Erstaunliche Parallelen: Warum Aue und Ulm in der Krise stecken
Auch am 29. Spieltag blieb die erhoffte Wende aus: Sowohl der FC Erzgebirge Aue als auch der SSV Ulm verloren und liegen nun bereits neun Punkte hinter dem rettenden Ufer. Der Klassenerhalt scheint für beide Teams kaum noch realistisch. Obwohl sich die Vereine strukturell stark unterscheiden, zeigen sich in ihrer Krise erstaunliche Parallelen. Eine Analyse.
Talfahrt begann schon früher
Die sportliche Krise ist zwar erst in den vergangenen Wochen eskaliert – ihre Ursachen reichen jedoch deutlich weiter zurück. In Aue geht es bereits seit dem Zweitliga-Abstieg 2022 stetig bergab, einziger Ausreißer war die Saison 2023/24, als die Veilchen Sechster wurden. Trainer damals: Pavel Dotchev. Für den Drittliga-Rekordtrainer war es die dritte Amtszeit in Aue, ehe die Verantwortlichen im Herbst 2024 entschieden, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern. Und das, obwohl der FCE zu diesem Zeitpunkt nur knapp vor den Aufstiegsrängen lag. Letztlich musste Dotchev schon früher gehen. Ein großer Fehler, wie sich im Nachgang zeigte.
Auch in Ulm begann alles mit einer Trainerentlassung, als Aufstiegscoach Thomas Wörle im März 2025 gehen musste. Und das, obwohl er bei den Spielern und den Fans ein hohes Ansehen genoss. Entsprechend groß war das Unverständnis über die Entscheidung. Anschließend schafften es weder Robert Lechleiter noch Motz Glasbrenner und Pavel Dotchev, die Wende einzuleiten.
Trainereffekt verpufft
Apropos Trainer: Beim FCE ist Christoph Dabrowski der zweite Coach in dieser Saison, während Pavel Dotchev bereits als dritter Übungsleiter des SSV auf der Bank sitzt. Verpufft sind beide Wechsel. In Aue holt Dabrowski aus sieben Spielen gerade mal zwei Zähler und ist mit einem Punkteschnitt von 0,29 aktuell der erfolgloseste Trainer in der Vereinsgeschichte. Selbst unter Aleksey Shpilevskiy (2021) und Timo Rost (2022) lief es mit drei Punkten aus den ersten sieben Partien besser.
In Ulm schien Dotchev mit seiner Erfahrung als Rekordtrainer der 3. Liga genau der richtige Mann zu sein, doch diese Annahme erwies sich als Trugschluss. Gerade mal drei Siege und zwei Unentschieden holten die Spatzen aus den 15 Partien unter dem 60-Jährigen und stürzten in der Tabelle damit noch weiter ab. "Ich habe noch nie so eine Situation gehabt wie jetzt in Ulm", sagte er zuletzt. Bei anderen Stationen hätten seine Maßnahmen immer gegriffen, beim SSV dauere alles "viel zu lange". Geschieht kein Wunder, steigt Dotchev erstmal aus der 3. Liga ab.
Individuelle Fehler
Die Krise bei beiden Vereinen allein den Trainern anzulasten, wäre aber zu einfach. Schließlich erlauben sich beide Teams immer wieder individuelle Aussetzer. In Aue wechseln sich die individuellen Fehler inzwischen beinahe wöchentlich ab, selbst Kapitän Martin Männel verschätzte sich beim Spiel in München zuletzt böse. "Die Gegentore fallen zu einfach", sagte Dabrowski auch nach dem Spiel in Essen wieder. "Wir kassieren zunächst den Treffer per Hacke, und bei den anderen legen wir im Zentrum den Ball zu leichtfertig vor. Da komme ich mir vor wie bei 'Täglich grüßt das Murmeltier', weil das in einer Häufigkeit passiert." 52 Gegentore belegen die defensiven Probleme eindrucksvoll.
Ulm steht sogar schon bei 61 Gegentreffern und kassierte allein in den letzten drei Partien jeweils drei Stück. Auch am Sonntagabend im Heimspiel gegen den FC Ingolstadt sah die Abwehr vor allem beim 0:1 alles andere als gut aus. "Wir hätten ganz locker fünf oder sechs Punkte mehr haben können. Dann hätten wir eine ganz andere Ausgangslage", hatte Dotchev vor der Partie vorgerechnet. Die Realität sieht anders aus.
Kader zu schwach
Hinzukommt, dass beide Vereine ihren Kader vor der Saison überschätzt haben. Der FC Erzgebirge Aue verfügt mit Akteuren wie Martin Männel, Marvin Stefaniak, Julian Guttau und Marcel Bär zwar durchaus über gehobenes Drittliga-Personal, ist in der Breite aber viel zu dünn besetzt. Vor allem im Sturm gibt Bär den Alleinunterhalter, da weder Maximilian Schmid (ein Tor) noch Ricky Bornschein (null Tore) und Vincent Ocansey (null Tore) bisher für Akzente sorgen konnten.
Bei den Spatzen wurde nach dem Abstieg im vergangenen Sommer mehr Masse statt Klasse verpflichtet, auch im Winter kamen nochmal vier Neue hinzu, die bislang aber ebenfalls nicht dazu beitragen konnten, die Qualität deutlich zu erhöhen. Dass mit Markus Thiele und Stephan Schwarz in dieser Saison bereits zwei Sportdirektoren verschlissen wurden, sagt vieles aus. Dass gleich vier (!) Spieler zu Saisonbeginn einen Kreuzbandriss erlitten, gehört zur Wahrheit zwar auch dazu, erklärt den nicht drittligatauglichen Kader aber nicht.
Fazit
Neun Punkte Rückstand, dazu das schlechtere Torverhältnis, anhaltende individuelle Fehler und verpuffte Trainereffekte: Viel spricht derzeit dafür, dass sowohl der FC Erzgebirge Aue als auch der SSV Ulm den Abstieg kaum noch verhindern können. Zumal auch die Leistungen in den letzten Spielen wenig Anlass zur Hoffnung geben. Somit wird es für beide Vereine es in den verbleibenden Wochen vor allem darum gehen, sich mit Würde aus der 3. Liga zu verabschieden.