Am Längeren Hebel #55: Der etwas andere Urlaub

Ja, ok ich weiß: Die Saison ist bald zu Ende und wir alle würden gerne in die Ferien fahren. Zwei Wochen Malediven (aber bitte mit TV-Verbindung nach Deutschland, Stichwort: Saisonfinale) hätte was. Südafrika? Würde ich auch machen. Auch gegen ein paar Tage London hätte ich nichts. Wir alle arbeiten – der eine mehr, der andere weniger – ja schon wieder seit 4 Monaten durch…. Aber lasse ich mich deswegen gleich beurlauben? Oder verständigt sich auf getrennte Wege? „Am Längeren Hebel“, Spezialausgabe, Brennpunkt: Trainersterben. Ich weiß, ich weiß… Das ist nun einmal die rechtlich-exakte Bezeichnung. Der Vertrag ruht, der Arbeitnehmer ist i.d.R. erst einmal von seinen Aufgaben entbunden, er wird eben beurlaubt. In der Politik spricht man von Freisetzung. Früher wurde man noch entlassen oder rausgeschmissen, heute verständigst du dich auf unterschiedliche sportliche Visionen oder suchst eine neue Herausforderung. Das klingt doch positiv oder anders formuliert: Euphemismen, wohin wir blicken…

Kuschel-Konsens

So ähnlich klingt es auch beim MSV Duisburg. Man habe sich „gemeinsam darauf verständigt, den auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern“. Das ist ja noch in Ordnung. Bei folgender Formulierung musste ich ein wenig schlucken: „Karsten Baumann und Markus Reiter waren und sind mit ihrem Elan und ihrer Leidenschaft für den MSV ein wichtiger Baustein, dass wir so frühzeitig den Klassenerhalt geschafft haben und im Finale des Niederrhein-Pokals stehen“. Verlängert wird der Vertrag am Saisonende dennoch nicht …

Nur einen Tag bevor bekannt wurde, dass Karsten Baumann nach Ende der Saison eine Pause einlegen DARF, war es Dietmar Hirsch, der die Füße hochlegen sollte. Er wurde entlassen. Entschuldigung: beurlaubt. Die Begründung war da schon echter: „Wir haben (..) die Situation analysiert und sind (..) zum Entschluss gekommen diesen notwendigen Schritt zu tun, um die negative Entwicklung zu stoppen und den Klassenerhalt nicht zu gefährden”. Bumm. Der arme Roland Seitz – eine Woche zuvor als sportlicher Leiter verpflichtet, dafür kann man mal einen Halbsatz verwenden – ist der Gelackmeierte. Denn er muss den Urlaub abbrechen um die Kohlen aus dem Feuer zu holen.

Andreas Bergmann wurde schon eine Woche zuvor beurlaubt. Aber, aufgepasst, mit sofortiger Wirkung. Kennt ihr das nicht? Der Chef kommt an und sagt: „Jetzt aber, geh` mal in der Urlaub. Das ist ja unfassbar…“ Jede Wette, die Trainer auf Mallorca oder sonst wo in der Welt machen ihre Handys aus – wer bricht schon gerne die Ferien ab? Überhaupt ist das doch seltsam, dass die Arbeitnehmer frei nehmen dürfen, die Mist machen. Ich stelle mir mal vor mein Kollege aus der Redaktion vermeldet, dass Jürgen Klopp Trainer von RB Leipzig wird. Darf er dann auf den Liegestuhl? Seltsame Vorstellung. Hätte in einer guten Welt nicht etwa Dirk Schuster eine Gratifikation verdient? Eigentlich müsste man ihn für alle Zeiten bezahlt faulenzen lassen.

Pro „Sacking“

Worauf will ich hinaus? Die Verlierer der Woche sind einerseits die Trainer, die ihren Beruf nicht mehr ausüben dürfen und andererseits auch die Vereine, die einen Neuen brauchen. Und irgendwie auch wir, die Journalie. Ja, ok, das ist maßlos übertrieben – ihr habt ja Recht. Offiziellerweise ist der Trainer eben nicht entlassen oder wurde herausgeschmissen. Arbeitsrechtlich ist das nicht korrekt. Und die Redaktion hat auch keine Lust sich mit juristischem Kram abzugeben (zumindest nicht bei diesem Thema). Deshalb sind wir korrekt. Aber es wird doch mal gesagt sein. Unsere englischen Kollegen scheren sich einen Dreck um Korrektheit. Da wird der Trainer traditionell „gesacked“. Klingt doch viel sensationeller.

Ich weiß, ihr denkt auch, der Autor ist doch urlaubsreif… Und, ja, stimmt ja auch. Die Gewinner der Woche sind im Übrigen nicht die Arbeitsrechtler wegen des Ansturms, sondern? Ich. Ganz klar, weil ich mich einmal so herrlich auskotzen durfte. Vielen Dank, ich wünsche euch einen schönen Urlaub. Ich hoffe, ihr wisst, wie ich das meine.

 

„stay tuned“ und eine urlaubsreiche Woche

Uli Hebel

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FOTO: Flohre Fotografie

 
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