Englische Woche: Ulms große Chance – und vielleicht die letzte?

Mit einem Stotterstart ging es für den SSV Ulm hinein in die Englische Woche. Doch das höchst schmeichelhafte 1:1-Unentschieden beim Jahn aus Regensburg wahrt zumindest die Möglichkeit, binnen weniger Tage den Anschluss ans rettende Ufer wiederherzustellen. Warum die nächsten Tage große Möglichkeiten bieten – und die Elf von Pavel Dotchev in aktueller Verfassung trotzdem ein kleines Wunder vollbringen muss.

Nur punktuelle Konkurrenzfähigkeit

Ob sich ein paar Spatzen-Fans am Sonntagabend noch in den Livestream der Begegnung zwischen Schweinfurt und Saarbrücken geschaltet hatten? Sie sahen die wohl einzige halbwegs positive Nachricht des ganzen Wochenendes: Der FCS strauchelte beim abgeschlagenen Schlusslicht, obwohl er einen 0:2-Rückstand noch in ein 2:2 drehte – die Fans wandten den Saarländern trotzdem den Rücken zu, aus Ulmer Sicht ein gutes Zeichen, dass auch bei der Konkurrenz zuweilen die Nerven blank liegen. Der Abstand auf den rettenden 16. Platz bleibt aus Sicht des SSV vorerst bei fünf Zählern, ergänzt um ein wohl unumkehrbar schwächeres Torverhältnis gegenüber der gesamten Konkurrenz im hinteren Mittelfeld. Ein weiteres Trio ist bereits acht Punkte entfernt: Alemannia Aachen, die Reserve der TSG Hoffenheim sowie Jahn Regensburg, der Gegner vom vergangenen Samstag.

Das Beste vom Spiel in Regensburg war wiederum, dass nur exakt drei Tage darüber gesprochen werden muss, ehe der Spielplan den nächsten Arbeitstag vorschreibt. So kann das höchst glückliche Remis, das wohl nur Ulms Coach Dotchev im Nachgang mit Blick auf die Leistung irritierenderweise als "hervorragend" einstufte, schnell abgehakt werden. Auch wenn die Mannschaft des SSV im Jahr 2026 stabiler wirkt als im Vorjahr und wirklich nicht spielt wie ein Team, das kurz vor der Selbstauflösung steht, so ist die Konkurrenzfähigkeit nur punktuell gegeben.

Am Samstag war es primär der 20-jährige Max Schmitt im Tor, der einen sonnigen Tag erwischte und die Chancensalven des Jahn immer wieder entschärfte. Ein traumhafter Abschluss von Dennis Chessa stellte die Partie in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit mit dem 1:1-Ausgleich völlig auf den Kopf. Völlig skurril wäre es gewesen, hätte Lucas Röser in der Extra Time des zweiten Abschnitts etwas tiefer gezielt – so traf die zweite Ulmer Chance Aluminium und die 1.000 Ulmer Fans im Gästeblock verpassten den wohl glücklichsten Auswärtssieg ihres Lebens.

Kein Kollektiv auf Drittliga-Durchschnitt

8:8 Tore sowie acht Punkte stehen nach sieben Rückrundenspielen in der Statistik. Viel zu wenig, um das Handicap aufzuholen, das der SSV Ulm in der chaotischen Hinrunde angehäuft hatte. Auch die Bilanz von Trainer-Routinier Pavel Dotchev, an dessen Verpflichtung im vergangenen Herbst große Hoffnungen geknüpft waren, ist wenig erbaulich: Zu drei Siegen und zwei Remis gesellen sich sieben Niederlagen, ergo ein Punkteschnitt von 0,92 – kurioserweise entspricht das exakt dem Durchschnitt der Gesamtsaison.

Dotchev-Effekt? Fehlanzeige. Und das, obwohl dieser spätestens seit Winter auf eine nominell starke erste Elf zurückgreifen kann: Max Brandt, Dennis Dressel und Luca Bazzoli waren in Ulm oder anderswo schon Stammspieler in der 2. Bundesliga, über die Drittliga-Tauglichkeit von Marcel Seegert, Niklas Kölle, Jonathan Meier und Leon Dajaku gibt es in der Einzelbetrachtung keine zwei Meinungen. Doch als Kollektiv harmonieren die Donaustädter weiterhin nicht auf Drittliga-Durchschnitt und die personelle Qualität, die von der Ersatzbank aus zugeführt wird, ist kaum ausreichend.

Der Start in die Rückserie ließ anderes vermuten, als Ulm zunächst an Dotchevs ehemaliger Wirkungsstätte in Aue einen satten Hoffnungsschimmer aufblitzen ließ (3:0) und die wohl beste Leistung daheim gegen Duisburg direkt bestätigte (1:0). Doch gegen das graue Mittelfeld folgte Tristesse: kein Punkt in Mannheim trotz ordentlicher Moral (1:2), träge Harmlosigkeit gegen Aachen (1:3) sowie Saarbrücken (1:1), wo nur ein FCS-Torwartpatzer den Worst Case verhinderte.

Zwei pikante Duelle können die Hoffnung zurückbringen

Und nun eben das erzitterte 1:1 in Regensburg beim Duell zweier Vorjahres-Zweitligisten. Dass der Jahn dort ein völlig chancenloser Tabellenletzter war, während Ulm in der 2. Bundesliga mit fast allen Teams auf sportlicher Augenhöhe agierte, ist einige Monate später in keiner Art und Weise nachvollziehen. So viele falsche Personalentscheidungen wurden getroffen, so naiv wurde in Ulm im Sommer einer zu jungen, unerfahrenen, in der Breite zu schwach besetzten Mannschaft vertraut. Eine bittere Erkenntnis, für die es eine logische Erklärung gibt: Zwei Jahre Erfolg im Eilverfahren genügten für den langjährigen Regionalligisten nicht zur nachhaltigen Professionalisierung im Umfeld.

Noch ist die Resthoffnung gegeben, dass der Durchmarsch nicht in umgekehrte Richtung wiederholt wird und ab August wieder altbekannte Gegner wie Steinbach Haiger, Astoria Walldorf und die SG Barockstadt im Donaustadion gastieren. Und eigentlich hängt alles an dieser Englischen Woche. Warum? Weil nun zunächst mit der TSG Hoffenheim II die klar schwächste Rückrundenmannschaft nach Ulm reist. Es gibt keine zwei Meinungen, ein Heimsieg ist am Dienstagabend (19 Uhr) Pflicht. Lukrativer Bonus: Die Spatzen könnten die strauchelnde TSG tatsächlich noch in den Abstiegskampf reißen.

Direkt danach geht es, sogar mit einem Tag zusätzlicher Erholung, zu Schlusslicht Schweinfurt (Samstag, 14 Uhr). Jenen Aufsteiger, den Ulm an einem der ganz wenigen glücklichen Tage dieser Saison in der Hinrunde mit 5:1 aus dem eigenen Stadion schoss. Drei Punkte gehören auch hier ohne Wenn und Aber einkalkuliert. Doch das Saarbrücker Beispiel mahnt: Auch beim Letzten kann man stolpern. Es sind keine Sechs-Punkte-Spiele, aber eine Sechs-Punkte-Restwoche, die dem SSV Ulm damit bevorsteht. Im besten Fall könnte er am kommenden Wochenende wieder mittendrin sein im Kampf um den Klassenerhalt. Das führt aber nur über Auftritte mit ganz anderer Qualität als am Samstag in Regensburg.

   

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