sehr, hier zu sein und wieder in Deutschland zu arbeiten. Dass ich das dann auch noch für einen Verein tun darf, der meine Werte widerspiegelt – sowohl auf als auch neben dem Platz – macht es zu einem Perfect Match. Es passt zu 100 Prozent. Und klar: Dass Verl für Spieler und Trainer schon lange eine Top-Adresse ist, um im Profifußball Fuß zu fassen und sich weiterzuentwickeln, ist auch mir nicht verborgen geblieben.

Einfach ist die Aufgabe nach dem größeren Umbruch mit vielen Ab- und Zugängen sicher nicht. Was können wir vom SC Verl – nach der Rekordsaison – erwarten?

Ich habe großen Respekt vor dem, was letzte Saison geleistet wurde. Nach dem großen Umbruch habe ich mal nachgezählt – 91 Scorerpunkte von der zuletzt stärksten Offensive der 3. Liga sind sozusagen nicht mehr im Kader. Das musst du erst einmal auffangen. Wir sind davon überzeugt, dass wir wieder einen schlagkräftigen Kader haben, aber es ist ein Prozess. Es geht wieder darum, mit Ruhe und Geduld etwas gemeinsam aufzubauen. Der Verein kennt sich mit Umbrüchen aus und weiß, dass Zeit und Arbeit erforderlich ist. Das soll aber kein Alibi für die ersten Saisonwochen sein. Wir wollen trotzdem so schnell wie möglich in die Erfolgsspur finden und werden jeden Tag gemeinsam dafür arbeiten.

Die ersten Partien in der neuen Saison haben es in sich: Auf Alemannia Aachen und den MSV Duisburg zum Ligastart in der 3. Liga folgt Bundesligist Hamburger SV im DFB-Pokal. Wie gehen Sie die ersten Saisonwochen an – werden wir den gewohnt spielfreudigen und offensiv ausgerichteten SC Verl erleben?

Absolut, das ist unsere Basis und Identität. Mit dieser Spielweise erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit, Spiele für uns zu entscheiden. Wir werden diesen Weg unbeirrt weitergehen und nicht taktieren – ganz egal, wie der Gegner auch heißt. Die Vorfreude auf den Saisonauftakt ist riesig. Ob in Aachen, gegen Duisburg oder gegen den HSV: Überall wird die Hütte voll sein. Was will man mehr?

   

Das könnte Sie auch interessieren

Auch interessant

Back to top button