1. Februar 2016 um 17:33 Uhr

Krämer im Interview: „Bin auf den Abstiegskampf vorbereitet!“

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© Voigt

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Im Interview mit liga3-online erklärt Stefan Krämer, warum er in Erfurt nur bis zum Sommer 2016 unterschrieben hat, wie die Wintertransfers einzuordnen sind und ob im Abstiegskampf noch Zeit für Karnevalsfeiern bleiben.

Hintergrund: Der gebürtige Mainzer wurde Ende Dezember als neuer Trainer bei Rot-Weiß Erfurt vorgestellt. Seine Aufgabe ist nicht leicht, denn ihm obliegt es, die vor der Winterpause stark taumelnden Steigerwäldler aus dem Tabellenkeller zu befreien und den drohenden Sturz in die Viertklassigkeit abzuwenden.

liga3-online.de: Hallo, Herr Krämer! So schnell kann es gehen, schon bricht der Februar an. Das bedeutet: Sie können sich seit nunmehr einem Monat Coach von Rot-Weiß Erfurt nennen. Was ist seit dem Tag des Amtsantritts aus sportlicher Sicht in Erfurt geschehen?

Stefan Krämer: Wir hatten eine sehr kurze, intensive Vorbereitung, die war nicht ganz so einfach wegen dem Wetter. In der Türkei waren die Bedingungen klasse, ehe dann zwei von der Ausbeute her wechselhafte Punktspiele folgten. Mit dem Auftritt können wir insgesamt allerdings zufrieden sein.

Ende September wurden Sie von Energie Cottbus von Ihren Aufgaben entbunden, waren folglich drei Monate ohne Beschäftigung. Wie haben Sie diese Zeit genutzt?

Drei Tage hatte ich fußballfrei. Dann bin ich kreuz und quer durch Deutschland gefahren, habe mir Spiele angeguckt. Ich habe viel mit anderen Kollegen gesprochen, mir viele Begegnungen auf Video angeschaut. Ich wollte einfach schnell wieder ans Arbeiten kommen und bin niemand, der nachmittags gelangweilt vor dem Fernseher sitzt.

In welchem Zustand war die Mannschaft überhaupt, als Sie bei RWE begannen? Es hatte zum Ende der Hinserie eine ganze Reihe von Niederlagen gegeben. Hoch kann das Selbstvertrauen also wahrlich nicht gewesen sein.

Das Jahr 2015 war hier noch in allen Köpfen, und das ist es auch heute noch. Rot-Weiß Erfurt hatte in einem kompletten Jahr nur gut einen Punkt pro Spiel geholt! Man kann nicht davon ausgehen, dass das so schnell abgehakt wird. Für uns gilt es, den Reset-Knopf zu finden – und die Vergangenheit hinter uns zu lassen.

Sie haben sogleich mit dem Sieg über Dynamo Dresden aufhorchen lassen. Schon im Vorfeld sprachen Sie davon, dass Erfurt in einem einzelnen Spiel eine Chance auf den Sieg besitze, auch wenn die Qualität von Dresden unbestritten sei. War das so ein Spiel, in dem viele Faktoren für Rot-Weiß sprachen?

Es hatten nicht viele daran geglaubt, dass wir dieses Spiel gewinnen. Die Mannschaft ist früher immer dann, wenn unvorhergesehene Dinge wie frühe Rückstände passieren, weggebrochen. Das ist gegen Dresden nicht passiert, sie hat Moral gezeigt – und sich so die Punkte verdient.

Und dann fährt man nach Münster, wähnt das Momentum nach einem Sieg gegen den Spitzenreiter auf seiner Seite – und liegt nach 20 Minuten schon 0:2 im Hintertreffen. Das muss sich furchtbar anfühlen.

Mit der Leistung bin ich über weite Strecken einverstanden gewesen. Gegen ein Team wie Münster ist es natürlich nicht leicht, wenn du früh im Spiel zwei Treffer bekommst. Aber: Körperlich ist meine Mannschaft in einem einwandfreien Zustand. Und: Wir haben gegen die beste und eine weitere sehr gute Mannschaft drei Punkte aus zwei Spielen geholt. Das ist okay!

Also folgen noch weitere Aufgaben, die Sie als leichter einschätzen?

Leicht gibt es in dieser Liga nicht. Hier kann schon ein Zweikampf über Sieg und Niederlage entscheiden. Nur wer bei uns voll mitzieht, kann im Abstiegskampf bestehen.

Hatten Florian Bichler und Sascha Eichmeier, die den Verein in diesen Tagen verlassen haben, diese Einstellung nicht an den Tag gelegt?

Nein, mangelnden Willen kann ich ihnen absolut nicht vorwerfen! Sie haben allerdings jeweils ein reizvolles Angebot von der SV Elversberg erhalten, wo ihre Einsatzzeiten dann vielleicht auch wieder erhöht werden.

Mit Samir Benamar und Daniel Brückner haben Sie als Ersatz zwei Spieler aus der zweiten Bundesliga an den Thüringer Wald gelotst. Besonders die Personalie Brückner weckt hohe Erwartungen, denn vor einem Jahr war dieser noch Stammspieler in der Bundesliga. Beide feierten in Münster ihre Premiere als Einwechselspieler. Sind Sie zufrieden mit den Wintertransfers?

Samir Benamar hat ein hohes Tempo, geht viel ins Eins gegen Eins. Bei Daniel Brückner steht außer Frage, dass er uns helfen kann und wird. Er ist intelligent und leichtfüßig, verfügt über viele Erfahrungen aus Bundesliga und 2. Bundesliga. Und er kennt diesen Verein. Er wird uns sicher voranbringen.

Guckt man auf die Tabelle, dürfte es im Keller (wieder einmal) eng werden. Die Entscheidung über Abstieg und Nichtabstieg fällt vielleicht erst am letzten Spieltag. Das wird für Sie eine neue Erfahrung sein – im Profigeschäft haben Sie zumindest zum Saisonende hin noch nie in einer derartigen Situation gesteckt.

In dieser Form hatte es das noch nicht gegeben, das stimmt. Bei Arminia Bielefeld bin ich allerdings in der Hinrunde auf Rang 20 eingestiegen – da wurde es um Ostern herum nochmals ein bisschen enger. Ich behaupte jedoch: Ich bin auf diesen engen Abstiegskampf vorbereitet.

Welche Folgen ein Abstieg für den gesamten Verein haben kann, ist Ihnen sicherlich bekannt – auch aufgrund der finanziellen Situation wäre das nur schwer zu verkraften. Warum schafft Rot-Weiß Erfurt den Klassenerhalt?

Die Situation ist für den Verein sehr kritisch. Hier wird um uns herum ein neues Stadion gebaut. Es wäre katastrophal, dann nicht mehr in der Dritten Liga zu spielen.  Aber: Mir wurde die Situation in den Gesprächen mit dem Verein genauestens erläutert. Und ich hätte zum Angebot auch nein sagen können. Das habe ich bewusst nicht getan.

Ihr Vertrag läuft nur bis zum Sommer, damit ist für Sie ein Risiko verbunden. Oder gibt es eine Klausel, die beim Klassenerhalt zieht?

Nein, die gibt es nicht. Wir haben vorher vereinbart: Erst wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann setzen wir uns zusammen. Alles andere wollte ich auch selbst nicht. Der Fokus liegt bei Rot-Weiß Erfurt momentan einzig und allein auf dem Ziel Klassenerhalt. Daran hängt hier schließlich unermesslich viel – viel mehr als nur mein Vertrag.

Nochmals zu Ihnen persönlich: Viele kennen Ihr Tattoo des Ex-Vereins Arminia Bielefeld, das sie seit dem Aufstieg im Jahr 2012/2013 auf der Brust tragen. Wurde darüber während Ihrer Vertragsunterzeichnung auch gesprochen? Oder wurde Ihnen vielleicht sogar ein Oben-Ohne-Verbot auferlegt?

Ein Oben-Ohne-Verbot? Ich bin schon 48 Jahre alt, das möchte doch kaum jemand mehr sehen (lacht). Die Geschichte war einmalig. Auf die Wette bin ich eingegangen, als wir Letzter waren. Vielleicht lasse ich mir zum Ende der Saison in Erfurt wieder etwas einfallen – ein neuerliches Tattoo wird es aber wohl nicht.

Als geborener Mainzer stammen Sie aus einer echten Karnevalshochburg. Steigen Sie nach dem Großaspach-Spiel ins Auto, um beim Rosenmontagszug anwesend sein zu können?

Das geht in der aktuellen Situation leider nicht, da ist mir nicht nach der fünften Jahreszeit zumute. Es gibt eine Zeit zum Feiern, und eine Zeit zum Arbeiten. Jetzt ist es an der Zeit, zu arbeiten.

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