22. September 2016 um 17:35 Uhr

Strittige Szenen am 8. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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© imago/Eibner

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Ein nicht gegebener Elfmeter für Erfurt, der Strafstoß für Osnabrück und das 1:0 für Magdeburg. Am 8. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de drei strittige Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: 25 Jahre lang war Babak Rafati Schiedsrichter, 2008 schaffte er es sogar auf die FIFA-Liste. Insgesamt leitete der heute 44-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit- und 13 Drittliga-Spiele. Seit Februar 2015 hat er eine neue Aufgabe: Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Entscheidungen des Wochenendes. Nach einer Vorauswahl durch die Redaktion sichtet Rafati das Video-Material und gibt eine kurze Einschätzung zu den jeweiligen Szenen ab.

Szene 1: Marcel Appiah (VfL Osnabrück) bringt Mikko Sumusalo (Rot-Weiß Erfurt) im Strafraum zu Fall, Schiedsrichter Eric Müller lässt weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 17:30]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht in der Entstehung des Angriffs eigentlich richtig, jedoch ist dieser sogenannte "tödliche" Pass in den Rücken der Verteidiger auch für den Schiedsrichter eine große Herausforderung. Appiah geht rücksichtslos in den Zweikampf und trifft dabei zuerst die Beine von Sumusalo und kurz danach erst auch ein wenig den Ball. Für diesen Zweikampf hätte es einen Strafstoß für Erfurt und eine gelbe Karte gegen den Verteidiger geben müssen. Somit liegt eine Fehlentscheidung vor. Aus kürzerer Distanz zum Geschehen wäre der Schiedsrichter sicherlich auch zu einem anderen Ergebnis gekommen.

Szene 2: Nach einem Foul von Luka Odak (Erfurt) an Kwasi Okyere Wriedt (VfL Osnabrück) zeigt Müller auf den Punkt. Lautstarke Proteste der Erfurter sind die Folge. [TV-Bilder – ab Minute 0:20]

Babak Rafati: Hier muss man Theorie und Praxis voneinander unterscheiden. In der Theorie kann der Schiedsrichter regeltechnisch diese Szene zurückpfeifen, denn der Verteidiger Odak trifft Wriedt ohne Zweifel. Da aber der Angreifer bereits geschossen hatte und die Aktion damit abgeschlossen war, hat die Attacke des Verteidigers keinen Einfluss mehr. Die Schiedsrichter lassen in der Praxis dann immer weiterspielen. Man merkt auch an den heftigen Protesten der Erfurter Spieler, dass diese Szene gängig fußballtypisch ist und so etwas einfach nicht gepfiffen wird. Von einer Fehlentscheidung im Sinne der Regel kann man hier nicht sprechen, eher von einer sehr unglücklichen Entscheidung, die so in der Praxis eigentlich keine Anwendung findet.

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Szene 3: Beim 1:0 für Magdeburg durch Marius Sowislo steht Christian Beck im passiven Abseits und verdeckt dabei die Sicht von Werder-Torhüter Michael Zetterer. Schiedsrichter Justus Zorn gibt den Treffer dennoch. [TV-Bilder – ab Minute 0:30]

Babak Rafati: Bei solchen Szenen muss das Schiedsrichterteam viel mehr miteinander kommunizieren, um zu einer richtigen Entscheidung zu kommen. Das geht aber nur gemeinschaftlich, weil nur durch beide Blickwinkel das richtige Ergebnis ermittelt werden kann. Der Assistent schaut von der Seite und kann nur sehen, ob ein Spieler zunächst einmal überhaupt im Abseits steht oder nicht. Er kann jedoch nicht sehen, ob dieser Spieler auch tatsächlich in der Sicht des Torhüters steht und damit strafbar eingreift.

Der Schiedsrichter wiederrum schaut fast frontal auf die Szene und kann beim Torschuss des Magdeburger Angreifers auf das Tor von Bremen beurteilen, ob Beck genau diese strafbare Position einnimmt und dabei den Torwart von Bremen irritiert oder nicht, da er die Schussbahn einsehen kann.

Der Angreifer behindert die Sicht des Torhüters und irritiert ihn somit, sodass Einfluss genommen wird und schlussendlich eine aktive Abseitsposition vorliegt. Die Nichtberührung des Balles durch den im Abseits stehenden Angreifer ist dabei unerheblich. Der Treffer hätte nicht zählen dürfen und somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

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Info: Strittige Szenen aus den Partien Köln-Rostock und Lotte-Großaspach konnten aufgrund fehlender TV-Bilder nicht analysiert werden.

 

 

 

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  • Chk

    Können Sie bitte die Abseitsentscheidung ab 2:40min analysieren. http://youtu.be/j1ABLoHiMt4
    Danke

    • Ein anderer SR

      In der Szene ist die Position der Spieler bei Ausführung des Freistoßes entscheidend. Ich würde anhand der Rasenschattierung vermuten, dass keiner der Rostocker in einer Abseitsposition stand und das Tor daher regulär gefallen ist.

      Die Analyse dieses Spieltags gefällt mir gar nicht. Sollte Herrn Rafati in der ersten Szene auch nur diese eine Kameraeinstellung zur Verfügung liegen, finde ich es sehr anmaßend, aus über 50 Metern Entfernung von einer definitiven Fehlentscheidung zu sprechen und dem SR vorzuwerfen, es von näher dran gesehen zu haben. Er signalisiert eindeutig, dass aus seiner Sicht der Ball gespielt wurde, hatte also schon eine Einschätzung, von der er überzeugt war, und auch die Tatsache, dass die Erfurter nicht mal reklamieren spricht für eine korrekte Entscheidung. Sicherlich sind das nur Indizien und ich selbst wage mir kein abschließendes Urteil zu bilden, aber es spricht so doch einiges mehr für eine korrekte Entscheidung.

      Der Osnabrücker Elfmeter ist aus meiner Sicht vollkommen berechtigt, da das Einsteigen gegen Wriedt an sich schon sehr hart ist. Der Angreifer ist nach dem Abschluss kein Freiwild, so eine Grätsche gehört bestraft. Sicherlich kann man darüber diskutieren, bei Fouls im Grenzbereich nach dem Torschuss noch eher ein Auge zuzudrücken. Hier gab es jedoch keine andere Wahl.

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