Déjà-vu droht: Energie Cottbus kämpft gegen alte Muster
Eine berauschende Hinrunde, eine träge und mit zunehmender Dauer immer erfolglosere Rückrunde: Diesen Saisonverlauf kennt Energie Cottbus aus dem Vorjahr nur zu gut, allerdings kommt der tabellarische Absturz im Jahr 2026 früher. Ob Energie Cottbus die Zeit für einen Turnaround nutzen kann? Eine Analyse.
Zu wenig für ganz oben
Es ist ziemlich genau ein halbes Jahr her, als Energie Cottbus mit einem rauschenden 5:0-Heimsieg über den VfB Stuttgart II auf den Relegationsplatz zur 2. Bundesliga stürmte. Aus einem passablen Saisonstart wurden seit jener Woche mehr und mehr die Leistungen eines echten Spitzenteams – und so nisteten sich die Brandenburger in den Top 3 der 3. Liga ein. Zumindest bis zum vergangenen Wochenende: Das 1:1 gegen den SSV Ulm, das die engagierte Leistung des fast feststehenden Absteigers gegen den eher ideenlosen Aufstiegsanwärter im Ergebnis treffend widerspiegelte, bedeutete das dritte sieglose Spiel in Folge. Dazu den Absturz auf Platz 5. Und die bittere vorläufige Erkenntnis, dass auch im zweiten Endspurt um den Aufstieg keine Schwächephasen erlaubt sein werden.
Zwei Punkte aus drei Partien. Nur zwei Siege seit dem 23. Spieltag. Was Energie Cottbus dieser Wochen abliefert, ist angesichts weniger Niederlagen noch weit entfernt von einer Horror-Bilanz. Und doch ist es eines: zu wenig. Elf Zähler büßten die Ostdeutschen in den vergangenen acht Partien auf Spitzenreiter VfL Osnabrück (22 von 24 möglichen Punkten) ein. Fünf waren es auf Rot-Weiss Essen, vier auf Hansa Rostock, drei auf den MSV Duisburg, zwei auf den SC Verl. Hansa, RWE und Verl sind auch kurzfristig allesamt in Bestform, wo Energie strauchelt. Und längst werden unschöne Erinnerungen an die Saison 2024/25 wach: Dort verlor Energie den Relegationsplatz zwar faktisch erst am 38. Spieltag durch eine 1:4-Heimniederlage gegen Ingolstadt, doch die Schwächeperiode hatte auch im Vorjahr just zu dieser Jahreszeit eingesetzt.
Stabilität statt Torspektakel
Allemal auffällig ist, wie sehr sich der Lausitzer Fußball seit dem Jahreswechsel gewandelt hat. Zum Herbstmeister krönte sich die Elf von Trainer Claus-Dieter Wollitz primär mit einem kreativen Feuerwerk, das defensive Schwächen übermalte. 42:33 Treffer standen nach der Hinrunde zu Buche – eine Top-Offensive traf auf die Gegentorquote eines Abstiegskandidaten, und der neutrale Fan freute sich über fast vier Tore pro Partie mit Cottbuser Beteiligung. Im Jahr 2026 fielen in elf Begegnungen noch 24 Treffer (13:11), also etwa zwei pro 90 Minuten. Auch dies ähnelt der Vorsaison beängstigend: 42 Tore erzielte Energie in der Hinserie, nur noch 22 nach der Winterpause. Lange gelang es damals zumindest, defensiv stabil zu bleiben, doch auch diese Qualität löste sich im Frühjahr 2025 nach dem 30. Spieltag in Luft auf. Möge dies kein böses Omen sein…
Zurück in der Gegenwart: Kurioserweise verliert die Wollitz-Elf seltener – das 1:4 in Aachen bedeutete am 29. Spieltag die erste Nullrunde der zweiten Saisonhälfte. Doch die nach oben geschnellte Remis-Quote, auf drei in der gesamten Hinrunde folgten bereits sechs Punkteteilungen im neuen Jahr, ruiniert den Punkteschnitt gnadenlos. In Zahlen ausgedrückt: 1,9 Zähler in der Hinrunde waren aufstiegsreif, etwas mehr als 1,6 in der Rückserie sind es nicht mehr.
Flaute bei den Unterschiedsspielern hemmt das Team
Doch ob die Rückkehr zum unbeschwerten Offensivfußball just im Saisonfinale noch gelingen kann? Schließlich sind es gerade Stürmer Erik Engelhardt sowie noch mehr Zehner Tolcay Cigerci, die in einer schwierigen Phase angekommen sind. Speziell das Formtief von Cigerci, von dessen Fähigkeiten Energie abhängig ist wie kaum ein anderer Drittligist bei einem einzelnen Spieler, schmerzt: Der 31-Jährige hebt mit seiner Genialität in Bestform auch diverse Spieler um ihn herum auf eine andere Ebene, kann aber diese besonderen Momente derzeit nicht regelmäßig abrufen. Engelhardt schaffte mit dem 1:1-Treffer gegen Ulm immerhin die persönliche Befreiung nach sieben torlosen Spielen. Es war bezeichnend, dass in jener 77. Minute sein versuchter Kopfball mangels Timing eher unfreiwillig an der Schulter landete, sich von dort aber perfekt ins Tor senkte.
Trainer Wollitz dürfte einige mentale Kniffe kennen, die es in solchen Saisonphasen benötigt. So griff er schon kurz nach dem Rückschlag gegen Ulm, der den Spielern im Moment des Schlusspfiffs ebenso anzumerken war wie den gut 12.000 Fans, in die rhetorische Trickkiste. "Jetzt wird es Spaß machen", sagte er mit Blick auf das Saisonfinale, auf das die Cottbuser derzeit weniger gut vorbereitet scheinen als diverse Kontrahenten. Dass der 60-Jährige noch auf Lösungssuche ist, gab er indirekt jedoch auch zu. Ihm sei "nicht erklärbar", wie nach einem "unfassbaren Spiel in Stuttgart" (der FCE siegte mit 2:1) drei schwache Leistungen folgen konnten. "Nach dem Stuttgart-Spiel war schon eine Euphorie da. Ich weiß nicht, ob danach die Spannung verloren gegangen ist, weil es einfach zu gut war." Er traue seinem Team aber nach wie vor zu, "da wieder hinzukommen". Womöglich taugt das Landespokal-Spiel gegen Sechstligist BSC Preußen am Wochenende (Samstag, 15 Uhr) als Brustlöser. Dies aber auch nur, wenn der erhoffte ungefährdete Sieg gelingt.
Wollitz verordnet Optimismus – und sucht Lösungen
In jedem Fall geht Energie nach langer Zeit mal wieder als Jäger in die nächsten Wochen. Möglicherweise ändert sich das schon nach der Länderspielphase – das Gastspiel in Havelse ist ein Pflicht-Dreier vor dem knackigen Endspurt. 1860 München, Osnabrück, Essen, Duisburg, Wiesbaden! Fünf der sieben Duelle bestreiten die Rot-Weißen gegen Teams, die sich mindestens noch kleine Hoffnungen auf die 2. Bundesliga machen dürfen. Drei dieser Partien gingen in der Hinserie übrigens verloren. Eine Quote, die sich verbessern muss. Sonst wird Energie Cottbus als Analogie zur Vorsaison trotz einer über weite Strecken brillanten Spielzeit für das nächste Drittliga-Jahr planen müssen.