VfL Osnabrück: Spitzenmentalität nährt Aufstiegsträume

42 Punkte mit 33 Toren: Viel braucht der VfL Osnabrück nicht, um das Tor in Richtung 2. Bundesliga immer weiter aufzustoßen. Und doch lassen die Spiele wenig Zweifel: Es stimmt in dieser Mannschaft, das zeigt eine Willensleistung nach der anderen. Welche Faktoren machen den Unterschied? Eine Analyse.

Meißner und Schultz heißen die Königstransfers

Dafür, dass Timo Schultz vor seinem Engagement beim VfL Osnabrück nie mit der 3. Liga in Berührung gekommen war, scheint er die Spielklasse doch verdächtig gut zu kennen. Bei seinen Erklärungen für den Erfolg der Lila-Weißen, die er nach dem 2:0-Heimsieg über den TSV Havelse am TV-Mikrofon vorbrachte, durfte dem geneigten Drittliga-Ästhetiker jedenfalls das Herz aufgehen: Kein Tiki-Taka, sondern ein Team, das Bock darauf habe zu verteidigen, das sich in jeden Ball werfe und wortwörtlich geil darauf sei, die Null zu halten – das charakterisiert die Niedersachsen in dieser Saison, und der Arbeitssieg über Havelse durfte als das perfekte Abziehbild durchgehen. Als Tabellendritter mit 43 Punkten, so viele hatte der VfL in der Vorsaison übrigens erst nach 33 Spieltagen, ist da wohl die logische und doch mutige Konsequenz, dass Schultz die Rückkehr in die 2. Bundesliga nun offiziell als Ziel ausgegeben hat.

"Wir wollen aufsteigen." Ein kleiner Satz, aber ein gigantisch großes Statement. Aber eines, das sich der VfL Osnabrück leisten kann. Denn vermag Schultz wirklich jemand zu widersprechen, dass gegen diese eng zusammengewachsene Truppe kein anderer Drittligist gerne spielt? Nur zu Saisonbeginn knarzte es kurz im Gebälk, als sich schon in der Sommervorbereitung ein qualitativer Engpass in der Offensive angedeutet und in den ersten Saisonspielen manifestiert hatte. Dann kam Robin Meißner als Leihgabe aus Dresden und mit ihm das Element eines kompletten, arbeitenden Stürmers, das dem VfL zuvor bitter gefehlt hatte. 13 Scorerpunkte später ist Meißner Lebensversicherung und Glücksbringer zugleich. Seine Torbeteiligungen hat der 26-Jährige auf acht Punktspiele verteilt: Achtmal hieß der Sieger VfL Osnabrück. Zuletzt am Samstag, als Meißner per Kopfball-Ablage erst das 1:0 auflegte, dann selbst per Einzelaktion die Entscheidung eintütete. Noch Fragen?

Schon zwölfmal zu Null

Und auch im Rest der Mannschaft scheint es zu stimmen. Zwölf seiner 23 Einsätze hat Torhüter-Veteran Lukas Jonsson, bei dem dieses erstaunliche Kollektiv auf dem Feld seinen Anfang nimmt, zu Null bestritten – absoluter Liga-Bestwert! In der Dreierkette ist es Jannik Müller, im Mittelfeldzentrum der derzeit verletzte Bjarke Jacobsen, die der Mannschaft noch viel mehr Erfahrung und Ruhe zuführen. Haben wir den 38-jährigen Robert Tesche hier schon erwähnt? Der größte Faktor aber ist Trainer Schultz selbst, der, und das kristallisierte sich binnen weniger Tage heraus, fachlich und noch mehr menschlich eine absolute Premium-Besetzung. Manchem kommt es schon jetzt so vor, als stünde Schultz bereits etliche Jahre an der Illoshöhe auf dem Trainingsplatz.

In dieser Konstellation nehmen Spieler teils beachtliche Entwicklungen: Robin Fabinski oder Theo Janotta im Abwehrverbund, das ewige Talent Kevin Wiethaup, das aktuell im zentralen Mittelfeld an seinem Durchbruch arbeitet. Oder Ismail Badjie, der in der Startelf wenig Wirkung hinterließ, aber als Joker mehrfach zum Siegbringer wurde? Nach nicht einmal zwei Dritteln hat diese Spielzeit schon so viele aus VfL-Sicht magische sportliche Geschichten geschrieben – dass sich mit der nahenden Stadionmodernisierung der wohl größte Fortschritt abseits des Rasens ankündigt, gerät da fast in Vergessenheit.

Nur wenige Mannschaften kriegen den VfL geknackt

Klar ist: Gegen diesen ekligen, eingeschworenen VfL zu kicken, das hat Schultz völlig korrekt festgestellt, macht aktuell keinem Gegner sonderlich Spaß. Denn jeder sieht in der Gegneranalyse ein Team, das individuell nirgendwo überragt, aber dem auf Drittliga-Niveau dank unglaublicher Konstanz und Gier kaum beizukommen ist. Zwei Mannschaften knackten diese Nuss beeindruckend: Hoffenheim II siegte an der Bremer Brücke mit 4:0, der SC Verl in dessen Heimat mit 4:1. Die beiden zu diesen Zeitpunkten spielstärksten Kontrahenten fanden also ein Mittel. Und doch lügt die Tabelle nicht – wo Teams wie der SC Verl Cleverness vermissen lassen, packt Osnabrück zu.

Der Sieg über Havelse war das x-te ganz harte Stück Arbeit dieser Saison. Aber das Umfeld ist bereit für diese Arbeit, es murrt, pfeift und raunt nicht, wenn der Motor langsamer Fahrt aufnimmt. Auch, weil die Gewissheit ja da ist: Irgendwann kommt der VfL zuverlässig auf Touren. Auswärts sogar noch besser als daheim, 18 von 21 möglichen Punkten holte die Schultz-Elf in der Fremde zuletzt – niemand ist in der Fremde besser.

Der nächste Gegner heißt Hansa Rostock, sein Sportvorstand Amir Shapourzadeh hat kürzlich seinen besten Stürmer für die irrsinnige Summe von 5,5 Millionen Euro nach Schottland verkauft. Beim VfL haben sie das Verhandlungsgeschick ihres Ex mit stirnrunzelnder Anerkennung aufgenommen, denn Shapourzadeh verantwortete das misslungene letzte Osnabrücker Zweitliga-Intermezzo 2023/24, die viel zu zurückhaltende Kaderplanung nimmt ihm mancher heute noch übel. Sportlich betrachtet hat der VfL drei Zähler Vorsprung, könnte die Kogge zumindest für einige Wochen abschütteln. "Es macht keinen Spaß, gegen uns zu spielen", sagt Schultz. Ob sie das in Rostock am Samstagnachmittag genauso sehen?

   

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