SVWW: So wächst ein ernsthafter Zweitliga-Anwärter

Ein Sextett an der Tabellenspitze der 3. Liga ist nicht spannend genug? Na bitte, fügen wir noch einen siebten Verein hinzu! Denn der SV Wehen Wiesbaden hat sich spätestens am vergangenen Wochenende zum Aufstiegsanwärter gemausert. Unsere Analyse erläutert die Gründe – und welchen großen Vorteil der SVWW besitzt.

Es geht auch ohne personelle Gamechanger

Tage, an denen wirklich alles passt, gibt es auch im Profifußball selten. Das 6:1 des SV Wehen Wiesbaden über den MSV Duisburg durfte ohne jede Diskussion dieser Kategorie zugefügt werden:  Eine frühe Führung, ein höchst dominanter Auftritt, das Gegentor direkt gekontert, besonders nach dem Seitenwechsel extrem effizient und fast durchgehend auch körperlich überlegen. Die Punkte 39 bis 41 haben die Hessen als neuen Tabellensechsten mitten in den Aufstiegskampf gespült – und das nicht mehr auf leisen Sohlen, sondern mit einer orchestralen Machtdemonstration.  Die Aufstiegshoffnung wächst derzeit Woche für Woche dank einer Mannschaft, die diszipliniert arbeitet und mit ihrem wiedererstarkten Torjäger das besondere Element zurück in ihren Reihen weiß.

"Man sieht, was möglich ist, wenn wir zusammenhalten", sagte Fatih Kaya nach seinem spektakulären Viererpack. Der 26-Jährige, seines Zeichens Torschützenkönig der Vorsaison, schoss sich gegen völlig überforderte Duisburger ganz nebenbei jede Menge Frust über eine persönlich schwache Saison vom Herzen: Nur ein Viertel seiner 20 Treffer von 2024/25 standen bis Samstagmittag auf dem Konto, dazu kamen so einige Partien, in denen Kaya der Torriecher abhandengekommen war. Nun war er wieder der Vollstrecker aus besten Tagen, gefüttert von den Flügeln, aus dem Mittelfeldzentrum, von seinem Sturmpartner – in der Entstehung ist der SVWW schwer ausrechenbar, bei der Vollendung mit einem Fatih Kaya in Topform kaum zu stoppen.

SVWW macht die Liga schläfrig – und attackiert dann

Und doch ist der Erfolg der Rot-Schwarzen – anders als etwa der von Teams wie Verl und Cottbus – weniger von Individualisten begünstigt. Den kreativen Gamechanger hat und benötigt Wiesbaden für sein Spiel nicht, da sich die Spielidee nicht über den höchsten Ballbesitz, die meisten Pässe und Dauer-Dominanz definiert. Bezeichnenderweise ist eine der wenigen Statistiken, in denen der SV Wehen Wiesbaden in der 3. Liga weit vorne zu finden ist, neben der geringen Anzahl an Gegentoren (26 – nur Osnabrück hat weniger) die Foul-Bilanz.

Ansonsten regiert auf dem Papier eher Mittelmaß, umgemünzt in Leistungen, die fast maximalen Ertrag garantieren. Beim 2:1-Heimsieg gegen den SC Verl entnervte der SVWW den Sportclub mit Effektivität, beim 1:1 in Essen entführte er glücklich einen Punkt. Konstante Profis sind das A und O, sei es ein Niklas May als Antreiber auf dem Flügel mit bereits sieben Torvorlagen, ein sicherer Ballverteiler wie Tarik Gözüsirin im Zentrum oder ein kompletter, robuster Stürmer wie Moritz Flotho.

Sein vielleicht größter Vorteil ist, dass über den Klub kaum gesprochen wird. Der Weg von geringer Beachtung zum Unterschätzen ist schließlich nicht fern. Und Hand aus Herz, wer von den Lesern dieses Artikels erinnert sich noch daran, dass der SV Wehen Wiesbaden erst vor zwei Jahren Bestandteil der 2. Bundesliga war? Gefühlt reichte 2024/25 eine dieser in allen Belangen maximal durchschnittlichen Spielzeiten, die der SVWW in der 3. Liga seit 2009 so oft präsentiert hat, um ihn mit dem Status "Waren eigentlich nie weg" abzustempeln, ehe plötzlich ein grandioses Aufstiegsjahr folgte.

Und genau so mäßig waren die Vorsaison sowie die erste Hälfte des laufenden Jahres ja auch: Eine stets unspektakulär-ausgeglichene Bilanz, zwischendurch gab es mal Aufruhr durch den Trainerwechsel von Nils Döring hin zu Daniel Scherning, aber auch da ebbten die Schlagzeilen schnell wieder ab. Bei zwei- bis dreitausend Fans als treuem Stammpublikum richtet sich der überregionale Fokus eben schnell auf andere Orte als die Brita-Arena.

Scherning beweist das richtige Händchen

Wie immer zu gut für den Abstieg, aber fernab von zweitliga-fähig – das Saisonfazit schien im Dezember schon geschrieben. Und als Trainer Scherning bei seinem Antritt sich zumindest entlocken ließ, dass er selbst als auch der Verein wieder in die 2. Liga wollen würden, da lächelte mancher müde: Der SVWW war Tabellen-13., hatte just gegen Viktoria Köln zuhause eine schmerzhafte Niederlage einstecken müssen. Das war am 14. Spieltag. Jetzt, exakt zehn Punktspiele später, führt Wehen Wiesbaden die Formtabelle genau dieses Zeitraums mit 22 Punkten noch vor Verl, Rostock und Cottbus an.

Die "Scherning-Tabelle", wenn man so mag, drückt also in weiteren Zahlen aus, was nach dem Kantersieg über Duisburg unverkennbar war: Wie Phönix aus der Asche ist am Main in diesem Winter ein weiteres Spitzenteam geboren worden. Auch, weil Daniel Scherning schnell auf eine Dreierkette umstellte, weil er dem fast 35-jährigen Florian Hübner plötzlich das Vertrauen als Abwehrchef schenkte, an dessen Seite der junge Justin Janitzek längst Zweitliga-Potenzial entfalten kann.

Auch seine weiteren Entscheidungen treffen ins Schwarze: Klubikone Sascha Mockenhaupt wirbelt mit 34 Jahren und langjähriger Innenverteidiger plötzlich auf der rechten Schiene, das Tempo dazu hat er immer noch. Im Tor zieht er den 20-jährigen Noah Brdar nach der Verletzung von Florian Stritzel sogar dem deutlich erfahreneren Kevin Broll vor – und Brdar macht seinen Job tadellos.

Reicht es für den großen Wurf?

In der Summe sieht das schwer nach einem Spitzenteam aus. Ob’s für einen großen Wurf reicht? In diesem Jahr ist nichts seriös zu prognostizieren. Klar ist: Der SV Wehen Wiesbaden hat mehrfach bewiesen, Gegner niederringen zu können, die im Ballbesitz einen Schritt weiter sind als die Scherning-Elf. Bestätigen muss er das in den kommenden Wochen primär gegen Mittelfeldteams. Wer aufsteigen will, sollte seine Formkurve hier halten können.

   

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