Reportage: Wie die Rostocker Ultras ihren Verein veränderten

Der NDR titelte am 21.10.2013 in einem Online-Artikel: „Steuern die Ultras Hansa Rostock?“ Dabei wurden verschiedenste Vorgänge der letzten Monate rund um die Fanszene Rostock und den Verein in einen verzerrten Kontext gebracht. Doch trifft die Schlussfolgerung zu, dass sich der F.C. Hansa Sorgen machen muss, von seinen Ultras übernommen zu werden? Ein Kommentar:

Subkulturen. Seit jeher im stetigen Kampf mit dem Establishment. Das Leben nach einer alternativen Idee auszurichten, anders zu sein, die „Normalität“ abzulehnen, Engagement zu zeigen, für ein Ziel oder eine Sache – Darum ging es den Hippies, den Punks, den Gothics, den Ravern  und darum geht es im 21. Jahrhundert den Ultras, der momentan wahrscheinlich größten und allumfassendsten Subkultur Europas. Zwischen Finnland und Italien, zwischen Portugal und Russland gibt es keine Bewegung, die so engagiert und vernetzt vorangetrieben wird, wie die der Ultras. Man hat eigene Kleidung, eigene Musik, eigene Bücher, eigene Filme. Die deutsche Ultraszene hat Glück, denn im Jahr 2013 ist Deutschland weitestgehend über sie aufgeklärt. Sie ist Teil von Dokumentationen, Gesprächsrunden, man versucht den Begriff „Ultra“ mit vereinten Kräften zu enttabuisieren, Ultras selbst, Journalisten und Regisseure tragen zu dieser Aufklärung bei und als Resultat sendet selbst ein kritisierter Bezahlsender eine formidable Dokumentation über das Phänomen der aktiven Fußballfans. Man kämpft geschlossen gegen verspätete Anstoßzeiten, Montagsspiele, Repressionen durch die Polizei und das Verbot von Pyrotechnik im Stadion.

Das Kreuz der Einzigartigkeit

In Mecklenburg-Vorpommern sieht die Situation anders aus. Der F.C. Hansa Rostock und mit ihm seine aktiven Fans tragen ein Kreuz mit sich, was die deutschlandweite Aufklärung zum Thema „Ultra“ im Bundesland nahezu ausschließt: Das Kreuz der Einzigartigkeit. Auch wenn die TSG Neustrelitz in der Regionalliga Nordost für Furore sorgt, so ist der F.C. Hansa nach wie vor und seit jeher der einzig relevante Verein in „Meck-Pomm“. Das führt dazu, dass jeder Schritt und vor allem jeder Fehltritt des Vereins und der Fans in der norddeutschen Medienlandschaft penibel genau verfolgt und kommentiert wird. Dazu kommt die große Geschichte der „Kogge“. Als letzter DDR-Meister der jahrelange „Leuchtturm des Ostens“ und noch heute der beste Ostverein in der ewigen Tabelle der Bundesliga, war der F.C.H. für viele Ostdeutsche das Aushängeschild der ehemaligen Republik, der Beweis, dass man es auch ohne große Sponsorengelder Jahr für Jahr schaffen kann, in der ersten Bundesliga zu bestehen.

„Hansa und seine Fanproblematik“

Nun ist der F.C. Hansa in den letzten Jahren weit hinter Vereinen wie Energie Cottbus, Dynamo Dresden, Erzgebirge Aue und Union Berlin zurückgefallen. Was geblieben ist, ist jedoch die exklusive Berichterstattung an der Ostsee: Während im Ruhrpott oder in Berlin kleinere Fehltritte der Vereine eine kurze Meldung wert sind, wird in Rostock jeder Schritt verfolgt und kommentiert. Gleiches gilt für die aktive Fanszene, die Ultras des F.C. Hansa. Die Medienhäuser in Mecklenburg-Vorpommern könnten ganze Chroniken über den Werdegang von anfangs einigen lautstarken Jugendlichen bis hin zur Fanszene Rostock e.V. verfassen, so intensiv wurde das Geschehen über die Jahre verfolgt und zumeist kritisiert.

Kein gutes Wort findet seinen Weg in die Zeitungen, Radiosendungen und Fernsehbeiträge, stattdessen gilt die Phrase: „Hansa und seine Fanproblematik“. Zuletzt musste der Verein eine Gegendarstellung zu einem Bericht der „Ostsee Zeitung“ verfassen, der über angebliche, durch die Fans des F.C.H. verursachte Kosten für die Steuerzahler berichtete. Der NDR ging gestern nun einen Schritt weiter und ließ den Richter des Oberlandesgerichts Rostock Kai-Uwe Theede zu Wort kommen. Theede, der bis vor kurzem Mitglied der Task Force zur Fanproblematik in Rostock war, kritisierte, dass der Verein gar nicht mehr an einer Zusammenarbeit mit der Task Force interessiert sei. Der NDR schlussfolgerte: Die Ultras steuern den F.C. Hansa.

Die Südtribüne, Heimat der aktiven Fans, war ein Jahr lang gesperrt.

Hofmann bittet um Hilfe

Um die Sachlage zu verstehen, muss man zunächst einmal Theedes Position begutachten: Die Task Force zur Fanproblematik wurde am 01.12.2011, unmittelbar nach den Vorkommnissen beim Heimspiel gegen den FC. St. Pauli gegründet. Damals hatten sich dem F.C. Hansa zugehörig fühlende Personen Leuchtraketen in den Gästeblock geschossen, die Südtribüne, Heimat der aktiven Fanszene, wurde daraufhin ein Jahr lang vom Verein geschlossen. Initiator der Task Force war seinerzeit der damalige Vorstandsvorsitzende Bernd Hofmann. Hofmann zeichnete sich dadurch aus, mit den Ultras des F.C. Hansa ähnlich undifferenziert umzugehen, wie es die norddeutschen Medien taten. Er wandte sich nach den Vorkommnissen des Spiels gegen St. Pauli an ebendiese und bat um Hilfe, weil der Verein die „Fanproblematik“ nicht in den Griff bekäme.

Ein klärendes Gespräch mit den bekannten Führungspersonen der Fanszene blieb unter Hofmann aus. Daraufhin folgte ein halbjähriger Protest der Ultras, was die Heimspiele des F.C. Hansa zu einer ziemlich ruhigen Angelegenheit machte. Man verzichtete in dieser Zeit aber nicht nur auf den Support, sondern auch auf jeglichen Einsatz von Pyrotechnik, eine Maßnahme, die mit den Idealen der Ultrakultur eigentlich nicht vereinbar ist. Man wollte damit die Tür für Gespräche offen lassen. Nach der überwältigenden „JA zum FCH“-Aktion, die auch Bernd Hofmann sehr zu seinen Gunsten nutzte, kamen diese Gespräche wieder in Gange, allerdings weigerte sich der Verein, den Ultras auf Augenhöhe gegenüberzutreten. Stattdessen wollte man die Bedingungen bestimmen, der Fanszene bleib ein Ja oder ein Nein als Reaktion und kein Spielraum für konstruktive Debatten.

Interessante politisch-philosophische Gedanken und unermüdliches Engagement

Um seine Seele nicht zu verkaufen, zog man sich von den Gesprächen zurück, die Tribüne blieb geschlossen. Nun allerdings wurde die Fanszene des F.C. Hansa selber aktiv. Obgleich die Aufklärung über die Ultrakultur in Deutschland sehr weit fortgeschritten ist, bleibt für viele das Bild des schwarz gekleideten Jugendlichen mit Basecap, Turnschuhen und wenig im Kopf außer Suff und Fußball. Das trifft aber nur stark bedingt zu, gerade in den Spitzen der deutschen Ultragruppen arbeiten erwachsene Männer mittleren Alters, mit interessanten politisch-philosophischen Gedanken und einem schier unermüdlichen Engagement. Bekannte und führende Ultras wie Jan-Hendrik Gruszecki (Dortmund) oder Philipp Markhardt (HSV) sind gute Beispiele dafür. Auch in Rostock standen und stehen kluge Köpfe an der Spitze der Fanszene. Diese begannen zum Saisonbeginn und in Anbetracht der nahenden Aufsichtsratswahl simple Politik zu betreiben. Man machte keinen Hehl daraus, dass man mit der Kommunikation zwischen Verein, in Person von Bernd Hofmann, und Fans nicht zufrieden war und alles daran setzen wollte, das zu ändern. Ein völlig legitimer und eigentlich lobenswerter Ansatz. Wenn dich ein Zustand stört, steh auf, geh raus und engagiere dich dafür, dass sich etwas ändert.

Demokratische Meinungsbildung

Das taten die Ultras des F.C. Hansa und einige Tage vor der Aufsichtsratswahl, als die Kandidaten längst feststanden, erklärte die Szene den übrigen Fans ihre Ziele und gab ebenso Informationen darüber bekannt, welche Wahlkandidaten diese Ziele ebenfalls anstreben wollen würden. Einfacher Wahlkampf. Der NDR hingegen wetterte, man habe damals „massiv Stimmung gemacht“. Vorstandsmitglied Rainer Friedrich, immerhin ebenfalls Mitglied der Task Force und nicht gerade beliebt bei den Ultras, kennzeichnete den Vorgang zwar ebenfalls als „demokratische Meinungsbildung“, trotzdem fragte der NDR: „Steuern die Ultras den F.C. Hansa?“ Ebenfalls kritisiert wurde das Gerücht, dass es Absprachen gegeben habe, bei erfolgreicher Wahl die Südtribüne wieder zu öffnen. Und tatsächlich wurde nur wenige Monate nach der Mitgliederversammlung die Südtribüne unter verschiedensten vertraglich festgehaltenen Bedingungen wiedereröffnet. Ein Kritikpunkt? Für den NDR zumindest ein Anhaltspunkt, dass der Einfluss der Ultras im Verein wächst, wirtschaftlich gesehen aber für den finanziell arg gebeutelten Verein die einzig richtige Entscheidung. Zudem entschlossen sich die Ultras eine Preiserhöhung auf der „Süd“ anzuregen, um den Verein auch finanziell zu unterstützen.

Vorbild Union Berlin

Überhaupt: Mit der Wahl des neuen Aufsichtsrates wehte plötzlich ein frischer Wind durch das Vereinsgelände in Rostock. Der Verein begann mit seinen Mitgliedern und Fans zu kommunizieren. Mittlerweile wendet sich die Vereinsführung nahezu monatlich in einer E-Mail an die Mitglieder, kommuniziert Hintergründe in der täglichen Vereinsarbeit, thematisiert interne Krisensituationen, wie ein Fall von Veruntreuung im Kartenverkauf und verfasst zum Teil deutliche Gegendarstellungen zu übermäßig kritischen Berichterstattungen. Die aktive Fanszene hat sich ebenfalls professionalisiert, gründete mit der „Blau-Weiß-Roten Hilfe“ eine Anlaufstelle für Fans des Vereins, die auf ihren Reisen oder im Stadion Probleme mit der Polizei hatten. Unabhängig von der sportlichen Situation ist alles besser geworden an der Ostsee.

Und so ganz Unrecht hat der NDR nicht mit seiner Schlussfolgerung: Die Ultras haben tatsächlich ein Mitspracherecht im Verein. Aber die Konnotation stimmt nicht, denn die besagte Tatsache ist gänzlich zum Positiven für Fans und Verein. Das beste Beispiel dafür ist der 1. FC Union Berlin, gerade auf dem besten Weg im kommenden Jahr die Bundesliga zu bereichern. Hier gibt es seit Jahrzehnten einen engen Kontakt zwischen Fans und Verein, auch zwischen Ultras und Verein. Man diskutiert über Probleme, organisiert zusammen Sonderzüge und erarbeitet Strategien für Fans mit Stadionverbot. Diese arbeiten dann z.B. gemeinnützig in der Jugendarbeit des Clubs mit und können damit ihre Strafe verringern. Auch zum Thema Pyrotechnik hält man einen offenen Dialog, in dem alle, normale Fans, Ultras und der Verein zu Wort kommen können. Die Fans sind kein Gimmick, sondern das größte Gut für den Verein. Dieses Ziel verfolgt auch der F.C. Hansa, wenn auch (noch) in Kinderschuhen und den größten Anteil daran tragen die Ultras der Kogge. So ist auch die besagte Task Force, das Relikt aus kommunikationslosen Hofmann-Zeiten im Grunde gar nicht mehr nötig. Im Gegenteil, der Fanszene regt gerade die Selbstregulierung an, die sich die meisten Fans schon gewünscht haben, als viele Anhänger des Vereins auswärts wie zuhause noch dem puren Anarchismus frönten. Was für Kai-Uwe Theede ein Unding ist, stellt sich bei näherem Betrachten als logische Schlussfolgerung heraus, womöglich auch aus der Arbeit der Task Force. Es sollte in seinem Sinne sein, dass die Task Force nicht mehr in die Vereinsarbeit eingebunden werden muss.

Hansa-Fans beim Auswärtsspiel in Osnabrück

Ultras kriminell?

Die Frage muss erlaubt sein, wie stark Theede, der NDR und auch Teile der Gesellschaft die Ultras im Allgemeinen und die Fanszene Rostock im Speziellen kriminalisieren können. Pyrotechnik oder das „Stehlen“ einer Zaunfahne sind unrechtmäßige Handlungen, aber rechtfertigen sie die Charakterisierung der Ultras in Rostock als „Problem“ oder gar als „kriminell“? So sehr, wie das Abbrennen von Pyrotechnik verboten ist, ist es Teil der Ultrakultur und daran wird sich nichts ändern. Das ist rechtlich gesehen falsch, ebenso falsch ist es aber, diese Handlungen aus dem Kontext zu reißen und sie stur als nicht rechtens zu charakterisieren. Strafen muss und wird es dafür geben, sowohl für Einzelpersonen, als auch für die Vereine, aber ebenso muss es ein Bewusstsein dafür geben, in welchen Zusammenhängen diese Handlungen geschehen, dass es Teil der Identität einer Subkultur ist, die Millionen von Anhängern auf der Welt hat. Und es muss ein Bewusstsein dafür geben, dass dies nur ein winziger Aspekt dieser Subkultur ist, die sich vor allem durch Engagement, Kameradschaft und umfassendes Interesse auszeichnet. Diese Generation ist nicht leer und träge, sie ist voller Energie und will etwas bewegen. Ihr geht es nicht darum, einen – ihren – Verein zu unterwandern, sondern ihr geht es darum, optimale Bedingungen dafür zu haben, alles für ihren Verein geben zu können.

FOTOS: Sebastian Ahrens / rostock-fotos.de //  Flohre Fotografie

 

 
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