Strittige Szenen am 13. Spieltag: Die Analyse von Babak Rafati

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Die Elfmeter für Osnabrück und Würzburg, die verwehrten Strafstöße für Aalen, Halle, 1860 München und Münster, der nicht gegebene Treffer für Karlsruhe, das 2:1 von Halle, das 1:3 von Köln sowie das 1:1 von Großaspach. Am 13. Spieltag hat sich Ex-FIFA-Schiedsrichter Babak Rafati für liga3-online.de elf Szenen genauer angeschaut.

Hintergrund: Babak Rafati war viele Jahre Bundesliga & FIFA Schiedsrichter. Insgesamt leitete der heute 48-Jährige 84 Erst-, 102 Zweit-, 13 Drittliga- und zahlreiche internationale Spiele. Exklusiv für liga3-online.de analysiert der erfahrene Schiedsrichter jeden Spieltag die strittigen Szenen, die durch die Redaktion im Vorfeld ausgewählt werden. Zudem ist er Kolumnist und TV-Experte für Bundesliga-Spiele. Im Hauptberuf ist Rafati heute Mentalcoach für Profifußballer und Manager sowie ein viel gefragter Referent in der freien Wirtschaft, u.a. bei DAX-Unternehmen zum Thema Stressmanagement und Motivation (www.babak-rafati.de).

Szene 1: Bei einem Zweikampf zwischen Stephan Fürstner (Eintracht Braunschweig) und Marcos Alvarez (VfL Osnabrück) fädelt der Osnabrücker ein und geht zu Fall. Schiedsrichter Pascal Müller zögert zunächst, entscheidet nach einem Impuls des Linienrichters dann aber trotz schlechter Sicht auf Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 2:30]

Babak Rafati: Bei diesem Laufduell im Strafraum von Braunschweig kommt Alvarez plötzlich zu Fall. Der Schiedsrichter lässt zunächst weiterspielen, pfeift jedoch nach einem Hinweis des Assistenten Strafstoß für Osnabrück. Die Sicht ist für alle Beteiligten aufgrund von Nebel oder Rauchwolken nicht gut. Man sieht, wie Fürstner neben Alvarez herläuft. Sowohl im Oberkörperbereich als auch im Fußbereich ist kein Foulspiel zu erkennen, denn Fürstner ist im normalen Bewegungsablauf. Selbst wenn er Alvarez minimal unten treffen sollte, wäre das kein Grund auf Strafstoß zu entscheiden, da die Aktion überhaupt nicht eindeutig ist. Hier wäre Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen, somit liegt eine Fehlentscheidung vor.

 

Szene 2: Nach einer Flanke geht André Hainault (1. FC Kaiserslautern) in einen Luft-Zweikampf mit Royal-Dominique Fennell (VfR Aalen) und trifft ihn dabei mit dem Ellenbogen im Gesicht. Schiedsrichter Steffen Brütting lässt das Spiel weiterlaufen. [TV-Bilder – ab Minute 45:20]

Babak Rafati: Es ist leider Mode geworden, dass bei Luftduellen der Ellenbogen oder der Arm eingesetzt wird, um den Gegner von sich wegzuhalten. Der Ellenbogeneinsatz von Hainault in dieser Szene ist ein klarer Schlag ins Gesicht von Fenell und hat nichts mit natürlicher Körperhaltung oder normaler Zweikampfführung mit gesunder Härte zu tun. Auffällig ist auch, dass nur der linke Ellenbogen nach hinten schlägt – da wo sich der Gegenspieler befindet. Der rechte Ellenbogen/Arm ist in natürlicher Haltung, aber dort steht auch kein Gegner. Wenn der Schiedsrichter diesen Vorgang genau gesehen hätte, wäre die einzig richtige Entscheidung Strafstoß für Aalen und die rote Karte für Hainault gewesen, da dieser Schlag bzw. Ellenbogeneinsatz bei der FIFA als Waffe ausgelegt wird. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen. Übrigens hätte der Assistent aus seiner besseren Position den Schiedsrichter unterstützen können.

Szene 3: André Hainault (1. FC Kaiserslautern) bekommt einen Schuss von Mattia Trianni (VfR Aalen) im Strafraum an die Hand. Kein Elfmeter, sagt Brütting. [TV-Bilder – ab Minute 2:01:20]

Babak Rafati: Hainault bekommt den Ball aus kurzer Entfernung mit voller Wucht von Trianni an die Hand geschossen und hat gar keine Reaktionszeit, um den Arm wegzuziehen. Eine natürliche Armhaltung und keine Vergrößerung der Körperfläche sind Indizien dafür, dass in dieser Szene keine Absicht vorliegt. Der Schiedsrichter lässt somit richtigerweise weiterspielen.

 

Szene 4: Marvin Wanitzek trifft zum 1:0 für Karlsruhe, Schiedsrichter Tim Skorczyk gibt den Treffer nach einiger Diskussion jedoch nicht, da Marvin Pourié – vermeintlich im Abseits stehend – die Sicht von Haching-Keeper Lukas Königshofer behindert haben soll. [TV-Bilder – ab Minute 2:00]

Babak Rafati: Ein gutes Beispiel für den Videobeweis mit kalibrierten Linien. In dieser Szene kann man nicht genau erkennen, ob Pourié im Abseits steht oder nicht. Im Zweifel sollte das Schiedsrichter-Team immer weiterlaufen lassen, aber ebenso kann man nicht von einer Fehlentscheidung sprechen, sondern muss die Entscheidung akzeptieren.

 

Szene 5: Fabio Kaufmann (Würzburger Kickers) geht im Zweikampf mit Niklas Landgraf (Hallescher FC) zu Fall, Schiedsrichter Markus Schmidt gibt Elfmeter für Würzburg. [TV-Bilder – ab Minute 1:10]

Babak Rafati: Landgraf geht etwas ungeschickt in den Zweikampf und will sicherlich auch den Ball spielen, trifft Kaufmann jedoch am Fuß, bringt ihn dadurch aus der Kontrolle und folglich zu Fall. Eine richtige Entscheidung, auf Strafstoß für Würzburg zu entscheiden.

Szene 6: Nach einer Ecke erzielt Mathias Fetsch das 2:1 für Halle. Der Linienrichter entscheidet zunächst auf Abseits, wird dann aber von Schmidt überstimmt, sodass der Treffer zählt. [TV-Bilder – ab Minute 2:35]

Babak Rafati: Nach der Ecke für Halle wird der Ball von einem Würzburger Verteidiger zum anschließenden Torschützen Fetsch weitergeleitet, der im Abseits steht. Der Assistent wird nur die Abseitsposition des Angreifers gesehen haben, jedoch nicht, dass der Ball vom Gegner kam. Das wiederum kann der Schiedsrichter besser erkennen, da er näher zum Geschehen postiert ist. Letztlich überstimmt der Schiedsrichter den Assistenten und man kann zusammenfassend sagen, dass die richtige Entscheidung getroffen wird.

Szene 7: Bei einem Freistoß wird Pascal Sohm (Hallescher FC) von Fabio Kaufmann (Würzburger Kickers) im Strafraum gehalten und kommt zu Fall – kein Elfmeter. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Nach dem Freistoß in den Strafraum von Würzburg wird Sohm von Kaufmann lange gehalten, umklammert und letztlich zu Boden gerissen. Das ist ein klares Halten und folglich ein Strafstoß. Eine Fehlentscheidung, dieses Foulspiel nicht zu ahnden und somit keinen Strafstoß für Halle zu pfeifen. Die Schwierigkeit für den Schiedsrichter bei dieser Aktion ist, dass der Ball nicht direkt zu diesen beiden Akteuren gelangt. Dadurch wird dem Schiedsrichter womöglich diese Szene durchgerutscht sein. Eine Erklärung, aber keine Entschuldigung.

 

Szene 8: Einen Schuss von Moritz Hartmann (Fortuna Köln) bekommt Kai Bülow (Hansa Rostock) im Wegdrehen an die Hand. Schiedsrichter Tobias Schultes gibt Gelb für Bülow und einen Freistoß für Köln, aus dem das 1:3 fällt. [TV-Bilder – ab Minute 3:25]

Babak Rafati: Bülow dreht sich mit dem Oberkörper nur zum Schuss, hat die Arme in natürlicher Haltung und vergrößert auch nicht die Körperfläche mit seinen Armen. Es liegt somit keine Absicht vor, sodass Weiterspielen die richtige Entscheidung gewesen wäre und mit dem Freistoßpfiff eine Fehlentscheidung vorliegt.

 

Szene 9: Herbert Paul (1860 München) geht in einem Zweikampf mit Makana Baku (Sonnenhof Großaspach), der daraufhin zu Fall kommt. Schiedsrichter Bastian Börner entscheidet auf Freistoß, aus dem das 1:1 fällt. [TV-Bilder – ab Minute 39:00]

Babak Rafati: Der Schiedsrichter steht sehr gut und kann den Zweikampf gut beobachten. Paul trifft Baku im Zweikampf von hinten an den Beinen, sodass dieser zu Fall kommt. Auch wenn das Foulspiel sehr unspektakulär aussieht, ist diese Entscheidung vertretbar.

Szene 10: Nach einer Flanke in den Strafraum will Simon Lorenz (1860 München) zum Ball, wird dabei jedoch von Michael Vitzthum (Sonnenhof Großaspach) getroffen und geht zu Boden. Kein Elfmeter, sagt Börner. [TV-Bilder – ab Minute 46:20]

Babak Rafati: Vitzthum läuft Lorenz im eigenen Strafraum in die Hacken und bringt ihn dadurch zu Fall. Auch wenn diese Aktion unabsichtlich geschieht, ist das ein Foulspiel – Absicht spielt bei Foulspielen keine Rolle. Hier hätte es Strafstoß für 1860 München geben müssen, sodass eine Fehlentscheidung vorliegt.

 

Szene 11: SVM-Keeper Erik Domaschke bringt Rufat Dadahov (Preußen Münster) im Strafraum zu Fall, einen Elfmeter gibt Schiedsrichter Marcel Gasteier nicht. [TV-Bilder – ab Minute 1:20]

Babak Rafati: Domaschke will zum Ball springen und im eigenen Strafraum klären, jedoch ist Dadashov schneller am Ball, sodass Domaschke nur den Fuß des Stürmers trifft und ihn klar zu Fall bringt. Für den Schiedsrichter ist es schwierig den Vorgang genau zu sehen, da er von hinten auf die Szene schaut. Hier hatte der Assistent aus dem seitlichen Blickwinkel die bessere Sicht und hätte somit helfen können. Eine Fehlentscheidung, weiterspielen zu lassen.

   
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