15. Februar 2017 um 13:32 Uhr

Wie es für den VfR Aalen nach dem Insolvenzantrag weitergeht

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© imago/HochZwei

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Die Nachricht vom Insolvenzantrag des VfR Aalen hat am Dienstagabend für Aufregung in der 3. Liga gesorgt. liga3-online.de erklärt, wie es für Aalen nach dem Insolvenzantrag weitergeht und welche Auswirkungen dieser für die übrigen Drittligisten hat.

Warum kein Zwangsabstieg droht

Warum hat der VfR Aalen überhaupt einen Insolvenzantrag gestellt?

Der Hauptgrund ist das Wegbrechen der Hauptsponsoren Imtech und Scholz zum Ende der Saison 2012/2013. Insgesamt drücken den VfR nun 3,6 Millionen Euro Schulden, zusätzlich droht eine Steuerrückzahlung in Höhe von bis zu 500.000 Euro. Da sich der VfR Aalen aus eigener Kraft nicht mehr aus dieser Schuldenlast befreien kann, entschieden sich die Verantwortlichen dafür, mit dem Insolvenzantrag die Notbremse zu ziehen. So wollen sich die Schwaben von Schuldenaltlasten und deren Folgewirkungen aus früheren Zeiten befreien und somit das Fundament für eine bessere finanzielle Zukunft schaffen.

Kann der Spielbetrieb weiter fortgeführt werden?

Ja. Der laufende Spielbetrieb und die Lizenz für die neue Spielzeit werden durch die Plansanierung nicht gefährdet, die Spieler und Mitarbeiter erhalten ihre Gehälter weiter in vollem Umfang. Der DFB sieht die Liquidität des VfR, das entscheidendes Kriterium für die Zulassung zur 3. Liga, bis zum 30. Juni 2017 gesichert.

Welche Konsequenzen drohen dem VfR?

Der DFB sieht in Paragraf 6 seiner Spielordnung einen Abzug von neun Punkten vor. Nur in besonderen Ausnahmefällen kann von diesem Punktabzug abgesehen werden, beispielsweise wenn gegen den Hauptsponsor zuvor ein Insolvenzverfahren eröffnet worden ist. Ob dies beim VfR in Bezug auf Imtech, die im August 2015 Insolvenz angemeldet haben, zutrifft, wird nun zu klären sein. Weitere Konsequenzen über einen Punktabzug hinaus sind nicht vorgesehen.

Als Alemannia Aachen im November 2012 einen Insolvenzantrag gestellt hatte, standen zwischenzeitlich ein Zwangsabstieg und die Annullierung aller Punkte im Raum. Warum sind diese Regelungen in Bezug auf den VfR Aalen nun kein Thema?

Mit dem 1. Juli 2014 wurde Paragraf 6 der DFB-Spielordnung geändert. Bis dahin galt: Wurde über das Vermögen eines Vereins der 3. Liga das Insolvenzverfahren eröffnet oder die Eröffnung mangels Masse abgelehnt, stand er automatisch als erster Absteiger fest. Mittlerweile ist als Rechtsfolge z.B. eines eigenen Antrags auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens durch einen Verein der 3. Liga grundsätzlich der Abzug von neun Punkten vorgesehen. Die Regularien wurden diesbezüglich mit Beginn der Saison 2014/2015 an die Bundesliga und 2. Bundesliga angepasst, die bereits zuvor so verfahren waren. Heißt: Früher hatten ein bloßer Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens und die Bestellung eines vorläufigen Insolvenzverfahrens noch gar keine spieltechnischen Konsequenzen. Der Zwangsabstieg wäre erst und nur dann erfolgt, wenn das Insolvenzverfahren später auch eröffnet oder dies mangels Masse abgelehnt worden wäre. Jetzt kommt es also zu einer milderen Rechtsfolge (Punktabzug statt Zwangsabstieg), diese greift allerdings ggf. bereits zu einem früheren Zeitpunkt ein.

Im Fall von Alemannia Aachen kam der Zwangsabstieg letztlich nicht zum Tragen, da das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag eröffnet worden ist. Somit war auch die zwischenzeitlich diskutierte Annullierung aller Punkte kein Thema mehr. Aachen ist am Ende der Saison 2012/13 aber sportlich abgestiegen.

Wann der Punktabzug greift und wann die Entscheidung darüber fällt

Wann entscheidet der DFB über den Punktabzug?

Zunächst wird der DFB eine schriftliche Stellungnahme anfordern. Für diese hat der VfR nun mehrere Tage Zeit. Anschließend wird der DFB-Spielausschuss zeitnah über den möglichen Punktabzug entscheiden.

Würde der Punktabzug schon in dieser Saison greifen?

Ja. Wird das Insolvenzverfahren in der laufenden Spielzeit eröffnet, erfolgt der Punktabzug gemäß Paragraf 6 der DFB-Spielordnung in der aktuellen Saison. Wird das Insolvenzverfahren erst nach dem letzten Spieltag beantragt und eröffnet, erfolgt der Abzug mit Beginn der neuen Saison. Dies war zuletzt bei Viertligist Offenbach der Fall, die aufgrund eines nach Saisonende eröffneten Insolvenzverfahrens mit neun Minuspunkten in die laufende Spielzeit gestartet sind.

Ist es denkbar, dass der DFB weniger als neun Punkte abzieht?

Der VfR Aalen hofft zwar, durch Transparenz hinsichtlich der bisherigen beiden Hauptsponsoren und der Darlegung der wirtschaftliche Leistungsfähigkeit durch die Plansanierung die Punktestrafe reduzieren zu können, doch ob der DFB von seiner Spielordnung abweicht, ist offen. Eine Reduzierung ist grundsätzlich erstmal nicht vorgesehen, die Entscheidung darüber liegt aber beim DFB-Spielausschuss.

Welche Auswirkungen ein Punktabzug für die anderen Drittliga-Vereine hätte

Kann der VfR Aalen auch in der kommenden Saison in der 3. Liga antreten?

Sofern die Aalener den Klassenerhalt trotz eines möglichen Punktabzugs schaffen und zudem die Drittliga-Zulassung des DFB erhalten, wird der VfR auch in der kommenden Saison in der 3. Liga vertreten sein.

Welche Auswirkungen hätte der drohende Punktabzug für die übrigen Vereine der 3. Liga?

Auf das Punktekonto der anderen Vereine hätte ein Punktabzug beim VfR Aalen keine direkten Auswirkungen, jedoch würde er zu einer Verzerrung der Tabelle im Abstiegskampf führen. Denn: Nach aktuellem Stand würde der VfR Aalen bei einem Neun-Punkte-Abzug auf einen Abstiegsplatz fallen – die Teams auf den Plätzen 10 bis 18 würden in der Rangliste somit jeweils einen Platz nach oben rutschen. Darunter auch der FSV Zwickau, der derzeit den ersten Abstiegsrang belegt. Steigt der VfR am Saisonende aufgrund des Punktabzugs ab, würde ein anderer Verein, der den Klassenerhalt sportlich möglicherweise nicht geschafft hätte, in der 3. Liga verbleiben.

Gab es schon ähnliche Fälle in der Geschichte der 3. Liga?

Ein Neun-Punkte-Abzug ist bisher zwar noch nicht verhängt worden, allerdings profitierten seit dem Start der 3. Liga im Juli 2008 gleich mehrere Vereine von finanziellen Problemen der Konkurrenz. In der Saison 2008/2009 blieb Wacker Burghausen durch den freiwilligen Rückzug der Kickers Emden in der 3. Liga. Zwei Jahre später profitierten Bremen II und erneut Burghausen von den Zwangsabstiegen von Rot Weiss Ahlen und der TuS Koblenz. Nach der Saison 2013/14 verweigerte der DFB-Lizenzierungsausschuss den Offenbacher Kickers wegen Regelverstößen die Drittliga-Lizenz für die kommende Spielzeit, sodass Darmstadt 98 in der 3. Liga blieb und den Durchmarsch in die Bundesliga schaffte.

Wie viele Vereine haben in der Drittliga-Geschichte bereits einen Insolvenzantrag gestellt?

Nach Rot Weiss Ahlen (2011) und Alemannia Aachen (2012) ist der VfR Aalen nun der dritte Verein.

Wie die Mannschaft reagiert hat

Wie haben die Spieler und Trainer Peter Vollmann auf den Insolvenzantrag reagiert?

Während Trainer Peter Vollmann laut Pressesprecher Sebastian Gehring über die Vorgänge informiert war, sei die Mannschaft geschockt gewesen. "Nach der Bekanntgabe herrschte in der Kabine betretene Stille", berichtet Gehring auf Anfrage unserer Redaktion. Das Präsidium habe aber deutlich gemacht, dass der Insolvenzantrag "der einzig logische Schritt zu diesem Zeitpunkt" gewesen sei. Man müsse, so Gehring, nun abwarten, wie die Mannschaft die Nachricht aufgenommen habe. "Ich glaube aber, dass unsere Spieler charakterlich stark genug sind, die Situation wegzustecken", sagt Gehring.

Im Juni 2015 gab Berndt-Ulrich Scholz bekannt, den VfR Aalen schuldenfrei zu stellen. Dennoch beläuft sich das negative Eigenkapital des VfR nun auf 3,6 Millionen Euro. Wie konnte es dazu kommen?

Die von Berndt-Ulrich Scholz angekündigte Entschuldung des Vereins ist nicht umgesetzt worden. Auch die zugesagte sofortige Übernahme des Verlustes in der Saison 2015/2016 und die Freigabe der Namensrechte für das Stadion – einer der Haupteinnahmequellen des VfR Aalen – sind nicht erfolgt. Somit flossen der Erlöse aus den Namensrechten zuletzt in die Schuldentilgung – das soll sich nach Abschluss des Planinsolvenzverfahrens ändern.

Hinweis: Zu weiteren Fragen, etwa zur geplanten Neuausrichtung, den Zukunftsperspektiven und die Dauer des Planinsolvenzverfahrens, will sich der VfR Aalen am Donnerstagnachmittag im Rahmen einer Pressekonferenz äußern. Im Anschluss daran wird dieser Artikel entsprechend ergänzt.
 

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